Interview Margot Badran:

''Islamischer Feminismus ist ein weltweiter Diskurs''

Die Historikerin Margot Badran konzentriert sich als Spezialistin für Gender Studies auf den Nahen Osten und die islamische Welt. Im Interview mit Yoginder Sikand spricht sie über islamischen Feminismus und die Rolle der Frau im Islam.

 

Margot Badran; Foto: www.womenstudies.wisc.edu
Margot Badran hält Vorlesungen über Feminismus und den Islam in den Vereinigten Staaten, im Nahen Osten und in Afrika und schreibt auch für zahlreiche Zeitungen.

​​Wie würden Sie den Begriff "Islamischer Feminismus" definieren? Was unterscheidet ihn von einem "Muslimischen Feminismus"?

Margot Badran: "Islamischer Feminismus" ist ein Diskurs über Frauen und Gender, der sich auf religiöse Texte gründet, von denen der Koran natürlich der wichtigste ist; es geht aber auch um das vom Koran bestimmte Alltagsverhalten und Rituale, die in diesen Diskurs einfließen.

Den Terminus "Muslimischer Feminismus" gebrauche ich ungern, er wird aber auch allgemein eher selten gebraucht. Eine Muslimin mag eine Feministin sein, die einen feministischen Diskurs verwendet, der aus verschiedenen Strängen bestehen kann, wie zum Beispiel nationalistischen Elementen (sei es arabischer, ägyptischer, türkischer oder ein anderer Nationalismus), dem Islam, den Menschenrechten, Demokratie usw., aus Elementen, die sie in besonderer, persönlicher Weise betreffen. Es ist ihr ganz eigener Diskurs, geprägt durch ihre eigenen Erfahrungen und Akkulturation.

Der islamische Diskurs ist Teil dieses feministischen Diskurses mit mehreren eigenen diskursiven Strängen, wohingegen der islamische Feminismus auf einem islamischen Diskurs basiert, der eher ausschließend und dominant funktioniert. Muslimische Frauen mögen ihren eigenen feministischen Diskurs verwenden (ob nun allgemeiner oder vielschichtigerer Natur), ebenso aber auch einen islamischen feministischen Diskurs. Lassen Sie mich ein historisches Beispiel anführen: In der Zeit der britischen Besatzung und in den Anfängen der post-kolonialistischen Ära kämpften ägyptische Feministinnen Seite an Seite für das Recht auf Bildung. Einerlei, ob sie Muslime waren oder Christinnen, benutzen sie hierfür nationalistische Argumente. Gleichzeitig aber führten die muslimischen Feministinnen islamische Argumente ins Feld, um ihre Sache zu vertreten, da im Islam ihrer Ansicht nach allen Gläubigen der Weg zum Wissen offen stehe. Als es aber um die Reform des muslimischen Personenstandrechts (moudawana) ging, war dies eine ausschließlich muslimische Kampagne, geführt von muslimischen Feministinnen, die einzig islamische Argumente ins Feld führten, um für fortschrittlichere Gesetze auf der Grundlage der Sharia zu kämpfen. (…)

Wie gehen islamische Feministinnen mit Aspekten des islamischen Rechts (fiqh) um, die den Frauenrechten sehr negativ gegenüber zu stehen scheinen?

Badran: Weibliche Gelehrte - egal, ob sie dem islamischen Feminismus oder dem ijtihad (Rechtsfindung aus dem Koran und anderen religiösen Schriften) nahe stehen - erkennen die unermessliche Frauenfeindlichkeit des traditionellen fiqh. Eine neue Interpretation des Korans muss die Basis sein für eine Reformierung des fiqh, also für den Aufbau eines neuen Rechtssystems.

Einige Gelehrte, wie Aziza al Hibri, beschäftigen sich direkter mit der Rechtssprechung. Was den hadith (die Überlieferung der Aussprüche und Taten Mohammeds) betrifft, so kennen immer mehr Menschen die Arbeiten von Fatima Mernissi, die sich der Instrumente klassischer islamischer Methodologie bediente, um die hadith mit einem Bezug zur Rolle der Frau und Gender zu analysieren. Darin weist sie überzeugend nach, dass viele der hadith zweifelhaft oder gar gefälscht sind, und dass einige derjenigen, die als gesicherter gelten können, oft aus ihrem Kontext gerissen wurden. Immer mehr Frauen unterziehen die hadith einer genauen Prüfung und stellen fest, dass viele den Grundprinzipien des Islam widersprechen.

