Interview mit Behrooz Ghamari-Tabrizi

Erosion eines islamischen Dogmas

Khomeinis Staatsmodell der "Herrschaft der Rechtsgelehrten" führte letztlich nicht zur beabsichtigten Islamisierung der iranischen Gesellschaft, sondern zu einer Transformation des Islam, wie der iranische Soziologe Behrooz Ghamari-Tabrizi meint. Mona Sarkis hat sich mit ihm unterhalten.

 

Behrooz Ghamari-Tabrizi; Foto: Mona Sarkis
Ghamari-Tabrizi: "Die Islamische Revolution beendete das säkulare System, doch gleichzeitig wurde das islamische Dogma ständig hinterfragt und an der politischen Realität gemessen."

​​Herr Professor Ghamari-Tabrizi, inwiefern manifestiert sich ein Widerspruch zwischen den religiös-politischen Ansprüchen des Klerus und der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Islamischen Republik?

Behrooz Ghamari-Tabrizi: Dafür möchte ich einige Beispiele anführen: Gemäß traditioneller islamischer Rechtsprechung ist Abtreibung verboten und nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Realiter aber treiben rund 90.000 Iranerinnen jährlich illegal ab. Der Staat war schließlich gezwungen, die Gesetze zu lockern, was 2007 auch geschah. Abtreibungen waren fortan nicht nur bei der Gefährdung der Mutter erlaubt, sondern auch, wenn der Fötus Missbildungen aufwies und die Eltern belegen konnten, dass sie den Bedürfnissen dieses Kindes finanziell nicht gerecht werden. Ein weiteres Beispiel ist der staatliche Plan zur Senkung des Bevölkerungswachstums. Mitte der 1980er Jahre hatte der Iran mit einem Bevölkerungswachstum von 3,6 Prozent eine der weltweit höchsten Zuwachsraten – vor allem dank der Propagierung der traditionellen islamischen Gesetzgebung, die Verhütung und Familienplanung ablehnt.

Die Islamische Republik erkennt aber, dass sie nicht über die Ressourcen für die kommenden Generationen verfügt und startete in den 1990er Jahren ein radikales Gegenprogramm: Neben der Verteilung kostenloser Verhütungspillen und Kondome führten sie 1996 eine obligatorische "Sexualitäts-Ausbildungslizenz" für Paare ein, die heiraten wollten. Es wurde über Verhütung aufgeklärt und das Modell einer Familie mit maximal zwei Kindern propagiert. Zudem errichteten sie landesweit 200.000 Gesundheitshäuser, in denen junge Paare in Familienplanung unterrichtet wurden. Anschließend sollten sie ihr Wissen an ihre Gemeinden weitergeben. Innerhalb von zehn Jahren wurde so die Wachstumsrate auf 1,2 Prozent gesenkt. Das ist weltweit beispiellos. Weil die Regierung diese Vorgaben in der Bevölkerungspolitik umsetzen musste, begann das hochrangige klerikale Establishment den Mullahs die Propagierung der an sich unislamischen Verhütung voranzutreiben. Das ist Pragmatismus pur.

Das bedeutet also eine gewisse Unterordnung der religiös-doktrinären Vorstellungen sowie Anpassungen an die Erfordernisse der Gesellschaft. Rührt dies nicht grundsätzlich an den Prinzipien der Islamischen Republik?

Ayathollah Khomeini; Foto: AP
Vor dem Hintergrund säkularer Tendenzen innerhalb des Systems der Islamischen Republik und der Gesellschaft, erscheint Khomeinis Staatsprinzip der "Herrschaft der Rechtsgelehrten" als politische Utopie.

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Ghamari-Tabrizi: Die Islamische Revolution beendete das säkulare System, doch gleichzeitig wurde das islamische Dogma ständig hinterfragt und an der politischen Realität gemessen. Infolgedessen sehen wir weit weniger eine Islamisierung der Gesellschaft als vielmehr eine Transformation des Islam. Dies war keineswegs eine beabsichtigte Folge der Islamischen Revolution, aber meines Erachtens sehr weitreichend hinsichtlich der Auswirkungen...

…was zweifelsohne dann auch zu enormen innerklerikalen und religiös-politischen Grabenkämpfen führte?

