Interview Abdullah Ahmed An-Na'im

"Wir Muslime haben keine Kirche!"

Menschenrechte und Säkularismus sichern den Raum für Widerspruch, sagt Ahmed An-Na'im. Überraschend: In der Scharia, der muslimischen Rechtslehre, sieht der aus dem Sudan stammende Jurist die dritte Verbündete für eine humane Zivilgesellschaft.

Abdullah Ahmed An-Na'im Foto: Emory Law School
Ahmed An-Na'im: "Die Idee, mit der Tradition zu brechen, ist die kreativste Quelle menschlicher Entwicklung, in allen Gesellschaften."

​​Der Sudanese Abdullah Ahmed An-Na'im lehrt Recht an der Emory-Universität in Atlanta, USA. Er setzt sich für Menschen- und Bürgerrechte ein, für internationales Recht - und beruft sich hierbei auch auf die islamische Scharia.

Die auf das siebte Jahrhundert zurückgehende muslimische Rechtslehre muss sich seiner Meinung nach stets neu hinterfragen lassen. Sie kann aber, in neuen Interpretationen, die jeder für sich selbst leisten muss, auch heute noch Antworten geben. Allerdings sieht er die Scharia nicht als staatliches Recht, sondern als System von Wertvorstellungen, ähnlich wie die Zehn Gebote des Christentums.

"Man muss die Leute dort abholen, wo sie stehen", so An-Na'im, "und deshalb wird die Religion bei der gesellschaftlichen Entwicklung in muslimischen Ländern eine wichtige Rolle spielen." Der Jurist arbeitet zurzeit an dem Projekt "Die Zukunft der Scharia", einer Untersuchung über islamische Gesellschaften unter den modernen globalen Bedingungen. Er war auf Einladung der Irmgard-Conix-Stiftung in Berlin.

Herr An-Na'im, Sie setzen sich für Menschen- und Bürgerrechte ein und für internationales Recht. Und gleichzeitig wollen Sie sich auch auf die Scharia beziehen.
Wie kann das gehen?

Abdullah Ahmed An-Na'im: Ich trenne nicht zwischen Säkularismus und Religion, weil ich glaube, im Säkularen ist viel Religion enthalten, und die Trennung ist schwierig zu ziehen.

Ich glaube aber, dass Religion eine sehr starke soziale und mobilisierende Kraft ist. Wenn Sie die Religion nicht in die gesellschaftlichen und politischen Prozesse einbeziehen, werden Sie abgeschnitten von denen, die religiös sind.

Und das sind in ihrem Heimatland, dem Sudan, sehr viele!

An-Na'im: Ja, Menschenrechte und Säkularismus brauchen politische Unterstützung. Wenn Sie die Leute nicht überzeugen, dass Säkularismus und Menschenrechte gut für sie sind, und wenn Sie dies nicht auch aus deren religiösem Bekenntnis begründen, dann überlassen Sie das Feld den Fundamentalisten.

Dann haben diese die Chance, die Kraft des Glaubens für ihre politischen Ziele zu mobilisieren. Übrigens: Auch in Europa ist die Religion nicht verschwunden! Die Werte, die in den sozialen Belangen berücksichtigt werden, in den staatlichen Institutionen, im Recht, das alles sind religiöse Werte.

Religion ist für Sie also die ethisch-kulturelle Tradition?

An-Na'im: Ja. In diesem Sinne. Ich glaube, dass der Säkularismus keine Antwort auf tiefe ethische Probleme bereithält. Um seine Funktion auszuüben, muss der Säkularismus ethisch minimalistisch sein.

Er darf sich nicht in viele Fragen einmischen. Er klärt nur das Grundlegende: das Zusammenleben, den Respekt vor den Anderen. Aber bei Fragen wie der Abtreibung oder dem Recht auf Selbsttötung werden anderswo Antworten gesucht. Für die meisten Menschen wird das die Religion sein.

Wenn man in Europa von der Scharia spricht, denkt man an abgeschlagene Hände, an Steinigungen oder die Unterdrückung der Frau.

An-Na'im: Zunächst einmal: Ich sage, dass die Religion und der Staat getrennt sein müssen. Institutionell. Wenn man die muslimische Geschichte betrachtet, gab es immer die Unterscheidung zwischen Politik und Religion.

Dass Politik und Staat zusammengehen, ist eine postkoloniale Idee. In der muslimischen Geschichte entstand sie erst im 20. Jahrhundert. Davor kannten wir einen islamischen Staat wie im Iran nicht.

Was meinen Sie also mit Scharia?

An-Na'im: Die Scharia erscheint im Koran in dem Sinne, dass der Gläubige auf die Quellen des Glaubens schaut, um geführt zu werden. Die Scharia ist kein Gesetz. Der Staat kann nicht sagen, ich mache ein Familienrecht daraus. Dann ist es nicht länger die Scharia. Dann ist es der politische Wille des Staates.

Aber die Scharia beeinflusst doch die Rechtsprechung: Beispielsweise beim Erbrecht, wo die Frau in muslimischen Ländern wie in vielem anderen auch nicht gleichberechtigt ist.

An-Na'im: Das alles ist nur ein legitimierender Diskurs für die bestehenden Machtverhältnisse. Wenn Sie in die islamische Welt schauen, dann sehen Sie eine riesige Differenz in der Auslegung einzelner Punkte.

