Interview mit André Azoulay

Kulturdialog als Motor für eine echte Partnerschaft

André Azoulay, Berater des marokkanischen Königs Mohammed VI und Leiter der "Euro-mediterranen Anna-Lindh-Stiftung", sieht im Kulturdialog eine Schlüsselrolle für die Zusammenarbeit zwischen der EU und den südlichen Mittelmeeranrainerstaaten. Mit ihm hat sich Moncef Slimi unerhalten.

Azoulay; Foto: M. Slimi
Die 2005 ins Leben gerufene Anna-Lindh-Stiftung hat den Auftrag, den interkulturellen Dialog zwischen den Ländern der EU und den südlichen Mittelmeeranrainerstaaten zu fördern.

​​Kann die neu gegründete Mittelmeerunion die Versäumnisse des Barcelona-Prozesses korrigieren und den Friedensbemühungen im Nahost einen neuen Impuls geben?

André Azoulay: Die "Union für das Mittelmeer" wird helfen, die Versäumnisse des Barcelona- Prozesses zu korrigieren und vor allem die Chancen für eine friedliche Lösung des Nahostkonfliktes zu verbessern. Denn eine Union, die Israelis, Palästinenser, Syrer und Ägypter - also fast alle Araber sowie auch Israeli -, an einen Tisch bringt, verleiht den Bemühungen für eine umfassende und gerechte Friedenslösung eine deutliche Legitimität und Akzeptanz. Und ich denke, Europa kann dabei eine verantwortungsvolle Rolle spielen.

Viele Bobachter meinen jedoch, dass die Europäische Union angesichts der US-amerikanischen Dominanz lediglich eine untergeordnete Rolle in Nahost spielen kann. Ist die Europäische Union überhaupt imstande, eine eigenständige Nah- und Mittelostpolitik zu formulieren und gegebenenfalls umzusetzen?

Dialog Juden und Muslime; Foto: AP
Wenn der Dialog zwischen Muslimen und Juden in Marroko funktioniert, sollte es auch in anderen Regionen klappen, findet Azoulay.

​​Azoulay: Meiner Meinung nach müsste die Europäische Union jetzt mehr Anstrengungen unternehmen, um den Friedensprozess anzukurbeln - vor allem um das momentane Vakuum in der Nahostdiplomatie, bedingt auch durch den US-Wahlkampf, zu kompensieren. In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass der Barcelona- Prozess aus der Dynamik der Madrid-Konferenz zu Beginn der 90er Jahre geboren wurde.

Inwiefern dominieren wirtschaftliche Interessen in den Beziehungen zwischen den nördlichen und südlichen Mittelmeerländern?

Azoulay: Tatsächlich ist es so, dass die Kooperationenmechanismen zwischen den nördlichen und südlichen Mittelmeerländern bisher in erster Linie auf rein wirtschaftlichen Grundlagen beruhten. Die "Union für das Mittelmeer" bedeutet jedoch eine bisher nicht gekannte qualitative Entwicklung, was die Perspektiven der künftigen Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten und den Anrainerstaaten des Südens anbelangt. Denn sie könnte den Abschied vom einseitigen, kurzfristigen "Nutzdenken" bedeuten.

Wenn es der "Union für das Mittelmeer" gelingen sollte, neue Visionen für eine echte, umfassende und gleichberechtigte Partnerschaft rund um das Mittelmeer zu formulieren, dann hätte sie eine wesentlich größere Legitimität als andere Initiativen.

Welches Sicherheitsverständnis wäre für eine partnerschaftliche Mittelmeerpolitik geeignet?

Azoulay: Meiner Ansicht nach kann man heute die Sicherheitsfrage nicht auf rein technische Maßnamen reduzieren. Die Sicherheit eines Staates beruht heute in erster Linie darauf, wie er in seiner Umgebung akzeptiert wird. Sie ist auch das Produkt der Gesamtentwicklung der Wirtschaft, Zivilgesellschaft und des demokratischen Bewusstseins. Mit der "Union für das Mittelmeer" werden wir diesem Verständnis näher kommen, denn sie umfasst die drei Säulen Politik, Wirtschaft und Kultur.

Welche Bedeutung hat die Bekämpfung des Extremismus und Terrorismus in der aktuellen Debatte um die Belebung der Mittemeerpolitik?

Azoulay: Auch Extremismus und Terrorismus stellen weder ein Sicherheits- noch ein Gerechtigkeitsproblem allein dar. Die Bekämpfung dieser radikalen Phänomene ist eine gesamtgesellschaftliche und internationale Aufgabe.

Die Rolle des Kulturdialogs bei der Institutionalisierung umfassender euro-mediterraner Kooperationsarchitektur scheint unklar zu sein. Was unternimmt die "Euro-mediterranen Anna-Lindh-Stiftung für den Dialog zwischen den Kulturen", um diese Lücke zu schließen?

Azoulay: Diese Auffassung teile ich nicht. Denn schließlich hat die Pariser-Deklaration zur Gründung der Union für das Mittelmeer ausdrücklich die Schlüsselrolle des Kulturdialogs - als wichtiges Instrument der Annähung und der Verständigung zwischen den Völkern - betont.

Zudem hat die "Euro-mediterranen Anna-Lindh-Stiftung" im Rahmen ihrer Aktivitäten und Projekte auf die Notwendigkeit der Integration zahlreicher Akteure der Zivilgesellschaft und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Europa sowie in den südlichen Anrainerstaaten aufmerksam gemacht. Nur mit Hilfe des Kulturdialogs kann ein fruchtbarer Dialog zwischen den Zivilgesellschaften auf beiden Seiten des Mittelmeers erfolgen.

Letztendlich geht es meines Erachtens darum, die Menschen für diese Projekte zu gewinnen, um trag- und zukunftsfähige Kooperationsstrategien umsetzen zu können. Die "Euro-mediterrane Anna-Lindh-Stiftung" wird sich dieser Aufgabe in den nächsten drei Jahren verstärkt widmen.

Interview: Moncef Slimi

© Qantara.de 2008

Aus dem Arabischen vom Loay Mudhoon

André Azoulay war Berater des marokkanischen Königs Hassan II. und berät heute dessen Sohn und Nachfolger Mohammed VI. Zusätzlich zu seinen vielen beruflichen Verpflichtungen setzt sich Azoulay seit über 30 Jahren für Frieden und Dialog zwischen der arabisch-muslimischen Welt und den jüdischen Gemeinden in Europa, Nordamerika und Marokko sowie auch in der arabischen und jüdischen Diaspora weltweit ein. Für seine Verdienste wurde Azoulay unter anderem mit dem angesehenen Orden der französischen Ehrenlegion, "Légion d'Honneur", ausgezeichnet.

Qantara.de

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