Interview mit Aatish Taseer

Den modernen Islam selbst kennenlernen

Der Schriftsteller und Journalist Aatish Taseer ist britischer Staatsbürger mit indischen Wurzeln. Richard Marcus sprach mit ihm über islamische Identitätsentwürfe, die heutigen Probleme des islamischen Kulturkreises und sein hoch gelobtes neues Buch Terra Islamica.

Der Schriftsteller und Journalist Aatish Taseer ist britischer Staatsbürger mit indischen Wurzeln. Richard Marcus sprach mit ihm über islamische Identitätsentwürfe, die heutigen Probleme des islamischen Kulturkreises und sein hoch gelobtes neues Buch Terra Islamica.


Schriftsteller Aatish Taseer; Foto: www.aatishtaseer.com
Aatish Taseer sagt: "Ich wollte reisen, um ein besseres Verständnis für die Welt meines Vaters zu entwickeln".

​​ Terra Islamica handelt von der Kluft zwischen Ihnen und Ihrem Vater, dem pakistanischen Politiker Salmaan Taseer. Mit welchen Erwartungen oder Hoffnungen haben Sie diese Reise in die Welt Ihres Vaters angetreten? Wollten Sie Ihr muslimisches Erbe aufspüren oder die Distanz zu Ihrem Vater überbrücken?

Aatish Taseer: Es ging mir jedenfalls nicht um religiöse Erfüllung oder um die Suche nach meiner Identität. Ich wollte den Abstand zwischen meinem Vater und mir besser verstehen. Denn ich spürte instinktiv, dass mehr dahintersteckte, dass es dabei nicht nur um unsere persönliche Beziehung ging. Was mich ursprünglich neugierig gemacht hat, war die Frage, inwiefern mein Vater, der sich selbst als Atheist betrachtet, trotzdem in vielerlei Hinsicht eindeutig ein Muslim ist.

Warum war Ihnen diese Reise so wichtig? Sie waren Ihrem Vater entfremdet, doch dies bereits seit fast zwanzig Jahren. Hofften Sie, ein neues Band mit ihm zu schmieden?

Taseer: Diese frühere Entfremdung von meinem Vater war überwunden. Erst seit Kurzem herrschte diese Funkstille zwischen uns. Und es fiel mir schwer, mich einfach von ihm abzuwenden, nachdem wir doch beide guten Willen gezeigt und uns versöhnt hatten. Es ging aber nicht nur um unser persönliches Verhältnis, sondern auch um Pakistan, das in meiner Familiengeschichte, väterlicher- wie mütterlicherseits, eine wichtige kulturelle und historische Rolle gespielt hat. Genau wie England, wo ich aufgewachsen bin. Ich hätte wohl kaum so tun können, als wäre diese neuerliche Entfremdung von meinem Vater nicht mit einem tiefen Gefühl von Verlust einhergegangen. Aber Versöhnung war nicht das eigentliche Ziel meiner Reise. Es wäre mir komisch vorgekommen, mit so klaren persönlichen Vorgaben loszuziehen. Ich wollte reisen, um ein besseres Verständnis für die Welt meines Vaters zu entwickeln.

Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, eine so persönliche Angelegenheit wie das Verhältnis zu Ihrem Vater in dem Buch zu thematisieren? Spielt es eine so zentrale Rolle für Sie, oder hätten Sie nicht auch ohne persönlichen Bezug Reflexionen über den muslimischen Glauben anstellen können?

Taseer: Nein. Das Persönliche hat zwar auch Bezüge zu größeren Zusammenhängen, das ist ja meistens so. Aber ich bin kein Islam-Spezialist, sondern habe über das Thema geschrieben, weil es mir ein persönliches Anliegen war. Es wäre mir sehr sonderbar vorgekommen, über diesen persönlichen Antrieb einfach hinwegzugehen, zumal das Buch ja mein Debüt ist. Das Verhältnis zu meinem Vater ist auch nur ein Aspekt. Viel wichtiger ist die Teilung Britisch-Indiens. Der Schatten dieses Ereignisses liegt ja über allem, was in dem Buch erzählt wird – und meiner Meinung nach auch über vielen Entwicklungen, die gegen Ende des letzten Jahrhunderts in der muslimischen Welt ihren Anfang genommen haben. Bezogen auf dieses Ereignis hat dann auch das Verhältnis meiner Eltern an Bedeutung gewonnen. Und der tiefe Schmerz, den mein Großvater mütterlicherseits stets darüber empfunden hat, von seinem Land abgeschnitten zu sein.