Ghamari-Tabrizi: Die Verwirrung war enorm und ist es noch heute. Ich erinnere mich an einen sehr bezeichnenden Vorfall: Als Ruhollah Khomeini 1988 den Schlichtungsrat ins Leben rief, um zwischen dem religionsfokussierten Wächterrat und dem staatlichen Parlament zu vermitteln, erklärte ihm Ayatollah Emami Kashani, der sowohl dem Wächter-, als auch dem Schlichtungsrat angehörte: "Ich bin so frustriert und verwirrt. Morgens prüfe ich im Wächterrat, ob die Interessen des Islam gewahrt werden und abends prüfe ich im Schlichtungsrat, ob die Interessen des Staates gewahrt werden. Wo liegt nun die Priorität?" Khomeini erwiderte: "Wenn es Abend wird, dann vergiss Deine Rolle am nächsten Morgen!"

Schiitische Gelehrte in Ghom; Foto: dpa
"Die Schia erklärte nie das Tor zum Idschtihad für geschlossen: Schiitische Gelehrte in Ghom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit

​​Khomeini hat einen Prozess in Gang gesetzt, der äußerst schwer kontrollierbar ist. Das Wort "Säkularisierung" benutzte bereits 1981 Ayatollah Bayat, als er Khomeini prophezeite, dass die Politisierung des Islam in eine "säkulare" Sichtweise münden würde. Noch ein anderes Beispiel demonstriert, wie weit Khomeini ging: Als 1988 ein arbeitnehmerfreundliches, aber investitionsfeindliches Arbeitsrecht erlassen wurde, wurde er kritisiert, weil der Islam Privateigentum und Investitionen sehr wohl respektiert und er an diesem Credo nichts ändern könne. Seine Antwort: Nach der Revolution sei die islamische Staatsführung das primäre Glaubensbekenntnis des Islam. Das hatte er bereits zwei Jahre nach der Revolution dem damaligen Parlamentssprecher geschrieben: "Der einzige, der entscheidet, was Islam ist und was nicht, ist das mit einer Zweidrittelmehrheit gewählte Parlament."

Welche langfristigen Folgen hatte diese Entwicklung für die iranische Gesellschaft? Löste dies eine gewisse religiöse Liberalität aus?

Ghamari-Tabrizi: Das kommt darauf an, wie man Religiosität definiert. Der Westen nimmt vor allem die Hauptstadt Teheran mit seinen modisch gekleideten jungen Männern mit ihren gegelten Haaren oder Frauen mit üppigem Make-Up wahr. Aber selbst unter diesen jungen Leuten verrichten viele ihre täglichen Gebete. Der schiitische Islam ist vor allem ein iranischer Islam und völlig anders als der arabisch-sunnitische. Beispielsweise erklärt jeder in der islamischen Welt seine Feiertage zu den wichtigsten, außer den Iranern. Ihr Neujahresfest fällt in den Frühling und geht auf eine Kultur aus der Zeit der Achämeniden (559-330 v.Chr.) zurück, in der der Frühling eine besondere wirtschaftliche Relevanz besaß. Präislamische, paganische Riten spielen also nach wie vor eine zentrale Rolle. Dem Westen und den Sunniten erscheint das alles widersprüchlich, aber nicht den Iranern.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sunnismus und Schiismus ist, dass Letzterer den "Idschtihad" betont, die laufende Neuinterpretation von Koran und Sunna. Ist das auch ein Grund dafür, weshalb in den arabisch-sunnitischen Ländern von diesem pragmatischen Umgang mit Religion so wenig zu sehen ist?

Ghamari-Tabrizi: Die Schia erklärte nie das "Tor zum Idschtihad" für geschlossen. Und sie kennt eine klare klerikale Hierarchie, was den Fatwas schiitischer Geistlicher viel mehr Gewicht verleiht als denen ihrer sunnitischen Kollegen. Entscheidend aber ist die Vermengung von Politik und Religion im Iran. Sie stellt den Islam in einen fortdauernden Referenzrahmen für sozialpolitische Entscheidungen. Dies ist eine Ironie, die alles auf den Kopf stellt: In den arabischen Staaten, die offiziell säkular sind, gibt es letzten Endes weit weniger Spielräume für eine innovative, kreative islamische Rechtsprechung als im selbsterklärt islamischen Iran, das seit 1979 – gleichgültig unter welcher Regierung – mit einer ungeheuer lebendigen Hermeneutik der Islaminterpretation aufwartet.

Interview: Mona Sarkis

© Qantara.de 2009

Behrooz Ghamari-Tabrizi ist Professor für Geschichte und Soziologie an der University of Illinois, Urbana-Champaign. 2008 erschien sein Buch "Islam and Dissent in Postrevolutionary Iran".

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