Internationale Vereinigung muslimischer Gelehrter

Yusuf al-Qaradawi und die Bildung einer 'globalen islamischen Autorität'

Die Internationale Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter will eine Alternative zum internationalen Netzwerk radikaler Islamisten sein. Mitbegründer ist Yusuf al-Qaradawi. Bettina Gräf mit Hintergründen

Die Internationale Vereinigung muslimischer Rechtsgelehrter will eine Alternative zum internationalen Netzwerk radikaler Islamisten sein und den Dialog fördern. Mitbegründer ist Yusuf al-Qaradawi. Bettina Gräf mit Hintergründen

Scheich Yusuf al-Qaradawi ist regelmäßig auf al-Jazeera zu sehen und ist auch Mitbegründer des Internetportals islamonline. Foto: www.qaradawi.net
Scheich Yusuf al-Qaradawi ist regelmäßig auf al-Jazeera zu sehen und ist auch Mitbegründer des Internetportals islamonline

​​Im Juli 2004 gründeten mehrere islamische Rechtsgelehrte und Intellektuelle verschiedener Konfession und aus unterschiedlichen Teilen der Welt in Irland die "Internationale Vereinigung Muslimischer Rechtsgelehrter" (The International Association of Muslim Scholars, IAMS).

Die Institution bezeichnet sich als Nichtregierungsorganisation und sieht ihre Rolle in der Bildung einer 'globalen islamischen Autorität'. Eine treibende Kraft hinter der Gründung ist der in Qatar lebende Scheich Yusuf al-Qaradawi, eine Hauptfigur zeitgenössischer islamistischer Debatten.

Unter den ca. 200 Teilnehmern der Gründungsveranstaltung in Dublin befanden sich Anhänger verschiedener islamischer Glaubensrichtungen wie Sunniten, Schiiten, Sufis, omanische Ibaditen und jemenitische Zayiditen. Der weltweit bekannte ägyptische Gelehrte mit Ausbildung an der Azhar-Universität und ehemalige Muslimbruder Sheikh Yusuf Abdallah al-Qaradawi wurde zum Vorsitzenden der IAMS gewählt.

Generalsekretär wurde der Intellektuelle und Anwalt der ägyptischen Wasat Partei Muhammad Salim al-Awwa, dessen Stellvertreter sind der ehemalige mauretanische Justizminister cAbdallah Bayn Bihi, der schiitische Geistliche Ayatollah al-Takhiri und der ibaditische Sheikh Ahmad al-Khalili.

Die Methode der Mitte

Scheich Yusuf al-Qaradawi beschreibt das Besondere der neuen Vereinigung wie folgt: sie sei islamisch (sie vertrete alle islamischen Rechtsschulen und Gruppierungen), global (sie stehe für alle Regionen und Sprachen), bevölkerungsnah (sie lebe vom Vertrauen der Muslime weltweit), unabhängig (von Regierungen und Parteien), wissenschaftlich (auf das Wissen, cilm bezogen, d.h. eine Vereinigung der culama'), missionarisch (sie rufe mit kommunikativen Mitteln zum Islam auf), der Mitte zugehörig (sie sei gemäßigt und vermittelnd) sowie vital (sie sei tatkräftig und vorbildhaft). Für sie gelte der Grundsatz, die Methode der Mitte für die islamische Gemeinschaft der Mitte anzuwenden.

Inhaltlich sind vor allem zwei in der Gründungserklärung erwähnte Schwerpunkte der Arbeit der IAMS bemerkenswert: zum einen die Opposition gegenüber undemokratischen Herrschaftsprinzipien in islamischen Ländern und zum anderen die Durchsetzung der rechtlichen und gesetzlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau auf der Basis von Sure 9, Vers 71.

Für die Umsetzung ihrer Ziele greifen die Gelehrten laut al-Qaradawi ausschließlich auf kommunikative Mittel zurück, wie die Predigt, die Beratung und den Dialog mit allen gesellschaftlichen Akteuren.

Eine der ersten Aktionen der Gelehrten fand im September 2004 statt. Sie sendeten eine Delegation in den Sudan, um den Konflikt in Darfur beilegen zu helfen, und zwar mit dem Argument, dass ein Konflikt unter Muslimen von Muslimen geschlichtet werden müsse. Sie führten Gespräche in Khartoum mit dem Staatspräsidenten Umar al-Baschir sowie mit Vertretern der verschiedenen Rebellenflügel und dem Militär in der Region Darfur.