Für Ihr Buch haben Sie neben Pakistan viele weitere Länder bereist. Erwähnt werden aber lediglich die Türkei, Syrien, Saudi Arabien und der Iran. Warum gerade diese?

Taseer: Weil man die Schwierigkeiten des Islam, sich politisch an die modernen Zeiten anzupassen, in diesen Ländern sehr gut sehen kann. In der Türkei hat sich der Säkularismus in eine sanfte Tyrannei verwandelt, bei der der Staat die Predigten schreibt und die Geistlichen ernennt. In Syrien stand Säkularisierung jahrelang nicht auf dem Programm, wird aber jetzt allmählich virulent. Der Iran ist von einer Revolution durchzogen worden, weshalb man hier gut sieht, was anderswo womöglich erst noch kommt.

Und schließlich Pakistan als ein Land, das meines Erachtens für seinen Glauben den allerhöchsten Preis bezahlt hat. Das mit sich selbst und seiner Geschichte gebrochen hat, um auf hauchdünnem Fundament einen neuen Staat zu errichten. Der von Anfang an ein einziges Desaster gewesen ist. Sechzig Jahre später haben Millionen von Menschen ihre Habe verloren und stecken randvoll mit Hass und Lügen. Das ist alles noch lange nicht erledigt. Die abstoßende Idee einer religiös geläuterten Gesellschaft ist in den Köpfen der Leute immer noch nicht ganz diskreditiert, obwohl sie im Alltag praktisch keine Rolle mehr spielt. Außerdem der Krieg, die Unsicherheit, und dann mischen sich auch noch Mächte aus dem Ausland ein. Es ergibt ein ziemlich trostloses Bild. Schwer zu sagen, wie dieses Land jemals wieder zu sich zurückzufinden soll.

Saudi Arabien lass ich jetzt einmal außen vor, weil es in dem Buch ja nur am Rande vorkommt.

Sie erwähnen unter anderem die Wahhabiten und ihren Einfluss auf den modernen Islam in Ländern wie Saudi Arabien. Was ist das für eine Gruppierung, wie groß ist ihr Einfluss wirklich, und woran erkennt man ihn?

​​ Taseer: Die Wahhabiten hatten auch ihre Vorläufer, und zwar interessanterweise immer dann, wenn der Islam sich in Gefahr wähnte. Ibn Taymiyah, der im 13. Jahrhundert lebte, als die Mongolen sich gerade Bagdad in die Tasche steckten, gilt manchen als der erste wahhabitische Gelehrte überhaupt. In Wirklichkeit ist die Bewegung erst im 18. Jahrhundert aus der Allianz eines Gelehrten aus der Region Najd, Ibn Abd al-Wahhab, mit dem saudischen Häuptling Muhammad bin Saud entstanden. Diese Bewegung, die gewissen Auswüchsen des Glaubens entgegentrat und sich für einen reineren, eher arabischen Islam einsetzte, hatte zunächst durchaus gewissen politischen und religiösen Erfolg. Dann wurde sie jedoch niedergeschlagen, und zwar komplett, von den Osmanen.

Dass sie im 20. Jahrhundert wieder mehr Zulauf bekam, hängt mit der neuen wirtschaftlichen Stärke Saudi-Arabiens zusammen, die den Ölreserven des Landes zu verdanken ist. Saudi-Arabien hat diese Macht bewusst genutzt, um den Wahhabismus dort zu verbreiten, wo es mildere, tolerantere Formen der Religionsausübung gibt. Aber das ist wohl kaum der einzige Grund. Außerdem würde es den ursprünglichen Erfolg der Bewegung nicht erklären. Ich glaube eher, der Wahhabismus steht innerhalb des Islam für eine Tendenz, wie es sie vielleicht auch im Kontext anderer Denksysteme gibt: Wenn man mit einer politischen oder intellektuellen Herausforderung konfrontiert ist, für die man sich nicht stark genug fühlt, macht man lieber die Schotten dicht und zieht sich auf sich selbst zurück.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass bestimmte religiöse Führer die Geschichte verfälschen, um Muslime weiterhin als Opfer von Verfolgung darstellen zu können. Was soll damit bei den Gläubigen erreicht werden?

