Interview mit André Azoulay

''Der Dialog der Kulturen ist meine Lebensaufgabe''

André Azoulay, Berater des marokkanischen Königs, ist in der arabisch-islamischen Welt eine Ausnahmeerscheinung: Er ist der einzige Marokkaner jüdischen Glaubens, der seit 20 Jahren zum inneren Machtzirkel in seinem Land gehört. Azoulay enagiert sich seit langem aktiv für einen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen. Rim Najmi traf ihn in Rabat.

André Azoulay, Berater des marokkanischen Königs, ist in der arabisch-islamischen Welt eine Ausnahmeerscheinung: Er ist der einzige Marokkaner jüdischen Glaubens, der seit 20 Jahren zum inneren Machtzirkel in seinem Land gehört. Azoulay enagiert sich seit langem aktiv für einen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen. Rim Najmi traf ihn in Rabat.


André Azoulay; Foto: Rim Najmi
"Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass wir uns nochmals mit Theorien auseinandersetzen müssen, die einen Kampf der Kulturen und einen Konflikt der Religionen als ausgemachte Sache betrachten", sagt André Azoulay.

​​ Herr André Azoulay, Sie werden Ende dieses Monates an der internationalen "Qantara.de-Konferenz" in Berlin teilnehmen, die sich mit der Rolle der Medien im Dialog der Kulturen befassen wird. Was erhoffen Sie sich von Ihrer Teilnahme?

André Azoulay: Nun ja, der Kampf für den Dialog der Kulturen und Religionen ist meine Lebensaufgabe. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert widme ich mich nun schon dieser Aufgabe und vielleicht werde ich es selbst gar nicht mehr erleben, dass die Bemühungen um einen echten, ehrlichen Dialog Früchte tragen werden. Aber das Engagement für dieses Ziel stellt für mich eine Verpflichtung dar, der ich mich weder entziehen kann noch will. Heute engagiere ich mich sogar mehr in diesen Fragen als jemals zuvor.

Das ist auch dringend nötig, denn leider hat sich die Welt teilweise zurückentwickelt und ihre Fähigkeit zur Vernunft eingebüßt. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass wir uns nochmals mit Theorien auseinandersetzen müssen, die einen Kampf der Kulturen und einen Konflikt der Religionen als ausgemachte Sache betrachten. Zum Beispiel ist doch meine eigene Kultur als arabischer Marokkaner jüdischen Glaubens keine Kultur der Konfrontation oder der Ablehnung des Anderen. Im Gegenteil, ich betrachte sie als eine Kultur der Offenheit und der interkulturellen Begegnung.

Vielleicht beten wir Gott in unterschiedlichen Sprachen an, abhängig davon, welche Sprache unsere heiligen Bücher sprechen. Doch am Ende bleibt es immer bei ein- und demselben Gott für alle Gläubigen.

Die Welt muss Kenntnis besitzen von dem Modell des friedlichen Zusammenlebens wie wir es in Marokko praktizieren. Religion und Kultur wurden für politische Zwecke missbraucht, häufig um ihnen die Schuld für politisches Versagen anzulasten.

Zwar ist die Tragödie in Palästina real, aber nicht weil es ein Konflikt zwischen dem Islam und dem Judentum gibt. Vielmehr liegen diesem Konflikt politische Probleme zu Grunde, für die es auch politische Lösungen geben sollte. Jene, die mit einer Sprache des Konflikts und des Kampfes zwischen den Kulturen und Religionen von diesen wahren Gründen ablenken, sind letztendlich doch diejenigen, die für die aktuelle Lage die Verantwortung tragen.

Es ist bekannt, dass Sie sich für einen unabhängigen palästinensischen Staat an der Seite Israels einsetzen. Wie beurteilen Sie unter dem Eindruck der aktuellen politischen Spannungen die Chancen auf eine Realisierung der Zweistaatenlösung? Sind Sie weiterhin optimistisch?

Drittes Forum der Initiative Allianz der Zivilisationen; Foto: Wikipedia
"Das langfristige Ziel der Anna Lindh Stiftung besteht darin, das Bewusstsein aller 750 Millionen Menschen im Mittelmeerraum für die Notwendigkeit einer gemeinsamen Herangehensweise an die Herausforderungen der Zukunft zu schärfen", erklärt Azoulay.

