Die verlogene Angst der Denker a.D.

Symbolbild - Islamfeindlichkeit. Foto dpa
Die Ängste vor dem Islam sind nicht real: Die Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann Stiftung (Januar 2015) zeigen die große Diskrepanz zwischen dem Islambild in der Bevölkerung und dem, wie Muslime hier tatsächlich leben. „Die meisten Muslime sind stark mit Deutschland verbunden. Sie orientieren sich an Grundwerten, haben intensive Kontakte zu Nichtmuslimen. Das heißt, das Vorurteil von Parallelgesellschaften ist faktisch nicht haltbar.

Haben die Angstmacher Angst vor den Muslimen? Meine eindeutige Antwort lautet: nein. Nicht nur sie, die meisten Menschen fliegen in Länder, deren Bewohner mehrheitlich Muslime sind, Länder wie Ägypten, Albanien, Bahrain, Jordanien, Dubai, Qatar, Indonesien, Jemen, Syrien (vor dem Krieg), Malaysia, Malediven, Marokko, Oman, Pakistan, Tunesien, Türkei. Dort ist der Muslim Hausherr. In Europa nicht! Ich kenne viele deutsche Anarchisten a. D., Maoisten a. D., die kein Problem damit hatten und haben, bei arabischen Scheichs und muslimischen Diktaturen zu Gast zu sein. Die Hotels sind mit fünf Sternen versehen, Flug und Futter sind erstklassig. Einer dieser Intellektuellen rief, halb betrunken und um drei Kilo schwerer geworden, am siebten Tag: "Es ist alles schön hier, aber ich weiß nicht, warum ich da bin." Solche Fragen entlarven mehr, als ihr Sprecher fürchtet: Charakterschwund. Der listige Ölscheich grinste. Sprach aber die Antwort nicht aus: Werbung für Dubai.  Derselbe Intellektuelle sagt nun jedem, der Ohren hat, er habe Angst vor dem Islam.

Der Islam ist eine Religion und hat wie alle anderen Religionen mehrere Gesichter. Wer das nicht weiß, soll die Bibel gründlich lesen und sich bei Gelegenheit über Hexenprozesse, über Kreuzzüge und, wer noch Nerven hat, über die Untaten der christlichen Kolonialisten in Afrika, Asien und Lateinamerika informieren. Nein, Angst vor einer Religion kann ein Intellektueller nicht haben, sonst verdient er diese Bezeichnung nicht. Etwas anders empfinden die Herren am greisen Stammtisch. Sie empfinden Verachtung, die durch Überheblichkeit entsteht. Sie entsteht in der Regel gegen Fremde aus armen Ländern, aus ehemaligen Kolonien.

Die Herabwürdigung der Geflüchtete

Verschwörungstheoretiker können einen zum Lachen bringen, wenn man die zweite Flasche Wein hinter sich gebracht hat. Im nüchternen Zustand erscheinen sie einem als Schwachsinnige, die hysterisch nach Wegen suchen, Juden für alles, was schiefgeht, verantwortlich zu machen, auch wenn die Kaida offiziell die Verantwortung für die Terroranschläge in New York am 11. 9. 2001 übernimmt. Seit den antisemitischen „Protokollen der Weisen von Zion“ und bis heute enden neun von zehn Verschwörungstheorien antisemitisch.

Nun deckte Reinhard Jirgl auf, dass die Flüchtlinge ein Teil einer Weltverschwörung seien, nicht von Putin geleitet, auch nicht von Assad, sondern von den USA, deren Absicht es sei, "Europa weiter wirtschaftlich und politisch zu deregulieren". Und dass die Deutschen, "die Arglosen im Inland", fest im Griff der USA seien. Dieser abstruse Gedanke steht in Reinhard Jirgls Artikel "Die Arglosen im Inland" ("Tumult", Winter 2016, S. 7 ff).

Seine Sprache und sein Inhalt erinnern mich sehr an die Reden der rechtsextremen Ideologen der Heimatvertriebenen in den 70er Jahren. Und damit will er die Probleme im Jahre 2016 lösen!
Das ist nicht mehr Islamophobie. Das ist eine bedenkliche Überheblichkeit gegenüber den Deutschen, die in seinem Artikel schwachsinnig wirken, und gegenüber dem Leid von Millionen, die vor dem Bombenhagel geflüchtet sind und Hilfe brauchen.

Dass dies eine US-Verschwörung gegen Deutschland und Europa ist, ist für mich eindeutig antisemitisch. Ich vermute, Jirgl hat Udo Ulfkotte, einen Pegida-Anhänger und Verschwörungstheoretiker, verinnerlicht. Ulfkotte liefert in seinem Buch "Heiliger Krieg in Europa" ein Bild seiner bedenklichen Fantasien über einen "geheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staaten". Lauter dunkle Mächte, die sich verschworen haben, Deutschland zu zerstören. Das ist die moderne Übersetzung der erfundenen "Protokolle der Weisen von Zion",  aber auf Muslime umgemünzt. Braucht man noch mehr, um zu verstehen, wohin diese Herren wollen?

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Leserkommentare zum Artikel: "Alle sind für den Hasser gesichtslose Muslime"

Sehr geehrter Her Schami,
dankeschön für Ihren Artikel!!!!! Bei aller Zustimmung möchte ich Ihnen zum Trost sagen, dass ich viele Menschen treffe, die in alltäglichen kleinen Begegnungen Muslimen offen und ohne Bedenken begegnen. Und es gibt so viele, die Flüchtlingen helfen. All dies eignet sich nicht für die Nachrichtensendungen.
Gruß
Renate Butke
PS: Seit vielen Jahren lese ich Ihre Bücher und wünsche mir, dass Sie Ihre Kraft behalten!

Renate Butke21.05.2016 | 22:53 Uhr