Warum eigentlich nehmen die Frauen im allgemeinen muslimischen/islamischen Diskurs eine so große Rolle ein?

Badran: Die beste Möglichkeit, sich darüber klar zu werden, besteht darin, ihn in den Kontext der Patriarchie zu stellen — also patriarchalische Denkstrukturen, Verhaltens- und Kontrollmechanismen muslimischer Männer, welche die Patriarchie zu einer islamischen Angelegenheit per se gemacht zu haben scheinen. Praktisch in allen alten islamischen Gesellschaften wurden Frauen und ihre Reinheit (wenn auch unterschiedlich definiert) verknüpft mit der Ehre von Männern und ihren Familien, ein Diskurs, der wiederum immer stärker verbunden wurde mit dem Islam an sich (oder "legitimiert" durch seine Verknüpfung mit dem Islam). Wir sehen aber, dass diese Verknüpfung von Ehre und sexueller Reinheit der Frauen auch für die Angehörigen anderer Religionen in denselben Gesellschaften galt, dass sie die Grenzen einer einzelnen Religion also durchbricht. Es betrifft die Muslime genauso wie Angehörige anderer religiöser Gemeinschaften. Die enge Verknüpfung zwischen Ehre und sexueller Reinheit der Frauen wiederum gebot die Kontrolle der Frauen und diejenigen, die kontrollieren, sind Männer oder ihre Stellvertreter, in unterschiedlicher Ausprägung von Alter, Position, Klasse etc. (innerhalb und außerhalb der Familie).

Das patriarchale System verlangt nicht nach der Kontrolle von Männern. Wenn einige Frauen sexuell nicht rein sind, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass einige Männer es auch nicht sind. So macht man sich kulturelle Ideen nutzbar und übersteigert sie im Dienste politischer Ideologien und Verhaltensweisen. Frauen und die Kinder, die sie großziehen, werden durch eine strikte Ideologie des Körpers, des Geschlechts und der Ehre kontrolliert. Frauen und ihre Körper dienen jedoch gleichzeitig auch als Embleme der Reinheit — und der Politik — einer Gruppe (sei es eine Nation oder eine religiöse Gruppe). Das Kopftuch wird zu einer Art Staatsflagge und zu einem politischen Symbol.

Unsere islamische Ausbildung lehrt uns, dass Kleidungsregeln und das Gebot einfacher Kleidung für Männer ebenso gelten wie für Frauen, und dass auch von ihnen sexuelle Reinheit verlangt wird. Männer und Frauen sind in gleichem Maße gehalten, die Vorschriften, die ihnen der Islam auferlegt, zu befolgen und sollen sich gleichermaßen der taqwa (Frömmigkeit, richtiges Verhalten) verschreiben. Denkt man länger darüber nach, ist ja schon die Fixierung auf den weiblichen Körper eine Art sexueller Obsession — genauso wie es die Fixierung von Frauen auf den männlichen Körper und seiner Kleidung wäre, wenn es so etwas gäbe. Doch die Fixierung auf den weiblichen Körper ist ein politisierender Mechanismus, deshalb liegt die Antwort auf Ihre Frage im politischen Bereich und dem sozialer Kontrollmechanismen.

Wie können die Einsichten des islamischen Feminismus ihren Weg in die islamische Orthodoxie finden, vor allem in die madrassahs (Koranschulen)? Geschieht dies bereits? Wissen Sie, ob es bereits Koranschulen für Frauen gibt, in denen islamische feministische Texte gelehrt werden?

Badran: Lassen Sie mich zunächst etwas über die Zentren islamischer Lehre oder madrassahs im Allgemeinen sagen. Der Begriff, genauso wie die Institution der madrassah selbst, spiegelt sowohl in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht eine große Bandbreite wider. Mit madrassah mag sowohl eine Art allgemeiner islamischer Ausbildung gemeint sein, aber auch eine bestimmte institutionelle Struktur. An vielen Orten existieren die von religiösen Lehrern geleiteten madaessahs nicht mehr als Teil eines staatlichen oder staatsnahen Bildungssystems. Statt ihrer breiten sich in letzter Zeit über den gesamten Nahen Osten religiöse Privatschulen aus, die normalerweise nicht als madrassahs bezeichnet werden und die gewissen staatlichen Vorgaben entsprechen müssen, wenn ihre Abschlüsse anerkannt werden sollen.

