Der Horrorkitsch

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski. Foto: dpa
Streit der Intellektuellen über die Flüchtlingspolitik: Rüdiger Safranski hat die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin mehrfach kritisiert. In der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 8.11.2015 bescheinigte er "den Deutschen" pubertäres Verhalten. "Man sieht sich selbst als Rettungsanker aller Vertriebenen und Verlorenen, man praktiziert Gesinnungsethik statt Verantwortungsethik", so Safranski.

Unterwegs auf meiner Tournee, durch Hunderte von Städten, las und notierte ich viel über die sogenannte "Flüchtlingskrise". Ich sah Plakate der rechten Alfa-Partei, auf denen ein dunkelhaariger, bärtiger Mann dabei ist, eine weiße Frau zu vergewaltigen. Dies ist die Bildübersetzung von Safranskis Aussage: "Die jungen Männer bringen ihr Machogehabe mit, bringen die Gewalt mit, was für alle schlimm ist, besonders aber für die Frauen." ("NZZ am Sonntag"). Das ist Horrorkitsch!

Alte Herren kann man nicht aufklären. Beweist man ihnen die Falschheit einer ihrer Aussagen, ziehen sie das nächste Vorurteil aus der Westentasche, und wenn nichts bleibt, kommen sie mit der Geilheit der Fremden. Es ist ein Vorurteil, aber damit projizieren die alten Herren ihre Fantasien und ihre unterdrückten Wünsche auf den Fremden.

Integration ohne Illusion

Den Weg der Integration zusammen zu gehen ist nicht einfach, denn die Integration ist auch bei beiderseitigem gutem Willen noch lange kein Zuckerschlecken. Sie ist zäh und langfristig umgarnt von Problemen und gespickt mit Rückfällen. Sie verlangt von allen Beteiligten gute Nerven und eine solche Geduld, dass ein Kamel im Vergleich dazu hysterisch wirkt.

Am Ende, vielleicht wenn unsere Urenkel das Sagen haben, wartet eine wunderbare Belohnung: eine bunte friedliche Gesellschaft. Wenn es klappt, werden sich meine Phosphate freuen und viele kleine Disteln düngen: Der Distelfink ist mein Liebling unter den Singvögeln. Und er ist wie die Flüchtlinge bedroht.

Der große Abgrund zwischen Wissen und Weisheit

Sie, die behaupten, über Wissen zu verfügen, haben keinen Ratschlag für Politiker, für Helferinnen und Helfer und schon gar nicht für Flüchtlinge. Nur dann wären sie, auch wenn sie sich irren sollten, in meinen Augen Intellektuelle. Nein, sie haben kein weises Wort, weder aus Vernunft noch aus Mitleid, geschweige denn aus Liebe. Vielmehr reagieren sie zynisch aus der Ferne ihres Stammtischs.

Es ist eine merkwürdige Beobachtung, dass die Mehrheit dieser Stammtischverächter radikale Linke waren, und nun, wenn das Volk einmal seinen Willen zeigt, politisch aktiv und aus seiner Geschichte lernend humanistisch zu sein, werden die Westentasche-Stalinisten selbstgefällig und stinkig. Ihre Provinzialität zeigt sich in ihrer wortreichen Erstarrung und Feindseligkeit gegenüber fremden Kulturen.Die Vernunft hat ihre Grenzen dort, wo sie zum Opportunismus und Zynismus verleitet. Und das ist nicht selten in Zeiten der Krise. Wirken kann nur die mutige Liebe, die kein Opfer scheut, die anderen gibt, ohne Grund und Berechnung, die es ermöglicht, Krisen zu überwinden und eine Brücke über den Abgrund zwischen Wissen und Weisheit baut.

Warum ich eine besondere Antenne für Fremdenhasser habe

Ich bin in einer historischen doppelten Minderheit geboren: Aramäer unter den Arabern und Christ unter den Muslimen, und durch mein Exil bin ich in eine dritte moderne Minderheit geraten: fremd in Deutschland.

