Es scheint daher sinnvoll, eingehend darüber nachzudenken, wie die Geschichten über Erfolge von Geflüchteten dargestellt werden und welche Inhalte sie transportieren. Denn so, wie sie derzeit größtenteils präsentiert werden, bewirken sie möglicherweise genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich erreichen sollen.

Es sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, das Leben in einem anderen Land und die Integration in eine neue Gesellschaft seien eine Prüfung; wer sich integriert, hat bestanden und wer durchfällt, macht sich zum Ziel von Hohn und Spott. Sich zu integrieren, ist vielmehr ein Recht, als eine Pflicht, die erfüllt werden muss. Deswegen gilt es, sich in Fragen der Integration von Zwang, Drohungen und Einschüchterung zu verabschieden. Stattdessen müssen wir so gut es geht den Dialog fördern, über Rechte reden und die Menschen nicht nur argumentativ, sondern auch auf der Gefühlsebene überzeugen.

Zukunft nicht in Deutschland

Der notwendige Blick auf einen weiteren Aspekt der Debatte erhellt zudem Folgendes: Die Aussicht, entweder eine glänzende Integrationsleistung zu zeigen oder als "gescheitert" gebrandmarkt zu werden, ist nicht das schlimmste Szenario, das Geflüchtete erwartet. Es scheint, als würde man - unabhängig von den eigenen Bemühungen - einer Demütigung letztlich nicht entkommen. Das zumindest war der Eindruck, den nicht nur Geflüchtete von der Plakatkampagne des Bundesinnenministeriums gewannen, die sie zur freiwilligen Rückkehr in die Heimat ermuntern sollte.

Rein formal richtete sich die Kampagne an Geflüchtete - und zwar an alle, ganz gleich ob "integriert" oder "nicht integriert". Ihr Slogan "Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt!" suggeriert, dass Deutschland scheinbar nicht "ihr Land" werden kann. Indirekt und dennoch unmissverständlich wird klar: "Ihr Land" ist dort, wo sie herkamen.

Umstrittene Plakatkampagne des Innenministeriums: "Dein Land - Deine Zukunft. Jetzt!"; Foto: DW
Rein formal richtete sich die Plakatkampagne des Bundesinnenministeriums an Geflüchtete - und zwar an alle, ganz gleich ob "integriert" oder "nicht integriert". Ihr Slogan suggeriert, dass Deutschland scheinbar nicht "ihr Land" werden kann. Indirekt und dennoch unmissverständlich wird klar: "Ihr Land" ist dort, wo sie herkamen. Die Kampagne ignoriert, dass der Ort, den diese Menschen hinter sich gelassen haben, nicht mehr wirklich ihre Heimat oder ihr Land ist, schreibt Housamedden Darwish.

Die Kampagne ignoriert, dass der Ort, den diese Menschen hinter sich gelassen haben, nicht mehr wirklich ihre Heimat oder ihr Land ist. Andernfalls wären sie nicht von dort geflohen. Tatsächlich richtete sich die Kampagne auch nicht wirklich an Geflüchtete.

Ihr Ziel war es, der deutschen Bevölkerung zu vermitteln, dass die Regierung alles unternimmt, was in ihrer Macht steht, möglichst viele Geflüchtete durch die Rückführung in "ihre Herkunftsländer" beziehungsweise "ihre Heimat" wieder loszuwerden und dadurch ihre Anzahl so schnell wie möglich spürbar zu verringern. Denn früher oder später, so der Tenor, sollen sie sich dort eine Zukunft aufbauen, nicht hier in Deutschland.

Demütigung – integriert oder nicht

Die Botschaft einer solchen Kampagne kommt auch bei den Geflüchteten an: "Egal, ob du dich erfolgreich integrierst oder nicht, Deutschland ist nicht deine Zukunft!". Vor diesem Hintergrund macht es keinen Unterschied mehr, ob man "integriert" oder "nicht integriert" ist. Gleichzeitig findet auch eine Verschiebung des öffentlichen Diskurses statt. Einst hieß es, dass man so gut es geht denen beistehen müsse, die Hilfe benötigen. Jetzt geht es hingegen darum, ihnen zu helfen, so schnell wie möglich wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren, da sie nun einmal bedauerlicherweise hier sind!

Auf diese Art wird Schritt für Schritt selbst das Versprechen ausgehöhlt, Anerkennung durch Integration zu erlangen. Am Ende dieses Prozesses steht unausweichlich die Demütigung – integriert oder nicht.

Darin zeigt sich ein eklatanter Widerspruch zur deutschen "Willkommenskultur", die seit vielen Jahren das Beste ist, das dieses Land der Welt vermacht hat. Mit ihrem Aufkommen war die Hoffnung verbunden, dass sie nicht nur für ganz Deutschland, sondern auch den Rest der Welt ein inspirierendes Vorbild sein könnte.

Die jüngsten Entwicklungen deuten jedoch darauf hin, dass sich diese Hoffnung zerschlagen könnte. Gut möglich, dass die Willkommenskultur stattdessen weiter ins Abseits gedrängt und selbst an ihrem Ursprungsort Deutschland als fremd wahrgenommen wird.

Housamedden Darwish

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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