Interreligiöse Ehen

Ein neuer Blick auf die Scharia

Der sudanesische Jurist Abdullahi A. An-Naim plädiert in einem von ihm herausgegebenen Buch über interreligiöse Ehen von Muslimen für eine neue Lesart der Scharia, die solchen Heiraten traditionell zu enge Grenzen setze. Yoginder Sikand stellt das Buch vor.

Hochzeitspaar; Foto: BilderBox
Laut Abdullahi An-Naim spiegele sich in den Regeln der Scharia die Auffassung wider, dass muslimische Männer die Beschützer ihrer Frauen zu sein hätten

​​Muslimische Gesellschaften sollen sich in privaten und Familienangelegenheiten normalerweise streng an die Regeln der Scharia halten, so auch bei der Eheschließung. Die Rechtsgelehrten der verschiedenen Rechtsschulen haben ausgefeilte Regeln für den heiligen Bund erarbeitet, und zwar auch für eine Verbindung von Muslimen und Andersgläubigen.

Aber wie das von Abdullahi An-Naim herausgegebene Buch "Inter-religious Marriages Among Muslims — Negotiating Religion and Social Identity in Family and Community"
zeigt, fallen Theorie und Praxis oft auseinander. Wenn Muslime mit Angehörigen anderer Konfessionen den Ehebund schließen, kommt es dabei oft zu Kompromissen, die den Regeln der Scharia zuwiderlaufen.

Wie Abdullahi An-Naim in seiner Einführung darlegt, erlaubt die Scharia männlichen Muslimen lediglich, solche Frauen zu heiraten, die einer "Buchreligion" angehören (ahl-e kitab). Muslimischen Frauen ist es andererseits unter allen Umständen verboten, Männer anderen Glaubens zu heiraten.

Alternatives Verständnis des Islam

Laut Abdullahi An-Naim spiegele sich darin die Auffassung wider, dass muslimische Männer die Beschützer ihrer Frauen zu sein hätten. Weiterhin könne man daran den Glauben ablesen, dass Muslime Andersgläubigen überlegen seien.

Abdullahi A. An-Naim; Foto: Emory Law School
Herausgeber des Buches über interreligiöse Heiraten: der sudanesische Jurist Abdullahi A. An-Naim

​​Die Tatsache, dass solche den strengen Regeln der Scharia zuwider laufenden Ehen dennoch geschlossen werden, weise aber darauf hin, dass die betreffenden Muslime sich ein eigenes, alternatives Verständnis des Islam erlauben könnten. In einer auf vielen Gebieten zunehmend vernetzten Welt liegen solche interkonfessionellen Ehen sogar im Trend, meint An-Naim.

Deshalb müssten neue Lesarten der Scharia gefunden werden, nämlich solche, die auf der Gleichheit der Geschlechter und der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen beruhen.

Keine Heiraten außerhalb der Kaste

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt. In ihrem Kapitel über Indien untersuchen Rohit Chopra und Jyoti Punwani über fünfzig interkonfessionelle Ehen in Mumbai. Mumbai ist die indische Stadt mit der größten Bevölkerungsdichte, und der muslimische Anteil an der Bevölkerung ist ziemlich hoch.

Die Muslime von Mumbai, so erfährt man, gehören unterschiedlichen konfessionellen Strömungen ebenso an wie unterschiedlichen Sprachgemeinschaften und Kasten. In einem Land, wo es nicht üblich ist, außerhalb der eigenen Kaste zu heiraten, heiraten auch die Angehörigen dieser unterschiedlichen Muslim-Gemeinschaften nur selten untereinander.

Eheschließungen zwischen Muslimen und Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften sind sogar noch außergewöhnlicher. Im derzeitigen politischen Klima Indiens finden rechtsgerichtete Hindu-Organisationen großen Zuspruch, und zusammen mit staatlichen Organen sind sie bisweilen gar für organisierte Massaker an Muslimen verantwortlich.

Interkonfessionelle Ehen geraten da natürlich unter großen Druck. Trotzdem kommen sie bisweilen vor: mit Hindus, Parsen und Christen. Vor allem Angehörige der Mittelschicht und der Eliten wagen diesen Schritt.

Verschiedene Formen der Alltagspraxis

Die Autoren erläutern die Gründe, die zu solchen Eheschließungen führen; die Art und Weise, wie die Familien darauf reagieren und wie aus solchen Verbindungen hervorgegangene Kinder großgezogen werden.