​​ Azoulay: Zuallererst einmal bin ich nicht bereit zu kapitulieren. Zwar wurden meine Leistungen bisher nicht entsprechend gewürdigt, doch ich kämpfe nun schon seit ungefähr 50 Jahren für die Idee eines unabhängigen palästinensischen Staates. In meiner Zeit als Kämpfer für die jüdische Sache fand, kurz nachdem ich 1973 in Paris die Gruppe "Identität und Dialog" gegründet hatte, mein erstes Treffen mit der PLO statt.

Zu dieser Zeit, in der ich ein integrales Mitglied des jüdischen Establishments war, wurde das Treffen als eine Art Hochverrat an der jüdischen Sache angesehen. Aber ich und meine Freunde aus der Gruppe "Identität und Dialog" standen zusammen und waren uns einig über die Notwendigkeit der Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates.

Ich erinnere mich noch daran, dass mein erstes Treffen mit einem Vertreter der PLO 1973 im Norden Marokkos noch im Geheimen stattfinden musste. Dieses Treffen wurde vom damaligen marokkanischen König Hassan II. organisiert. Im selben Jahr noch, dann in Toledo, traf ich schließlich mit Abu Mazin (Mahmud Abbas) und anderen Verantwortlichen der PLO zusammen. So waren wir, die alten Kämpfer, auf einmal zusammen vereint in einer Front für den Frieden, und das jetzt schon seit 36 Jahren.

Ich erinnere mich daran, wie ich damals sagte: Als Jude bin ich der Meinung, dass, so lange sich Palästina in dieser Lage befindet, auch meine Religion des Judentums in Gefahr ist. In meiner Vorstellung als Jude konnte ich nicht akzeptieren, dass die Palästinenser nicht dieselbe Achtung genossen wie wir es taten. Insbesondere auf den Feldern der Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit, der Menschenrechte oder der nationalen Kultur.

Ebenso wies ich darauf hin, dass, wenn wir über Dinge wie Gerechtigkeit, Identität, Ehre und Freiheit und all das reden, dann müssen wir diese Ziele für beide Völker gleichermaßen anstreben. Für die Juden kann es keine Ehre geben, wenn nicht auch die Palästinenser zugleich ihre Ehre erlangen. Genauso gibt es keine geteilte Freiheit, sondern nur die eine Freiheit, die für beide Parteien in gleichem Maße gelten muss.

Es gibt einfach keinen alternativen Lösungsansatz. Beide Seiten haben ja bereits alle anderen Lösungen ausprobiert, auch alle Arten von Konfrontation, wie Krieg oder Terrorismus. Doch all diese Gewaltlösungen sind grandios gescheitert. Vielleicht sollten wir dann mal eine Lösung ausprobieren, die bisher noch nicht ausprobiert wurde: Ein palästinensischer Staat, der alle Rechte genießt, Seite an Seite mit Israel.

Die Israelis müssen anerkennen, dass sich die Zukunft für ihre Kinder nur gemeinsam mit der Zukunft der palästinensischen Kinder erfolgreich entwickeln kann. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass es eines Tages zu einer Lösung kommen wird. Vielleicht morgen schon, vielleicht aber auch erst in 50 Jahren.


Gründungsveranstaltung der Mittelmeerunion; Foto: AP
"Die Gründung der Union für das Mittelmeer war zweifelsohne ein historischer Schritt. Es ist eine Errungenschaft dieses Projektes, wenn man heute auf beiden Seiten des Mittelmeeres von einer gemeinsamen 'Union' sprechen kann", sagt Azoulay.

​​ Weil Sie als Berater des Königs der einzige Marokkaner jüdischen Glaubens sind, der Zugang zum inneren Machtzirkel in Marokko hat, gelten Sie als Ausnahmeerscheinung in der arabischen und islamischen Welt. Kann Ihre Stellung eine bestimmte Signalwirkung an die Muslime haben?

Azoulay: Zunächst danke ich meinem Land, meinem König und meiner Konfession für dieses Privileg und für die Verantwortung, die damit einhergeht. Dass ich dieses Privileg genießen kann, belegt die Modernität und Menschlichkeit des heutigen Marokkos. Wie Sie vollkommen zu Recht angemerkt haben, bin ich tatsächlich das einzige Mitglied meiner Gruppe, welches Teil dieses auserwählten Kreises wurde. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Welt vor nicht viel mehr als 60 Jahren noch unter der Barbarei des Nationalsozialismus litt. Zu dieser Zeit war in unserer Nachbarschaft Marokko das einzige Land, das eine Botschaft der Achtung, der Menschenwürde und der Solidarität entsandte.

