Was ist neu an diesem Ansatz?

Tamer: Es ist ein neuer Ansatz für die Wissenschaft, weil wir die Begriffe in den jeweiligen Religionen nicht separat behandeln, sondern gemeinsam. Die Kollegen diskutieren auf den Tagungen die Inhalte intensiv miteinander. Das ganze Projekt ist diskursiv aufgebaut. Es geht über die wissenschaftliche Einzelanalyse hinaus auch darum, voneinander zu lernen und Bezüge herzustellen zwischen dem Begriff in der eigenen und den beiden anderen Religionen.

Wie heißt das konkret?

Tamer: Zum Beispiel der Begriff Offenbarung. Wenn der christliche Theologe den Begriff Offenbarung im Rahmen des Projekts behandelt, dann tut er das zwar zunächst aus der Binnenperspektive des Christentums, aber nicht ohne dabei zu berücksichtigen, wie der Begriff im Judentum und im Islam verstanden wird. Das Gleiche gilt umgekehrt auch für die jüdischen und muslimischen Wissenschaftler. Ein Beispiel dafür, wie wichtig diese Bezüge sind: Jüdisches Denken ist im Mittelalter im islamisch geprägten arabischen Kulturkreis entscheidend weiterentwickelt worden.

Heißt das, die Religionen sind stärker aufeinander bezogen, als viele Menschen meinen?

Tamer: Ja und nein. Sie beziehen sich stärker aufeinander, als man gemeinhin denkt. Aber es gibt auch weitreichende Unterschiede, die vielen nicht bekannt sind. In einem oberflächlich geführten interreligiösen Dialog kann der Eindruck entstehen, dass wir einander alle viel näher sind als gedacht, doch dieser Eindruck kann trügerisch sein. Das stimmt in manchen Fällen, aber in vielen anderen stimmt es nicht.

Wir wollen nicht nur Gemeinsamkeiten aufdecken. Wir wollen auch Unterschiede zeigen, damit sie erkannt und dann akzeptiert werden. Es geht uns um objektive Erkenntnisse. Das ist der beste Weg, um einander anzuerkennen.

Fotomontage der drei monotheistischen Buchreligionen (Judentum, Christentum und Islam); Foto: www.kcid.fau.eu
Aufgrund von Gemeinsamkeiten und Unterschieden den anderen so erkennen, wie er sich selbst verstanden haben will: "Als Christ, Muslim, Jude oder Nichtgläubiger muss ich wissen, wie der andere sich selbst religiös definiert, und dieses Anderssein anerkennen. Es geht nicht um ein gleichgültiges Tolerieren. Wir brauchen eine höhere Stufe als Toleranz, nämlich Anerkennung und Akzeptanz, ohne Unterschiede zu vertuschen", so Professor Georges Tamer.

Ziel ist also, die Differenzen festzustellen - und dann?

Tamer: Ziel ist es nicht nur, die Differenzen festzustellen, sondern aufgrund von Gemeinsamkeiten und Unterschieden den anderen so zu erkennen, wie er sich selbst verstanden haben will. Als Christ, Muslim, Jude oder Nichtgläubiger muss ich wissen, wie der andere sich selbst religiös definiert, und dieses Anderssein anerkennen. Es geht nicht um ein gleichgültiges Tolerieren. Wir brauchen eine höhere Stufe als Toleranz, nämlich Anerkennung und Akzeptanz, ohne Unterschiede zu vertuschen. Als Motto des Projekts dient eine altarabische Weisheit, wonach der Mensch ein Feind dessen ist, was er nicht kennt.

Wie sehen Sie den Stand des interreligiösen Dialogs heute?

Tamer: Er genießt heute größere Aufmerksamkeit als noch vor wenigen Jahrzehnten. Es gibt zahlreiche Dialog-Initiativen und -Foren, die vor allem von den Kirchen oder von religiös überzeugten Einzelpersonen organisiert werden wie z. B. in Erlangen das Café Abraham, initiiert von jüdischen, christlichen und muslimischen Studenten. Die Initiative gibt es inzwischen auch in anderen Städten. Stiftungen und die Politik fördern den Dialog. Von zentraler Bedeutung ist aber auch, wenn Menschen unterschiedlicher Bekenntnisse informell miteinander über Glaubensfragen reden, etwa während des muslimischen Fastenmonats Ramadan oder an Weihnachten.

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Leserkommentare zum Artikel: Von der Toleranz zur Akzeptanz

Ein unbedingt notwendiges Projekt, weil es eine große Hilfe sein wird, in die Tiefe des Interreligiösen Dialogs einzutreten durch Klärung der Begriffe in Judentum, Christentum und Islam, die an der Oberfläche gleich zu sein scheinen, Nähe der Traditionen signalisieren, aber durch ihre historischen und geistigen, religiösen und kulturellen Denkwelten auch Unterschiedliches meinen. Dieses durch Gespräche im Miteinander von theologischen Vertreterinnen und Vertretern der drei Religionsgemeinschaften zu tun und die Ergebnisse zu veröffentlichen, ist der richtige Weg und für den Dialog an der Basis eine große Hilfe.
Doris Schulz

Leiterin des Christlich-Islamischen Gesprächskreises in Solingen
(Ein ökumenisches Projekt der evangelischen Kirche und katholischen Kirche in Solingen)

Doris Schulz25.12.2018 | 18:13 Uhr