Entscheidend ist letztlich immer der politische Wille, etwas umzusetzen. Auf diese Weise kann man genauso den Marxismus oder den Nationalismus funktionalisieren.

Religion darf also auch nicht anders behandelt werden als alle anderen Ideologien, die zur Legitimation eines Herrschaftsanspruchs herhalten müssen?

An-Na'im: Ja. Aber das Recht eines jeden einzelnen Muslims, mit der Scharia im Einverständnis zu leben, muss akzeptiert werden. Man sollte sich dabei nur vor Instanzen hüten, die die Auslegung für sich in Anspruch nehmen. Eine muslimische Frau darf keinen christlichen Mann heiraten. Warum nicht? Es ist die Pflicht des Moslems zu hinterfragen. Wir akzeptieren nicht die eine religiöse Instanz als Autorität. Denn wir haben keine Kirche.

In Deutschland will man gerade einen muslimischen Großverband etablieren, mit dem der Staat als Repräsentanten der hier lebenden Muslime verhandeln kann.

An-Na'im: Das halte ich für völlig falsch. Ich habe Schwierigkeiten damit, dass irgendjemand definiert, was meine Religion für mich zu bedeuten hat. Sie dürfen niemandem die Macht geben zu sagen, was richtig oder falsch ist.

Was wäre denn die Alternative?

An-Na'im: Bürgerbeteiligung. Totale Bürgerbeteiligung. Ob ich Muslim bin oder nicht, ist irrelevant für mich als Bürger. Der Staat muss mich als Bürger erreichen. Wenn ich Geld brauche, damit meine Kinder zum Religionsunterricht gehen können, muss der Staat mein Anliegen unterstützen. Das sind Bürgerrechte. Ansonsten wird ein Klerus geschaffen, der die Differenz betont.

Muslime werden dadurch schwieriger integriert, denn sie werden als Muslime identifiziert, während der Rest der Bürger durch die Staatsangehörigkeit definiert wird und nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Religion.

Es geht Ihnen also darum zu dekonstruieren, was hinter dem Schleier steckt. Und? Was steckt hinter ihm?

An-Na'im: Macht, Privilegien, Hegemonie. All das ist ein Produkt menschlichen Handelns, egal ob in der Religion oder in der Politik. Es gibt kein Göttliches im Abstrakten.

Glauben Sie an die Offenbarung?

An-Na'im: Es ist immer ein menschliches Wesen, das uns sagt, was Gott sagt. Es steckt immer Macht dahinter. Es ist eine Frage der menschlichen Beziehungen. Wenn wir von Muslimen und nicht vom Islam sprechen, dann sind wir im sozialen Kontext.

Und es sind Menschen, die gestalten oder dabei scheitern. Menschenrechte und Säkularismus sind für mich so wichtig, weil sie mir den Raum sichern zu widersprechen.

Hilft Ihnen Ihre Religion, Antworten auf Ihre Fragen zu finden?

An-Na'im: Ja, aber ich behalte mir das Recht vor, sie selbst zu beantworten. Es gibt vieles, was mir die Religion gibt. Manche Muslime sehen mich als Häretiker, aber das ist okay, solange sie mich dafür nicht umbringen.

Das klingt alles sehr modern, sehr individualistisch. Zählt die Scharia für Sie zu den Legitimationsgrundlagen modernen Denkens?

An-Na'im: Es gibt nichts, was in der 1.500-jährigen Geschichte des Islams nicht schon einmal gedacht, debattiert oder verworfen wurde. Ich stehe mit meinem Denken in einer langen Tradition.

Wie findet jemand, der nicht so geschult ist wie Sie, seine eigenen Antworten in der Religion?

An-Na'im: Wenn Sie Ihr Leben selber kontrollieren wollen, gibt es keine Alternative dazu, nach Bildung zu streben. Wenn Sie Ihr Leben selber bestimmen wollen, kann es niemanden geben, der Wächter Ihrer Religion ist. Oder Ihres Wertesystems.

Was immer Ihr Wertesystem ist, Sie müssen selber entscheiden, was relevant und was nicht relevant ist, nicht der Imam. Es geht um Selbstverantwortung. Ich will damit sagen: Häresie ist notwendig für eine lebendige Religion.

Jede Orthodoxie begann als Häresie. Alle Religionen begannen einst als Häresie: Das Christentum war eine jüdische Häresie, der Islam war eine christlich-jüdische Häresie. Die Idee, mit der Tradition zu brechen, ist die kreativste Quelle menschlicher Entwicklung, in allen Gesellschaften. Also, zelebrieren Sie die Möglichkeit der Häresie! In Europa haben sie das Recht und die Möglichkeit dazu.

So einfach ist das aber für viele muslimische Frauen nicht, die im Namen der Ehre oder der Religion unterdrückt und bedroht werden. Was raten Sie denen?

An-Na'im: Widersprechen! Kämpfen! Es gibt keine Entwicklung ohne Kampf, auch nicht für die Frauen in Europa. Überlegen Sie nur einmal: Seit wann haben Frauen hierzulande das Wahlrecht? Noch keine neunzig Jahre. Man muss immer gegen bestimmte Interpretationen der eigenen Kultur ankämpfen. Dazu gibt es keine Alternative.

Interview: Edith Kresta

© die tageszeitung, 7.1.2006

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