Zu Ihrer Frage verweise ich auf die Al Azhar Universität, als der anerkanntesten Lehrinstitution Ägyptens mit ihrem großen Angebot an Fakultäten und Fachbereichen, die sich über das ganze Land erstrecken. Für diese Institution lässt sich Ihre Frage in jedem Fall positiv beantworten. Die Ideen des islamischen Feminismus werden vielleicht nicht explizit als solche unterrichtet, doch immerhin eingebettet in andere Themen.

Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Rechtssprechung anführen: Die Dekanin des Women’s College der Al Azhar Universität, Dr. Suad Salih, ist zugleich Professorin für "Comparative Fiqh", also vergleichende Rechtssprechung. Sie lehrt am Women’s College und leitet auch das Gremium, das die PhD-Kandidaten prüft. Sie bewertet also das Verständnis der jungen Männer und Frauen für religiöse Wissenschaften, insbesondere in Bezug auf den fiqh. Diese hoch qualifizierte und respektierte Frau kennt sich in der Materie aus wie kaum eine andere und weiß daher, dass es aus rechtlicher Sicht kein Hindernis für Frauen gibt, Mufti zu werden oder Ratgeber in Religionsfragen. Tatsächlich versuchte sie, selbst zum Mufti ernannt zu werden. Und historisch belegt sind einige Frauen, die als Mufti fungiert haben. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das von Aisha, der Frau des Propheten. Und doch fand sich Dr. Suad plötzlich in der Rolle wieder, dafür kämpfen zu müssen, dass Frauen Muftis werden können. Damit soll gezeigt werden, dass sich die Ideen des islamischen Feminismus selbst in diesen hohen Hallen religiöser Ausbildung kursieren. (…)

Wie begegnen Sie dem oft zu hörenden Vorwurf, dass islamischer Feminismus ein Import aus dem Westen sei und eine Verzerrung und Fehlinterpretation des wahren Glaubens, so wie die salaf us saleh, die frühen Muslime und Begleiter des Propheten, ihn verstanden?

Badran: Der islamische Feminismus basiert auf dem Koran und anderen religiösen Texten und ist weder ein Import aus dem Westen noch aus dem Osten. Es ist ein weltweiter Diskurs. Es gibt viele Verse im Koran, die darauf hinweisen, dass der Islam eine universelle Religion ist, die keine geographischen oder kulturellen Grenzen kennt. Dies wird besonders in der Sure "Al Nur" deutlich: "Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist gleich einer Nische, in der sich eine Lampe befindet: Die Lampe ist in einem Glas; das Glas gleich einem funkelnden Stern. Angezündet (wird die Lampe) von einem gesegneten Ölbaum, der weder östlich noch westlich ist […]" (24:35) Die spezifischen Formen, die der islamische Feminismus als Bewegung annimmt, sind lokal geprägt. Sie entstehen von innen.

Ich gebe ihnen zwei Beispiele: In Ägypten gab es eine lang andauernde Kampagne für den Zugang von Frauen zum Richteramt. Nichts hindere Frauen aus religiöser Sicht daran, Richterin zu werden, wurde argumentiert. Endlich, in diesem Januar, obsiegten sie, als drei Frauen erstmals zu Richterinnen ernannt wurden. In Südafrika kämpften muslimische Frauen um eine bessere Teilhabe am gemeinschaftlichen Beten, also neben ihren Männern und nicht hinter ihnen oder gar in einem getrennten Raum. Außerdem wollten sie vor der khutba (Freitagspredigt) Vorträge halten. Auch sie hatten Erfolg mit ihrer Forderung. So sind zum Beispiel in der Claremont Main Road Moschee in Kapstadt, in der Frauen, die beim Freitagsgebet Reden halten, inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden.

Interview: Yoginder Sikand

© Islaminterfaith.org 2005

Margot Badran ist Senior Fellow am Zentrum für Islamisch-Christliches Verständnis an der Georgetown University, Washington D.C. und lehrt gegenwärtig als Gastprofessorin am ISIM (Institute for the Study of Islam in the Modern World) in Leiden, Niederlande.

 

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