Ein Stipendium oder eine andere Form der individuellen Förderung stellt immer einen Ausnahmefall dar. Abgesehen davon unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen der Geflüchteten aber beispielsweise auch im Hinblick auf die Wohnsituation, die Möglichkeiten Deutsch zu lernen und den Aufenthaltsstatus der jeweiligen Person sehr deutlich.

Es macht einen gravierenden Unterschied, ob man lediglich den auf ein Jahr begrenzten subsidiären Schutz genießt und kein Anrecht auf eine Familienzusammenführung hat, oder ob man eine dreijähriges Aufenthaltsrecht zugesprochen bekommt und zusammen mit den übrigen Familienmitgliedern unter einem Dach leben kann.

Diejenigen, denen es die Umstände ermöglichen, sich eine eigene Wohnung zu suchen, sind in einer gänzlich anderen Ausgangslage als Geflüchtete, die gezwungenermaßen in einem „Camp“ beziehungsweise einer Aufnahmeeinrichtung bleiben müssen. Dort gestaltet es sich wesentlich schwerer, die nötige Stabilität zu finden, um ein neues Leben zu beginnen und sich beruflich und gesellschaftlich zu integrieren.

Dasselbe gilt für die Dauer des Asylverfahrens und die Möglichkeiten, einen Deutschkurs zu besuchen: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob das Verfahren nach zwei Monaten beendet ist und man sich ohne lange Wartezeit zu einem Deutschkurs anmelden kann, oder ob der Bescheid mehr als zwei Jahre auf sich warten lässt und man keine Gelegenheit bekommt, zügig Deutsch zu lernen.

Der syrische Autor Housamedden Darwish; Foto: privat
Der syrische Autor Housamedden Darwish ist Sozialwissenschaftler und Dozent an den Universitäten Köln und Duisburg.

Das Mantra vom individuellen Erfolg

Dass die gewichtige Rolle der objektiven Umstände in Sachen Integration unerwähnt bleibt, ist in der Regel der impliziten oder expliziten Überschneidung der Interessen zweier Seiten geschuldet: Zum einen halten es einige derjenigen, die im Namen der Aufnahmegesellschaft sprechen oder sie repräsentieren, für opportun, die Verantwortung für Erfolg oder Scheitern der Integrationsbemühungen vollumfänglich, mindestens aber größtenteils, auf die Geflüchteten selbst abzuwälzen.

Die Verantwortung so einseitig zu verteilen, setzt voraus, dass die notwendigen objektiven Bedingungen für eine gelingende Integration tatsächlich immer gegeben sind. Erfolg und Scheitern werden so entsprechend individualisiert und damit an den Willen und das Selbstverständnis sowie die Fähigkeiten und Talente der Geflüchteten gebunden.

Für die "Vorzeigegeflüchteten" ist es wiederum äußerst verlockend, gebetsmühlenartig die individuellen Erfolgsfaktoren hervorzuheben und die vom Willen und den Fähigkeiten der Person unabhängigen objektiven Umstände möglichst nebensächlich erscheinen zu lassen.

Nur so lässt sich die Erfolgsgeschichte als nichts anderes, als eine einzigartige individuelle Leistung darstellen, die ihren Helden von allen anderen Geflüchteten abhebt. Mit diesen „Vorzeigegeflüchteten“ hängt auch die zweite problematische Implikation zusammen, die durch die gängige Darstellung der erfolgreichen Integrationsgeschichten einzelner Geflüchteter transportiert wird.

Das Problem liegt in der Art und Weise, in der manche Geflüchtete ihre Geschichte erzählen: Ihr Erfolg wird zum Scheitern der Anderen. Nicht nur, dass sie ihre Leistungen allein auf ihre persönlichen Bemühungen zurückführen und die Bedeutung anderer Faktoren nicht angemessen würdigen. Sie schaffen es auch, im gleichen Atemzug allen anderen Geflüchteten direkt oder indirekt die alleinige Verantwortung dafür aufzubürden, dass sie gescheitert sind, oder zumindest nicht mehr erreicht haben.

Der herablassende Blick

Dadurch beweist der Erfolg eines Geflüchteten das Scheitern all derjenigen, die nichts Vergleichbares vorweisen können. Viel zu selten machen die Helden dieser Erfolgsgeschichten deutlich, dass sie ohne ihre besonders guten Ausgangsvoraussetzungen nicht erreicht hätten, was sie erreicht haben. Viel zu selten bringen sie Verständnis dafür zum Ausdruck, dass die Umstände für viele andere nicht so günstig sind. An Kritik und Tadel sparen sie indes nicht.

Zuweilen schlägt die Kritik sogar in Demütigung und Spott um. Auch wenn es vielleicht paradox klingen mag, das harsche Urteil über ihre weniger erfolgreichen Leidensgenossen ist häufig auf eines von zwei äußerst unterschiedlichen Gefühlen zurückzuführen: Einige der "Vorzeigegeflüchteten" fühlen mit ihnen, ihr Scheitern schmerzt sie. Die Kritik soll andere Geflüchtete wachrütteln und antreiben, noch mehr zu investieren, um das Ruder herumzureißen. Andere hegen jedoch grundsätzlich negative Gefühle gegenüber den "gescheiterten" Geflüchteten und schauen auf sie herab.

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