Taseer: Das hat für sie etwas Tröstliches. Sie fühlen sich dann für ihr Elend nicht selbst verantwortlich, sondern glauben, dass es eine große Verschwörung gegen sie gibt, dass man sie unterdrücken will. Also betrachten sie die große, moderne Welt weiterhin mit einer Mischung aus Neid und Abscheu, ohne sich näher mit ihr zu befassen. Aber das ist ein Teufelskreis. Je weniger man sich auf die moderne Welt einlässt, desto schneller gerät man ins Hintertreffen. Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, wird dann immer schwieriger. Umso leichter wird man zum Opfer schmieriger Fanatiker, die einem beruhigende Lügen eintrichtern.

Sie haben letztlich ein ziemlich negatives Bild vom heutigen Islam gezeichnet. Wie Sie den Iran und Syrien oder die Empfindungen junger Muslime in der Türkei und Großbritannien darstellen, oder auch, wie Sie Ihren Vater beschreiben, als "gemäßigten Muslim", der aus Ihrer Sicht "zu wenig gemäßigt" ist und dies auch noch "in den falschen Bereichen". Haben Sie auf Ihren Reisen auch andere Eindrücke gewonnen – sich vielleicht mit irgendetwas identifizieren können? Sind Sie nirgends darauf gestoßen, dass der Islam vielleicht doch mehr sein könnte als ein Amalgam aus Wut und Ressentiment?

Taseer: Mit dieser Frage unterstellen Sie mir etwas. Sie wollen wissen, ob ich auch etwas "Positives" von meinen Reisen mitgenommen habe. Nun, ich finde es nicht "positiv", ein Land zu bereisen und die Augen vor der Realität dieses Landes zu verschließen. Ich halte es auch nicht für zielführend, wenn englische Grünschnäbel mit Erfahrungsberichten über lebhafte orientalische Märkte und überschwängliche Gastfreundschaft von dort zurückkommen. Zum Glück stamme ich vom indischen Subkontinent, wo es auch jede Menge buntes Markttreiben gibt und eine großzügige Mentalität weit verbreitet ist, sodass ich bei den düsteren und tyrannischen Verhältnissen in Syrien oder im Iran nicht wegzuschauen brauche, nur um in möglichst guter Stimmung wieder nach Hause zu kommen. Ich finde es zynisch und herablassend, irgendwo hinzufahren und hinterher zu erzählen, dass die Leute da auch viel Spaß und gute Laune haben können – als ginge es nicht um viel mehr. Und bei Leuten, die dieses Mehr von zu Hause gewöhnt sind, ist eine solche Haltung Fremden gegenüber einfach nur arrogant.

Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, was Nicht-Muslime nach der Lektüre Ihres Buches denken werden? Was sie davon mitnehmen?

Taseer: Nein, das nicht. Das Buch ist in elf Ländern erschienen, von denen ich manche nie besucht habe. Was "Nicht-Muslime" insgesamt darüber denken – keine Ahnung.

Die englische Ausgabe von Terra Islamica ist bereits vor über einem Jahr erschienen. Wie war die Reaktion der Muslime im Allgemeinen und Ihrer Familie im Besonderen?


Flüchtlinge während der Ereignisse der Teilung von Britisch-Indien 1947; Foto: Margaret Bourk-White/Quelle: Wikipedia
"Wenn man sich vor Augen hält, dass eine gemeinsame Kultur allen forcierten Brüchen zum Trotz fortbesteht, muss man die philosophische Rechtfertigung für die Teilung Britisch-Indiens zurückweisen", meint Taseer.

​​ Taseer: Das kann ich letztlich nicht beurteilen. Allerdings habe ich die meisten Zuschriften aus Pakistan erhalten, wo das Buch zwar nicht offiziell erschienen ist, aber gleichwohl vertrieben wird. Besonders berührt hat mich die Nachricht eines pakistanischen Studenten, der mir schrieb: "Hier teilen viele Ihre Ansichten, aber aus Gründen, die ich Ihnen nicht zu erklären brauche, würde man so etwas hier nicht schreiben." Andererseits gab es auch muslimische Rezensenten, in Australien, Indien, England und auch Pakistan, die das Buch ziemlich niedergemacht haben. Was interessant ist.