Der Angehörige einer Mehrheit (sagen wir ein katholischer Italiener oder ein sunnitischer Syrer), der ins Exil gerät, sei es als Gastarbeiter, Exilant oder Flüchtling, bleibt eine lange Zeit wie blind, wie verwirrt in der neuen Umgebung. Die Übung der Jahrtausende hat er nicht. Der Angehörige einer historischen Minderheit fühlt sich schneller ein. Er wird sich z. B. nie mit Fremdenfeinden gegen die Fremden verbinden, es sei denn, sein Hirn hat sich in einen Haufen Kacke verwandelt. Meine Beobachtungen in 45 Jahren bestätigen das. Ich kenne einige traurige Fälle, deren Schilderung mich anwidert.

Nicht die übertriebene Höflichkeit, sondern die Geschichte zwingt mich dazu, diejenigen Mehrheiten zu loben, die bei allen Problemen mit ihren Minderheiten gut umgegangen sind. Die Deutschen brauchen sich nicht zu verstecken. Seit über 50 Jahren leben sie zumindest friedlich mit ihren Minderheiten. Aber auch die muslimische Mehrheit in meinem Ursprungsland Syrien, die uns trotz 200 Jahre währender Kreuzzüge am Leben gelassen hat. Ich möchte, dass mir die Herren Sloterdijk, Safranski, Ulfkotte, Jirgl, Böckelmann & Co. ein christliches Gegenbeispiel zeigen. Sagen wir eine französische Minderheit, die den Ersten Weltkrieg in Deutschland überlebt hat. Na, es gibt sie nicht? Schwer zu finden? Ein deutsches Viertel in oder ein deutsches Dorf nahe Moskau oder Leningrad? Auch nicht?

Man muss nicht erst Herta Müller lesen, um zu erfahren, wie elend es den europäischen Minderheiten im und nach dem Krieg gegangen ist. Die Geschichte ist meine Zeugin.

Was lernt der Angehörige einer historischen Minderheit von Kindesbeinen an? Er lernt, dass ein Menschenhasser ist, wer Fremde hasst. Und davon bringt ihn keiner weg, auch wenn er mit dieser Meinung allein dasteht.

© 2016 Rafik Schami

Zur Person und zu diesem Beitrag

Rafik Schami, 1946 in Syrien geboren und seit 1971 in Deutschland lebend, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Zuletzt erschien sein Roman "Sophia" (Hanser). Der Roman "Eine Hand voller Sterne" war 2015 das "Buch für die Stadt" in Köln und der Region.

"Fremder unter Fremden" überschreibt Schami den hier veröffentlichten Artikel. Eine Anregung dafür war ihm ein Interview, das er dem "Kölner Stadt-Anzeiger" im März gegeben hatte. Es sind dies die ersten Seiten zu einem Manuskript, das er im Herbst als Buch zu veröffentlichen plant.

Drei Mosaiksteine sollen in diesem Buch enthalten sein. Der erste Schwerpunkt gilt der Gastfreundschaft und der Islamfeindlichkeit . Ein zweiter soll sich der Literatur im Exil widmen und ein dritter gilt dann Schamis Rückblick auf sein Leben. (ksta)

www.ksta.de/Schami

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Leserkommentare zum Artikel: "Alle sind für den Hasser gesichtslose Muslime"

Sehr geehrter Her Schami,
dankeschön für Ihren Artikel!!!!! Bei aller Zustimmung möchte ich Ihnen zum Trost sagen, dass ich viele Menschen treffe, die in alltäglichen kleinen Begegnungen Muslimen offen und ohne Bedenken begegnen. Und es gibt so viele, die Flüchtlingen helfen. All dies eignet sich nicht für die Nachrichtensendungen.
Gruß
Renate Butke
PS: Seit vielen Jahren lese ich Ihre Bücher und wünsche mir, dass Sie Ihre Kraft behalten!

Renate Butke21.05.2016 | 22:53 Uhr