Interessant ist auch zu lesen, wie die beiden Partner auf den Glauben und die Religionsgemeinschaft des jeweils anderen reagieren. Häufig wechselt einer der beiden schließlich die Religion und schließt sich der Glaubensgemeinschaft seines Partners an.

Manchmal geschieht das aber auch nicht, und zwar vor allem dann nicht, wenn beide Partner ihre Religion im Alltag nicht ausüben. Und nicht zuletzt gibt es Fälle, wo beide Partner zwar die eigene Religion ausüben, aber für die andere auch Verständnis und Wertschätzung entwickeln.

Das kann beispielsweise dazu führen, dass das Paar religiöse Feste beider Glaubensgemeinschaften gemeinsam begeht, dass sich also ein integrales Verständnis von Religion entwickelt, welches die engen Grenzen der eigenen Religionsgemeinschaft überschreitet.

Ehen zwischen Muslimen und Katholiken

Das Kapitel aus der Feder von Codou Bop dreht sich um interkonfessionelle Ehen in Senegal. Vorgestellt werden männliche und weibliche gläubige Muslime, die mit Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften verheiratet sind, zumeist mit Katholiken.

Die Autorin unterstreicht, dass in Senegal eher die ethnische Herkunft als die Religionszugehörigkeit im Vordergrund steht, weshalb senegalesische Muslime und Katholiken viele gemeinsame Bräuche und Gewohnheiten haben.

Folglich sind interkonfessionelle Ehen hier weniger problematisch. Christliche wie islamistische Fundamentalismen haben aber durchaus auch in Senegal ihre Wirkung auf christlich-muslimische Liebesbeziehungen und erschweren deren soziale Akzeptanz, obwohl solche Ehen in Senegal von Staats wegen legal sind.

Anleihen beim Glauben des Partners

Das Schlusskapitel von Somnur Vardar behandelt interkonfessionelle Ehen im türkischen Istanbul. Hier geht es um Sunniten, die Aleviten, Christen und Juden geheiratet haben. Zwar ist die Türkei ein säkularer Staat, hebt Vardar hervor, doch es ist schwer, eine soziale Akzeptanz solcher Verbindungen zu erreichen.

​​Wie auch in Indien oder Senegal, tritt deshalb oft einer der Partner der Glaubensgemeinschaft des anderen bei, und meist ist die Frau diejenige, die konvertiert. Bisweilen ändern sich aber auch die Auffassungen über Religion und persönliche Identität an sich. Der Glaube wird synkretistisch, beide machen Anleihen bei der Tradition des Partners, oder die Religion verliert insgesamt an Bedeutung für das Leben der Betroffenen.

Insofern dieses Buch auf gründlichen ethnographischen Untersuchungen basiert, ist es sicher lehrreich für alle, die sich für interkonfessionelle Beziehungen interessieren, denn hier werden Muslime "wie du und ich" vorgestellt; hier werden Anschauungen präsentiert, die in den Debatten um die Scharia unter den Tisch fallen; hier wird ein Denken vorgestellt, dass von einer neuen Toleranz gegenüber dem Andersgläubigen zeugt.

Was das Buch indes nicht zeigt, ist, wie die religiösen Autoritäten des Islam in den jeweiligen Ländern auf die interkonfessionellen Ehen reagiert und inwiefern sie, wenn überhaupt, die traditionellen Vorschriften für Ehen zwischen Muslimen und Andersgläubigen neu überdacht haben.

Yoginder Sikand

Aus dem Englischen von Ilja Braun

© Qantara.de 2006

"Inter-religious Marriages Among Muslims — Negotiating Religion and Social Identity in Family and Community". Hrsg: Abdullahi A. An-Naim. Global Media Publications, New Delhi, 2005

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Leserkommentare zum Artikel: Ein neuer Blick auf die Scharia

...was in einer wie immer weichgespülten scharia vorgeschrieben sein mag.
Hierzulande bilden GG und BGB hervorragende Grundlagen für gut funktionierende Ehen. (Allerdings sollte noch Liebe im Spiel sein...)
Und unsere Gesetze und Verordnungen gelten für alle hier lebenden Menschen!
Fazit: Scharia überflüssig bis schädlich, weil inkompatibel.
(Urteil des Europäischen Gerichts für Menschenrechte)

Gong Doe08.11.2014 | 22:46 Uhr