Interreligiöser Dialog in Lindau

Frauen und Diplomatie - im Glauben für die Zukunft

Mit der friedensstiftenden Rolle von Frauen, die durch den Glauben ihrer jeweiligen Religion inspiriert sind, beschäftigt sich eine internationale Konferenz in Lindau am Bodensee. Auf Einladung der interreligiösen Nichtregierungsorganisation "Religions for Peace" diskutieren rund 600 Teilnehmende aus allen Kontinenten virtuell über zentrale Herausforderungen unserer Zeit. Von Christoph Strack

Es geht um "Hate Speech", die Hassrede im Netz, es geht um die Rolle von Religionen in Konflikten und bei Konfliktbewältigung, vor allem aber geht es um den spezifischen Blick von Frauen auf politische Führung und Führungsverantwortung. Zum zweiten Mal nach 2019 kommt an diesem Dienstag (10.11.) eine viertägige Großveranstaltung von "Religions for Peace" nach Lindau an den Bodensee.

Damit beschäftigt sich die nach eigenen Angaben weltweit größte interreligiöse Nichtregierungsorganisation sehr grundsätzlich mit aktuellen Herausforderungen wie der Abkehr von klassischer Diplomatie mit multilateraler, zwischenstaatlicher Verbindlichkeit und der Hinwendung zu Nationalismus, Populismus und auch zu Gewalt.

Im August vorigen Jahres waren mehr als 900 Delegierte aus fast allen Religionen der Welt nach Lindau gekommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die Teilnehmer begrüßt. In diesem Jahr findet die Veranstaltung größtenteils virtuell statt.

Im 50. Jahr des Bestehens von Religions for Peace sorgt die Corona-Pandemie dafür, dass die Konferenz "Women, Faith & Diplomacy" (Frauen, Glaube und Diplomatie) nur in der Inselhalle der Bodensee-Stadt organisiert und zusammengeführt wird. Die Vorträge und Debatten aber sind ins Netz verlagert, sogar die Kaffee-Stunden zum Plaudern für rund 600 Delegierte aus 90 Ländern. "Religions for Peace"-Generalsekretärin Azza Karam, im vorigen Jahr als erste Frau überhaupt in dieses Amt gewählt, ist eine der wenigen, die aus dem Ausland anreiste. Am Donnerstag kam sie aus New York. Für sie und die kleine Schar der Aktiven am Tagungsort gibt es tägliche Corona-Tests und medizinische Begleitung.

Portrait von Azza Karam, Secretary General Religions for Peace; Foto: Christian Flemming
"Religion ist heute häufig von Männern dominiert", sagt Azza Karam, denn religiöse Institutionen hätten bei der Suche nach Lösungen und Kompetenzen lange Zeit "Priorität auf die Männer gelegt". Dabei werde 90 Prozent der Arbeit von Frauen erbracht. "Sie sorgen dafür, dass Religionen überleben oder überhaupt ein Innenleben haben." Frauen, auch Frauen in Führungspositionen so wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, hätten einen anderen Leitungsstil und verstünden ihre Verantwortung stets auch als Dienst an der Allgemeinheit.

 

Die Welt steht an einem "kritischen Punkt der Geschichte"

Karam sieht die Konferenz als Austausch und Ermutigung an einem für die Weltgemeinschaft heiklen Moment. "Der Austausch hier bietet uns die Gelegenheit, zu verstehen, dass wir alle miteinander an einem kritischen Punkt der Geschichte stehen. Nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen der drängenden Umweltprobleme, die das Leben und den Alltag von hunderten Millionen Menschen betreffen und nun auch das Gesundheitswesen herausfordern."

Karam, gebürtige Ägypterin mit niederländischem Pass und seit 20 Jahren mit Wohnsitz in den Vereinigten Staaten, befasst sich seit Jahrzehnten mit Fragen rund um Religion, Demokratie und Entwicklung, mit Menschenrechten und Genderfragen. Von 2000 bis 2004 war sie bei "Religions for Peace" als Direktorin eines weltweiten Netzwerks von Frauen tätig und beriet die Organisation bei interreligiösen Perspektiven im Nahen Osten.

Danach wurde sie bei den Vereinten Nationen Beraterin für die Bereiche Kultur und Religion. 2019 kehrte Azza Karam als Generalsekretärin zu der religiösen Dachorganisation zurück.

Im Vorfeld der Tagung betont sie immer wieder, dass diese nicht einfach eine weitere von zahlreichen Frauen-Konferenzen oder Konferenzen zum Thema Frauen sei. "Da wären wir definitiv nicht die erste. Man kann ja die Konferenzen gar nicht mehr zählen." Ihr gehe es beim Tagungsthema "Frauen, Glaube und Diplomatie" um eine Verbindung dieser unterschiedlichen Aspekte, die weltweit relevant sei.

Heute gebe es Entscheidungen von politischen Führungen, "die nicht dem entsprechen, was wir uns vorstellen". Dagegen könnten "Menschen des Glaubens" auf der Mikro- und Makro-Ebene für "eine neue Art der Führung und der Diplomatie" stehen.

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