Interview mit Boualem Sansal

Parallelen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden einige hochrangige Nazis Zuflucht in arabischen Ländern. Der algerische Autor Boualem Sansal setzt sich in seinem neuesten Roman kritisch mit diesem düsteren Kapitel der Zeitgeschichte auseinander. Von Martina Sabra

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden einige hochrangige Nazis Zuflucht in arabischen Ländern. Der algerische Autor Boualem Sansal setzt sich in seinem neuesten Roman kritisch mit diesem düsteren Kapitel der Zeitgeschichte auseinander. Martina Sabra hat ihn getroffen.


Boualem Sansal; Foto: C. Hélie Gallimard
Boualem Sansal: "Die jungen Leute in den arabischen Ländern wissen heute fast nichts über den Nationalsozialismus und den Holocaust." (Foto: C. Hélie Gallimard)

​​Herr Sansal, in Ihrem neuen Roman flieht ein SS-Angehöriger, den Sie im Roman Hans Schiller nennen, nach 1945 zunächst in die Türkei und nach Ägypten, wo man ihn in den 1950er Jahren als Militärexperten für die algerische Befreiungsarmee rekrutiert. Nach der Unabhängigkeit lebt er mehrere Jahrzehnte unbehelligt in einem algerischen Dorf, bis er schließlich in den 1990er Jahren einem Terrorangriff zum Opfer fällt. Ist diese Romanfigur rein fiktiv oder gab es ein reales Vorbild?

Boualem Sansal: Es gibt einen realen Hintergrund. Anfang der 1980er Jahre arbeitete ich als Ingenieur für das algerische Industrieministerium. Während einer Dienstreise über Land geriet ich zufällig in ein kleines Dorf bei Setif, das mir exotisch vorkam. In der nächsten Stadt erzählte ich Freunden davon.

Da meinte plötzlich jemand: Ach so, das Dorf des Deutschen! Ich erfuhr, dass es sich hier um eine besondere Figur handelte, denn dieser Deutsche war ein ehemaliger SS-Mann, ein alter Nazi mit übler Vergangenheit. Ich muss sagen, dass das für mich ein ziemlicher Schlag war. Ich hatte sehr romantische, idealisierende Vorstellungen vom algerischen Unabhängigkeitskampf. Zu entdecken, dass ein Nazi daran teilgenommen hatte, das hat mich schon ein wenig schockiert.

​​Diese Erkenntnis dürfte auch manche Deutsche überraschen. Bislang wusste man dank Büchern wie "Die Kofferträger" von Claus Leggewie und dank der Autobiografie von Mourad Kousserow, dass in den 1950er Jahren vor allem junge Linke aus Deutschland mit dem algerischen Befreiungskampf sympathisierten. Wissen Sie, wie viele Ex-Nazis im unabhängigen Algerien Zuflucht gefunden haben?

Sansal: Genaue Zahlen habe ich nicht. Ich denke, es waren Einzelfälle. Aber man muss sich unbedingt klarmachen, dass nach 1945 nicht alle deutschen Kriegsverbrecher nach Südamerika geflüchtet sind. Eine ganze Reihe haben in der arabischen Welt Zuflucht gefunden, in Ägypten, Syrien und anderswo. In Algerien waren sie weniger zahlreich, weil Algerien bis 1962 noch zu Frankreich gehörte.

Haben Sie den Deutschen und sein Dorf eigentlich persönlich kennengelernt?

Sansal: Nein, er war damals schon alt. Aber mir ging es auch nicht darum, die x-te Geschichte über einen Kriegsverbrecher zu schreiben. Ich wollte die Geschichte vom Standpunkt der Nachkommen aus erzählen, fragen, was es heißt, heute Verantwortung zu übernehmen, damit sich ein solches Verbrechen nicht wiederholt. Die jungen Leute in den arabischen Ländern wissen heute fast nichts über den Nationalsozialismus und den Holocaust. In Algerien steht der Zweite Weltkrieg zwar auf dem Lehrplan. Aber die historische Einzigartigkeit des deutschen Faschismus ist kein Thema. Und über den Mord an Millionen Juden und Nichtjuden spricht man überhaupt nicht.