Ziel ihres Aufenthaltes sei gewesen, die beteiligten Akteure um einen Tisch zu versammeln und somit das Einschreiten internationaler, nichtmuslimischer Truppen in den Sudan zu verhindern. Dabei beurteilten die Gelehrten die Äußerungen westlicher Medien, dass es sich in Darfur um Massenvergewaltigungen und ethnische Säuberungen handeln würde, als übertrieben und möglicherweise als Falschmeldungen, die vom Palästinakonflikt ablenken sollen.

Töten von Zivilisten verboten

Dieses Beispiel verdeutlicht den Anspruch der IAMS, auf globale, für Muslime wichtige Ereignisse in ihrer Weise (d.h. auch: in pauschaler Opposition zu dem Westen) Einfluss zu nehmen. Ein weiteres Beispiel ist eine im September 2004 über das Internet veröffentlichte zweiseitige Erklärung der IAMS darüber, dass das Verschleppen oder gar Töten von Zivilisten im Krieg oder in kriegsähnlichen Zuständen, seien es Muslime oder Nichtmuslime, verboten sei.

Damit reagierte die Vereinigung sowohl auf die Ermordung zweier Italiener im Irak als auch auf das Kidnapping von 300 Schülern in Beslan im Süden Russlands.

Es wurde betont, dass dies besonders auch für Menschen gelte, die wegen humanitärer oder journalistischer Arbeit im Irak unterwegs sind, auch wenn sie dieselbe Nationalität hätten wie die Besatzer. Allerdings wurde eine Einschränkung gemacht. Dies gelte nur für Zivilisten, die nicht mit dem Feind kollaborieren würden.

Was genau mit Kollaboration gemeint ist, wurde nicht ausgeführt. Auch wie die IAMS sich zu den irakischen Wahlen positioniert, wurde bisher nicht öffentlich gemacht.

Anspruch auf globale Autorität

Die Gründung der IAMS scheint der Versuch zu sein, einen sichtbaren Gegenentwurf zum internationalen Netzwerk radikaler Islamisten zu schaffen, der auf kommunikatives Handeln, Vermittlung und Dialog baut. Die Mitgliedschaft von angesehenen lokalen Autoritäten aller islamischen Glaubensrichtungen soll dabei der strukturelle Schlüssel für die Möglichkeit weltweiter Interaktionen sein.

Die institutionalisierte Bündelung von lokaler Autorität sichert der Institution - so ist jedenfalls der Plan - die Unterstützung der Bevölkerung und macht sie als globale Autorität handlungsfähig.

Den Netzwerkcharakter im Hinterkopf, wird auch die Aussage Yusuf al-Qaradawis verständlich, dass IAMS nicht in Konkurrenz, sondern zusätzlich zu bestehenden Räten islamischer Juristen (Fiqh-Räten) agieren wird.

Gemeint sind nationale Einrichtungen, wie z.B. die islamische Forschungsakademie der Azhar-Universität oder die indische Fiqh-Akademie, zwischenstaatliche Institutionen, wie der Fiqh Council der 1962 gegründeten Muslim World League und neuere Institutionen für islamisches Minderheitenrecht, wie der 1997 gegründete European Council for Fatwa and Research (ECFR), dessen Vorsitz al-Qaradawi ebenfalls inne hat.

Bevor IAMS jedoch nicht, wie vorgesehen, mit einer eigenen Webseite in Arabisch und Englisch sowie in anderen Sprachen online geht, kann von einem effektiven Netzwerk und gebündelter Autorität der Rechtsgelehrten nicht die Rede sein. Bislang scheint die Vereinigung vor allem ein Projekt al-Qaradawis zu sein. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass sämtliche ausführliche Informationen zu IAMS bisher nur über die private homepage des Gelehrten (www.qaradawi.net) sowie auf Islamonline.net erhältlich sind.

