Interreligiöser Dialog in Nigeria

Wie aus Feinden Partner wurden

Trotz anhaltender Gewalt zwischen Christen und Muslimen in Nigeria gibt es auch positive Beispiele für das Bemühen um interreligiöse Verständigung: Ein Imam und ein Pastor setzen sich seit Jahren für die Versöhnung der beiden Konfessionen ein. Von Yahaya Ahmed

In Nigeria kommt es seit dem Ende der Militärdiktatur 1999 immer wieder zu Gewaltausbrüchen zwischen Christen und Muslimen. Doch gibt es auch positive Beispiele für das Bemühen um interreligiöse Verständigung: Ein Imam und ein Pastor setzen sich seit Jahren gemeinsam für Versöhnung zwischen Muslimen und Christen ein. Von Yahaya Ahmed

Pastor James Wuye und Imam Muhammad Nurayn Ashafa, Foto: &copy Stiftung 'Die Schwelle'
Pastor Wuye und Imam Ashafa haben kürzlich in Deutschland für ihr interreligiöses Engagement den Bremer Friedenspreis erhalten

​​Christen und Muslime machen jeweils knapp die Hälfte der Bevölkerung Nigerias aus. Im Norden des bevölkerungsreichsten afrikanischen Landes überwiegt der Islam, im Süden das Christentum.

Nach Angaben von Kirchen und Menschenrechtlern sind allein seit 1999 bis zu 10.000 Menschen bei religiös motivierten Konflikten in Nigeria ums Leben gekommen. Ein zentraler Streitpunkt ist immer wieder die Anwendung der Scharia.

Das "Interfaith Mediation Center"

Zu den Brennpunkten der interreligiösen Gewalt gehört der nordnigerianische Bundesstaat Kaduna. Doch dort gibt es seit einiger Zeit positive Signale: Denn seitdem Reverend James Wuye und Imam Muhammad Nurayn Ashafa 1995 gemeinsam das "Interfaith Mediation Center" gründeten, hat das Zentrum immer wieder erfolgreich interreligiöse Konflikte entschärfen können, die in Nigeria seit Mitte der 80er Jahre häufig auftreten und die sich aus der Bevölkerungsstruktur ergeben.

In Kaduna leben viele ethnische und religiöse Gruppen, Christentum und Islam sind dabei fast gleich stark vertreten. Deshalb gehört die Region zu den konfliktgefährdetsten im Lande, wo verschiedene Gruppen vehement um die begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen und um die Verteilung der politischen Macht streiten.

Religiös motivierte Gewalt

Imam Ashafa und Reverend Wuye wollen dies ändern und mahnen immer wieder öffentlich vor den katastrophalen Folgen religiös motivierter Gewalt. Das war allerdings nicht immer so: In ihrer Jugend waren beide, der Imam und der Pastor, selbst führende Aktivisten militanter religiöser Jugendorganisationen und standen sich ausgesprochen feindlich gegenüber.

Beide kämpften mit glühendem Eifer für ihren jeweiligen Glauben und beteiligten sich aktiv an ethnischen und religiösen Unruhen. Imam Ashafa ist stolz darauf, dass diese Lebensphase inzwischen überwunden ist:

"Früher waren wir selbst zwei militante religiöse Aktivisten. Aber jetzt arbeiten wir gemeinsam, um die nötigen Voraussetzungen für Frieden und für eine Transformation der Gesellschaft zu schaffen", so Ashafa.

Von religiösen Gegnern zu konstruktiven Partnern

Sein ehemaliger Gegner und heutiger Mitstreiter, Pastor Wuye, sieht das genauso. Auch er ist froh, dass die religiöse Gegnerschaft von früher durch eine konstruktive Partnerschaft ersetzt worden ist:

"Wir waren damals vorprogrammiert, engstirnige Gegner zu sein und uns gegenseitig zu hassen", erzählt der Pastor. "Damals ging es uns beiden darum, um jeden Preis die Bevölkerung entweder zu islamisieren oder zu evangelisieren. Aber diese Konstellation bewirkt vor allem eines: Sie bedroht die Existenz Nigerias als einheitlichen Staat."

Rückblickend üben beide sehr deutliche Selbstkritik an ihren früheren Rollen in den interreligiösen Auseinandersetzungen. Imam Ashafa beschreibt dies mit den Worten, sie beide seien damals Opfer eines dämonischen Konfliktes geworden, zu dessen Entstehen sie selbst beigetragen hätten.

Aber nicht nur das: Sie hatten auch selbst schwere Folgen davon zu tragen. Reverend Wuye verlor bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen und christlichen Jugendorganisationen in Kaduna-Stadt Anfang der 90er Jahre seinen rechten Arm - er wurde ihm von einem gegnerischen Kämpfer mit der Machete abgehackt.

Imam Ashafa blieb selbst zwar körperlich unversehrt. Er hat jedoch bei religiösen Unruhen im Jahre 2001 zwei Brüder und seinen religiösen Lehrer verloren, erzählt der Imam. "Was aber hat uns dann motiviert, Hass in Liebe und Rache in Versöhnung zu verwandeln? Tief in unseren Herzen weinten wir schon damals - aber trotzdem waren wir immer noch voller Hass."

Die Kraft der Versöhnung

Der Wendepunkt, sagt Imam Ashafa, sei für ihn dann bei einem Freitagsgebet eingetreten. Er lauschte damals einem anderen Prediger, der in einer Moschee über die Kraft der Versöhnung sprach und dies am Beispiel des Propheten Mohammed verdeutlichte. Diese Predigt habe ihn zutiefst aufgewühlt und erschüttert, erzählt der Imam heute. Und sie habe ihn auf den richtigen Weg geführt.

Bei Reverend Wuye dauerte es länger, bis auch er vom Gedanken der Versöhnung überzeugt war. Der Anstoß dazu ergab sich aus einer sehr persönlichen, eigentlich traurigen Situation heraus: "Alles begann damit, dass Imam Ashafa mich anlässlich des Todes meiner Mutter besuchte", berichtet Wuye. "Nurayn Ashafa strahlte Liebe aus - aber damals war ich zunächst noch von Hass und Schmerzen geblendet."

Doch schließlich, erzählt der Pastor, habe ihn diese Begegnung dann doch von der Notwendigkeit der Versöhnung überzeugt. Was dazu führte, dass zwei religiöse Würdenträger, die sich jahrelang in erbitterter Feindschaft gegenüber gestanden hatten, schließlich Freundschaft schlossen und sich heute gemeinsam für die Überwindung der interreligiösen Konflikte in Nigeria einsetzen.

Seit Gründung ihres gemeinsamen Zentrums 1995 bemühen sie sich vor allem darum, auch andere religiöse Würdenträger für ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen zu gewinnen. Die Überzeugungsarbeit ist auf beiden Seiten sehr schwierig. Denn das größte Hindernis für Frieden und Verständigung zwischen den religiösen Gruppen, sagen beide übereinstimmend, sei das mangelhafte Wissen voneinander.

Yahaya Ahmed

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

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