Ich habe die Geschichte keineswegs vergessen, sie ist mir sehr wohl noch präsent. Als vor 500 Jahren die Muslime und Juden unter der Inquisition in Spanien litten, standen sie Seite an Seite im Widerstand gegen diese Gräuel zusammen. Das zeigt doch, dass das Judentum und der Islam durchaus dazu fähig sind, eine fruchtbare Zusammenarbeit zu gestalten.

Sie sind der Präsident der Anna Lindh Stiftung für den Dialog zwischen den Kulturen im euro-mediterranen Raum. Welche konkreten Anstrengungen unternimmt Ihre Stiftung, um als Vermittler zwischen den Kulturen erfolgreich tätig werden zu können?

Azoulay: Zunächst möchte ich gerne darauf hinweisen, dass ich als Kandidat der Arabischen Liga zum Präsidenten der Anna Lindh Stiftung gewählt wurde. Es war das erste Mal in der Geschichte der Arabischen Liga, dass sie einen arabischen Juden ausgewählt hat, um sie bei einer internationalen Institution zu vertreten. Dieser Wahl wohnte eine ähnliche Symbolik inne wie meine Berufung zum Berater meines Königs. Jeder arabische Staat ist frei, in ähnlicher Weise zu handeln.

Die Anna Lindh Stiftung macht es sich zur Aufgabe, gemeinsame Projekte und Kooperationsprogramme im Rahmen der euro-mediterranen Partnerschaft mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in den Ländern der Europäischen Union und der Mittelmeeranrainerstaaten zu gestalten. Das Ziel dieser Kooperation ist, diese Partnerschaft von der Abhängigkeit staatlicher Strukturen zu lösen, damit die gemeinsamen Projekte in unseren Ländern mehr Legitimität erlangen können.

Unser langfristiges Ziel besteht darin, das Bewusstsein aller 750 Millionen Menschen im Mittelmeerraum für die Notwendigkeit einer gemeinsamen Herangehensweise an die Herausforderungen der Zukunft zu schärfen. Wir müssen raus aus den ministerialen Büros, und mehr auf die zivilgesellschaftlichen Akteure setzen. Dabei ist der Kulturdialog essentiell, denn er spielt eine zentrale Rolle bei der Korrektur von Stereotypen und Wahrnehmungsdefiziten. Das ist unsere eigentliche Aufgabe. Ohne Einbeziehung der Kultur ist eine echte Zusammenarbeit nicht möglich.

Auf die Initiative Frankreichs und Ägyptens hin wurde vor zwei Jahren die Union für das Mittelmeer ins Leben gerufen. Welche Ziele konnte dieses ambitionierte Projekt in der Zeit nach seiner Gründung bisher erreichen?

Azoulay: Die Gründung der Union für das Mittelmeer war zweifelsohne ein historischer Schritt. Es ist nicht möglich, dieses Projekt nach so kurzer Zeit schon endgültig zu beurteilen, selbst nach zehn Jahren wird uns das nicht gelingen. Eine Errungenschaft dieses Projektes ist es doch schon, wenn man heute auf beiden Seiten des Mittelmeeres von einer gemeinsamen "Union" sprechen kann. Das war vorher nicht möglich.

Die Union für das Mittelmeer bleibt aber ein auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegtes Projekt. Für mich ist es besonders wichtig, dass dieses Projekt den Geist gemeinsamer Zusammenarbeit atmet; es ist eine gemeinsame Vision, der wir mehr Zeit geben sollten, damit sie ihre edlen Ziele überhaupt erreichen kann. Ich für meine Person bringe diese Geduld auf, denn ich bin felsenfest vom Erfolg dieses Projektes überzeugt. Nur weil bisher noch keine sichtbaren Erfolge vorzuweisen sind, sollten wir die allgemeine Ausrichtung der "Roadmap" der Union nicht gleich in Frage stellen.

Interview: Rim Najmi

© Qantara.de 2010

André Azoulay ist Berater des marokkanischen Königs. Er gründete 1973 in Paris die Bewegung "Identität und Dialog", eine Gruppe, in der sich Mitglieder der jüdischen Elite für einen unabhängigen palästinensischen Staat an der Seite Israels aussprachen. Seit 2008 steht er der Anna Lindh Stiftung vor.

Übersetzung aus dem Arabischen: Christian Horbach und Loay Mudhoon

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

Qantara.de

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www
Website der Anna Lindh Stiftung

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