Al-Qaradawi und das Prinzip der Mitte

Die Gründung der IAMS ist sicher nicht denkbar, ohne das Engagement des 1926 in Ägypten geborenen, seit den 60er Jahren in Qatar lebenden und vom Staat Qatar gut bezahlten Sheikh Yusuf al-Qaradawi. Zwei Grundgedanken prägen seit Jahren die Arbeiten des Gelehrten, zum einen der Gedanke der Ausgewogenheit, der Mitte, und zum anderen die Vision der Einheit für die islamische Gemeinschaft.

Ausgehend von der koranischen Formulierung der "in der Mitte stehenden Gemeinschaft" (Koran 2/143, Übers. Rudi Paret) argumentiert al-Qaradawi seit nunmehr 30 Jahren für ein ausgewogenes Vorgehen bei der Anwendung des islamischen Rechts, womit sowohl die Balance zwischen Neuem und Vertrautem als auch die Mitte zwischen den verschiedenen Lehrmeinungen gemeint ist.

Im Vorwort zum ersten Teil seiner Rechtsgutachtensammlung (1979) formuliert er, dass 'legal opinions' (Fatwas, d.h. Rechtsgutachten) stets im 'Sinne der Vermittlung' und nicht aus extremistischen Überzeugungen heraus verfasst werden sollten. In einem Essay über Fatwas (1988) verweist er auf die Notwendigkeit, auf alle Rechtstraditionen gleichermaßen zurückzugreifen und nennt diese undogmatische Vorgehensweise die 'Position der Mitte'.

Im zweiten Teil seiner Rechtsgutachtensammlung (1993) bezeichnet er sein Vorgehen als die 'ausgewogene Methode der Rechtsfindung'.

Diese Ausführungen zu islamischen Rechtsgutachten weisen über einen juristischen Kontext hinaus. Ihnen ist implizit, dass die Experten des islamischen Rechts für die moralische Führung der islamischen Gemeinschaft verantwortlich sind. Auch explizit betont al-Qaradawi, dass die Rechtsgelehrten die Pflicht hätten, ihr Verständnis vom Islam publik zu machen. Nur sie hätten die erforderlichen Kenntnisse, dass islamische Recht im Hinblick auf die Fragen der Zeit richtig zu interpretieren.

Rechtfertigung der Selbstmordattentate von Palästinensern

Al-Qaradawi engagiert sich in verschiedensten Projekten in diesem Sinn für die islamische Gemeinschaft, die für ihn aus allen Muslimen weltweit besteht und die er von daher eine 'globale islamische Gemeinschaft' nennt.

Seit es technisch möglich ist, produziert er seine Ansichten für ein globales Publikum. Seit 1996 ist er regelmäßig im Satellitenfernsehsender al-Jazeera zu Gast, seit 1998 veröffentlicht er über seine eigene Homepage Informationen zu seinen Werken und Aktivitäten. Seit 1999 engagiert er sich für das von ihm mitbegründete und mittlerweile beliebteste islamische Internetportal Islamonline.

Al-Qaradawi unterstützt entschieden den Unabhängigkeitskampf der Palästinenser, insbesondere seit der zweiten Intifada im Jahr 2000. Er initiiert Solidaritätsaktionen, sammelt Geld, bezieht Stellung im Fernsehen, im Internet, in Freitagspredigten, auf Konferenzen gegen die Besetzung Palästinas. Er rechtfertigt in islamischen Rechtsgutachten Selbstmordattentate der Palästinenser und Palästinenserinnen als Mittel der Verteidigung gegen die Politik Israels.

Für Yusuf al-Qaradawi sind die Attentäter Märtyrer und keine Selbstmörder. Selbstmord gilt im Islam als Sünde, der Märtyrertod nicht. In Palästina werde islamischer Boden und die heilige Stadt Jerusalem verteidigt. So äußerte er sich auf al-Jazeera in der Sendung "Das islamische Recht und das Leben": "Nicht ich allein sage, dass diese Attentate legitim sind, sondern auch Hunderte anderer muslimischer Rechtsgelehrter sehen das so. (…) Ein Mensch, der sich für eine große Sache opfert, ist kein Selbstmörder".

Diese Sicht erlaubt die Rechtfertigung der palästinensischen Selbstmordattentate als Märtyrerakt, der Terroranschlag auf das WTC sowie die Anschläge auf Zivilisten in Indonesien und in Saudi Arabien werden hingegen klar verurteilt.

