Aber reicht das aus?

Tamer: Es gibt sicher Nachholbedarf. Ich möchte aber an der Stelle betonen, dass wir keine Initiative des interreligiösen Dialogs sind. Wir sind Wissenschaftler, denen es um Grundlagenforschung geht, um eine Art Archäologie des religiösen Wissens. Als Wissenschaftler wollen wir alles tun, um Erkenntnisse dazu zu erzielen und zu vermitteln, damit sie zur Bekämpfung von Radikalisierung und religiösem Fanatismus beitragen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. In unserem Projekt stellt sich die Wissenschaft in den Dienst der Gesellschaft.

Man erlebt immer wieder bei Veranstaltungen, dass es beim Thema Islam sehr viele Zuschreibungen gibt und die Emotionen schnell hochkochen. Wie kann es in einer solchen Atmosphäre einen Dialog auf Augenhöhe geben?

Tamer: Ich habe das selbst auch schon mehrfach erlebt. Diese etwas gereizte Stimmung macht unsere Arbeit umso wichtiger. Denn die Verbreitung von Erkenntnissen über den Islam hilft maßgeblich, Vorurteile und Ängste abzubauen. Für diese Stimmung gibt es allerdings Gründe.

Der Islam ist ja relativ jung in Deutschland. Als sich die muslimische Community in Deutschland sichtbarer etablierte, entstanden Spannungen und Fragen auf beiden Seiten, die Mehrheitsgesellschaft fühlt sich infolgedessen herausgefordert. Nach mehreren terroristischen Attentaten, die im Namen des Islam durchgeführt werden, hat sich Angst, ja Aversion gegen Muslime im Allgemeinen verbreitet. Die Flüchtlingsströme haben freilich auch zur Verschärfung der Lage beigetragen. Mit unserem Projekt bezwecken wir, Scharfmachern auf allen Seiten entgegenzuwirken.

Sehen Sie die Gefahr einer Instrumentalisierung des Dialogs?

Tamer: Die Gefahr einer Manipulation bestünde schon, wenn man ideologisch herangehen oder solche Begegnungen nutzen würde, um neue Mauern aufzubauen. Dann sucht man keine Annäherung und kein gegenseitiges Verständnis, sondern will zeigen, wie weit die Religionen voneinander entfernt sind. Hier kann die Wissenschaft einen konstruktiven Beitrag leisten. Wir betreiben Grundlagenforschung, um jenseits von Ideologie und politischen Interessen Dinge beim Namen zu nennen.

Verliert der interreligiöse Dialog in einer säkularen Gesellschaft nicht an Bedeutung?

Tamer: Die säkularen Gesellschaften Europas zehren immer noch von christlichen Werten, die in eine säkulare Sprache übersetzt werden. Selbst der Humanismus basiert in seinen Ursprüngen auf monotheistischem Gedankengut. Der interreligiöse Dialog verliert seine Bedeutung daher nicht. Indem wir mit unserem Projekt zur Etablierung des friedlichen Miteinanders von Religionsgemeinschaften beisteuern, setzen wir das Projekt der Aufklärung fort.

Wieso?

Tamer: Die Wahrheit einer Religion ist Gegenstand des Glaubens, aber wir brauchen Erkenntnisse über die historische Entwicklung religiöser Schlüsselbegriffe im Laufe der Geschichte. Sie helfen uns, nicht Toleranz, sondern eine gegenseitige Anerkennung religiöser Werte zu finden. Erkenntnis schafft Vertrauen und Selbstbewusstsein auch in der säkularen Gesellschaft. Interreligiöse Verständigung ist zentral zur Lösung von Konflikten.

Dann ist es wichtig, die eigene Tradition zu kennen.

Tamer: Genau. Ein weiterer Grund, warum unser Projekt notwendig ist. Die Integration einer großen Zahl von Einwanderern meist muslimischen Glaubens ist eine große Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Viele von ihnen kommen nach Deutschland mit Vorurteilen gegen Juden und Christen. Diese Vorurteile haben historische Gründe. Hier wichtige Erkenntnisse über die anderen Religionen zu vermitteln ist eine große gesellschaftliche Verantwortung, der wir uns in unserem Projekt stellen, um die Integration der Einwanderer zu fördern.

Das Interview führte Claudia Mende.

© Qantara.de 2018

Professor Georges Tamer ist Islamwissenschaftler und Orientalist an der Universität Erlangen-Nürnberg.

"Key Concepts in Interreligious Discourses: Judaism, Christianity and Islam" ist ein Projekt der Universität Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Katholischen Universität Eichstätt und dem Sheikh Nahyan Center for Arabic Studies & Intercultural Dialogue an der Universität Balamand im Libanon.

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Leserkommentare zum Artikel: Von der Toleranz zur Akzeptanz

Ein unbedingt notwendiges Projekt, weil es eine große Hilfe sein wird, in die Tiefe des Interreligiösen Dialogs einzutreten durch Klärung der Begriffe in Judentum, Christentum und Islam, die an der Oberfläche gleich zu sein scheinen, Nähe der Traditionen signalisieren, aber durch ihre historischen und geistigen, religiösen und kulturellen Denkwelten auch Unterschiedliches meinen. Dieses durch Gespräche im Miteinander von theologischen Vertreterinnen und Vertretern der drei Religionsgemeinschaften zu tun und die Ergebnisse zu veröffentlichen, ist der richtige Weg und für den Dialog an der Basis eine große Hilfe.
Doris Schulz

Leiterin des Christlich-Islamischen Gesprächskreises in Solingen
(Ein ökumenisches Projekt der evangelischen Kirche und katholischen Kirche in Solingen)

Doris Schulz25.12.2018 | 18:13 Uhr