Sowohl sich selbst als auch Ihren Vater bezeichnen Sie an einer Stelle des Buches als "Stranger to History", also als einen Menschen, der seinem geschichtlichen Kontext entfremdet ist.

Taseer: Der Titel der englischen Originalausgabe funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Im Hinblick auf meinen Vater dachte ich dabei an Pakistan und wie sich dieses Land von seiner gemeinsamen Geschichte mit dem indischen Subkontinent abgewandt hat, um seine Glaubensziele zu verwirklichen. Dieser historische Bruch war das eine. Ich hatte aber auch allgemein die Ablehnung des prä-islamischen Indiens seitens der Muslime vom Subkontinent im Kopf. Eine Ablehnung, die sich in sehr nachhaltigen Illusionen über die eigene Herkunft übersetzt hat. Oft sind diese Menschen überzeugt, dass ihre Wurzeln in Ländern liegen, wo der Glaube "reiner" ist, in Afghanistan oder Persien. Und dann war da natürlich noch meine persönliche Entfremdung von meinem Vater und von dem Land Pakistan, das sehr viel mit meinen Eltern zu tun hat.

Gegen Ende des Buches schreiben Sie, ein großer Gewinn Ihrer Reise sei gewesen, dass Sie wieder eine Verbindung zu Pakistan angeknüpft hätten. Welche Bedeutung hat dies im Hinblick auf die Entfremdung von Ihrem Vater?

Taseer: Bei Pakistan ist mir die Beziehung zum Land und zu den Menschen wichtig. Obwohl da viel Distanz entstanden ist, stellen das Land und seine Kultur noch immer einen Teil der gemeinsamen Kultur des Subkontinents dar. Die Sprache, die Kastengesellschaft, die Dichtung, die Volkslieder – das sind gemeinsame Traditionen. Und solche Traditionen, nicht die Religion, die sich als viel zu schwaches Bindemittel erwiesen hat, machen eine Gemeinschaft aus. Wenn man sich vor Augen hält, dass eine gemeinsame Kultur allen forcierten Brüchen zum Trotz fortbesteht, muss man die philosophische Rechtfertigung für die Teilung Britisch-Indiens zurückweisen. Die Zwei-Nationen-Theorie, derzufolge Muslime und Hindus aufgrund ihrer verschiedenen Religion nicht im selben Staat zusammenleben können, ist falsch. Es gibt keine zwei indischen Staaten, sondern nur eine einzige indische Gesellschaft: gigantisch, pluralistisch. Sie wird von einer Idee zusammengehalten, die genauso hintergründig und keinen Deut weniger wirkmächtig ist als die Griechenlands oder Europas. Diese Einheit muss die Gesellschaft wiederfinden, nicht im Sinne fragiler nationaler oder religiöser Konstrukte, sondern als Teil einer dem Kontinent würdigen friedlichen Lösung.

Sie wollten herausfinden, was Sie mit Ihrem Vater gemein haben, und verstehen, warum Menschen, die ihre Religion nicht ausüben, sich dennoch als Muslime bezeichnen. Würden Sie sich selbst noch so bezeichnen, nach allem, was Sie auf Ihren Reisen gesehen haben? Und obwohl Sie mit Menschen wie Ihrem Vater offenbar nichts gemein haben?

Taseer: Nein. Mir ist klar geworden, dass ich dieser "Kultur des Glaubens", wie Mustafa as-Sibaa'ie sie genannt hat, weder im religiösen noch im kulturellen Sinne jemals angehören könnte. Diese Kultur hat ja letztlich mit einer Vision von Reinheit zu tun. Es gibt zu viele hybride Elemente in meinem Leben, die mir zu viel bedeuten, als dass ich mir eine solche Weltsicht zu Eigen machen könnte.

Interview: Richard Marcus

© Qantara.de 2010

Übersetzung aus dem Englischen: Ilja Braun

Aatish Taseer: Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters. Aus dem Englischen von Rita Seuß. München: C.H. Beck 2010.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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