Schon länger ist er bestrebt, die Vertreter der islamischen Gelehrsamkeit weltweit zusammenzubringen und ihre Kraft zu bündeln. Im Jahr 1999 dachte er z.B. auf al-Jazeera über die Gründung eines internationalen Gremiums von Rechtsgelehrten nach, die die transnationalen Radio- und Fernsehstationen moralisch überwachen sollen.

Die Gründung der IAMS scheint somit die logische Folge seiner Vision und seines bisherigen Schaffens zu sein. Dies wirft meines Erachtens vor allem eine Frage auf: Welche Anbindung haben Muslime in der islamischen Welt und anderswo an al-Qaradawis globale 'Gemeinschaft der Gläubigen' (umma), deren institutionalisierte Autorität die IAMS zu sein anstrebt?

Wo ist die Mitte?

Wer ist diese 'Gemeinschaft der Gläubigen', die geographisch nicht verortbar ist, keine Nationalgrenzen und keine Sprachgrenzen kennt? Es könnte sich um eine 'imagined community' im Sinne B. Anderson (1991) handeln, wonach Individuen sich durch bestimmte Medien, in Andersons Beispielen vor allem die nationale Presse, mit Millionen Anderen verbunden fühlen, ohne sie je getroffen zu haben.

Die zeitgenössische muslimische Realität sieht jedoch anders aus, es gibt unzählige gegenläufige Stimmen, Organe und Medien. Die kritischen Fragen einiger Zuschauer auf al-Jazeera, wie es denn möglich sei, die Schia innerhalb der IAMS zu integrieren oder warum IAMS in einer europäischen Hauptstadt und nicht in der islamischen Welt gegründet wurde, illustrieren eine gewisse Skepsis sowohl gegenüber einer globalen umma als auch gegenüber IAMS.

Schaut man sich die Teilnehmerlisten der ersten Veranstaltungen der IAMS genauer an, fällt zudem auf, dass es sich hier zunächst um eine ägyptisch dominierte Einrichtung handelt.

Die globale 'Gemeinschaft der Gläubigen' scheint somit keine imagined community der Muslime weltweit, sondern ein imaginierter politischer Raum von Rechtsgelehrten zu sein. Dieser Raum eröffnet ihnen die Möglichkeit, einen islamischen Diskurs zu führen, der erstens über religiöse bzw. juristische Themen hinausgeht und die Debatte um die kulturelle Identität der Muslime einschließt, der zweitens in Abgrenzung zur Ideologie radikaler Islamisten eine nichtstaatliche islamische Einheit thematisiert und der drittens nur von ihnen, den Rechtsgelehrten geführt werden kann.

Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Funktionen IAMS übernehmen wird, inwieweit Muslime im Westen und in der islamischen Welt die reklamierte globale Autorität der neuen Institution anerkennen werden und ob sich um diese Instanz herum das Bewusstsein einer globalen 'Gemeinschaft der Gläubigen' formen wird. Gespannt darf man ebenso auf die Anwendung des Konzepts der 'Mitte' sein. Wie werden die Gelehrten eine Balance finden, zwischen den konfessionellen, methodischen und politischen Unterschieden weltweit? Und ist es denkbar, dass sich ein erzielter Minimalkonsens auf lokale islamische Rechts- und Alltagspraktiken auswirken wird?

Bettina Gräf

© Qantara.de 2005

Eine kürzere Version des Artikels erschien erstmals in der Zeitschrift ISIM-REVIEW, herausgegeben vom 'International Institute for the Study of Islam in the Modern World'.

Der Artikel basiert auf acht Texten, die auf al-Qaradawis Homepage vom 13.7. bis 3.9. 2004 in verschiedenen Rubriken zur IAMS veröffentlicht wurden sowie auf der Sendung "Das islamische Recht und das Leben" des Satellitenfernsehsenders al-Jazeera vom 27.7.2004, die transkribiert unter www.aljazeera.net zu finden ist.

Bettina Gräf ist Direktionsassistentin am Zentrum Moderner Orient in Berlin. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit der 'Produktion und Rezeption von islamischen Rechtsgutachten im Zeitalter der elektronischen Medien am Beispiel von Yusuf al-Qaradawi'.

Qantara.de
Yusuf al-Qaradawi:
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