Trotzdem muss man sich damit auseinandersetzen, wie auch mit der Judenfeindlichkeit in arabischen Ländern. Als ich jung war, sagten viele in Algerien nicht einfach "ihudi", sondern man fügte "hachek" hinzu, was in etwa bedeutete: "Entschuldige, dass ich das Wort 'Jude' ausspreche". Dasselbe galt, wenn man von der Ehefrau eines Gesprächspartners redete. Dieser Brauch ist zwar heute weitgehend verschwunden, aber er ist Teil unserer Geschichte.

Sie beschreiben in Ihrem Roman eindringlich die Orte des Grauens: Auschwitz, Buchenwald. Sind Sie eigens für den Roman dorthin gereist?

Aussenansicht des Konzentrationslagers Auschwitz, aufgenommen Ende Januar 1945; Foto: AP
"In Algerien ist die historische Einzigartigkeit des deutschen Faschismus kein Thema. Und über den Mord an Millionen Juden und Nichtjuden spricht man überhaupt nicht", berichtet Sansal.

​​Sansal: Nein, in Auschwitz war ich schon vorher gewesen. Meine erste Frau war Tschechin. Wir waren damals oft in Prag und irgendwann habe ich gesagt, lass uns für ein Wochenende nach Polen fahren. Die Erfahrung an diesem Ort hat mich tief geprägt. Auschwitz zu besuchen ist eine kolossale persönliche Prüfung und ich empfehle jedem, nicht zu tief zu schürfen. Es kann einen sehr aus der Bahn werfen, denn alle Überzeugungen und Werte, die man als Mensch haben kann, werden erschüttert. Der Glaube an Gott, an die Menschlichkeit, an alles. Nichts bleibt wie es ist.

In Algerien kann man Ihr Buch bislang nicht kaufen. Viele Algerierinnen und Algerier, die das Buch trotzdem gelesen haben und auch das algerischstämmige Publikum in Frankreich haben Sie kritisiert, weil Sie Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Islamismus ziehen. Ist das nicht tatsächlich übertrieben? Der Islamismus sieht doch nicht per se die Ausrottung bzw. Unterwerfung anderer Völker vor? Und nicht alle Islamisten wollen mit Gewalt die Scharia einführen bzw. Frauen unter den Schleier zwingen?

Sansal: Irrtum! Ich habe die Entwicklung des Islamismus seit seiner Entstehung bis heute verfolgt und die Diskurse analysiert. Es gibt meiner Meinung nach enorme Ähnlichkeiten, in vieler Hinsicht. Es gibt die Idee der Eroberung – die Eroberung der Seelen –, aber auch der Territorien. Und es gibt die Idee der Ausrottung, der Ausrottung all derer, die sich der Ideologie des Islamismus nicht unterwerfen. Insofern sehe ich durchaus Parallelen, und ich denke, man muss sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, wenn man dem Islamismus Einhalt gebieten will.

Bisher gibt es noch keine Pläne, Ihr Buch ins Arabische zu übersetzen. Dafür ist die Übersetzung ins Hebräische fast fertig. Würden Sie nach Israel reisen, um das Buch dort vorzustellen?

Sansal: Man hatte mich bereits nach Israel eingeladen - von der Zeitung Haaretz und von dem dortigen Verleger, und ich hatte auch schon zugesagt. Im Moment würde ich allerdings nicht reisen. Die neue Regierung unter Netanjahu und Liebermann steht für mich weit rechts - auf der Kippe zum Faschismus.

Martina Sabra

© Qantara.de 2009

Boualem Sansal, geboren 1948 in Teniet el Had in Algerien, ist studierter Ingenieur und Ökonom und war bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 2003 Direktor des algerischen Industrieministeriums. Für sein Debüt "Le Serment des Barbares" erhielt er in Frankreich 1999 den "Prix du Premier Roman". Für den Roman "Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum" wurde er mit dem begehrten "Michel-Dard"-Literaturpreis ausgezeichnet.

Boualem Sansal: "Das Dorf des Deutschen oder das Tagebuch der Brüder Schiller", Merlin Verlag, Gifkendorf 2009, 278 Seiten

Qantara.de

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