Integration als Lackmustest

Der Erfolg der Einen ist das Scheitern der Anderen

Die mediale Inszenierung einzelner herausragender Erfolgsgeschichten von Geflüchteten im Beruf oder Studium verfehlt ihre Intention, meint der syrische Autor Housamedden Darwish. Seiner Ansicht nach sollte das Leben nach der Flucht und die Integration in eine neue Gesellschaft nicht als Prüfung dargestellt werden.

Geschichten über besonders außergewöhnliche Integrationsleistungen einzelner Geflüchteter erfahren derzeit in den verschiedenen Aufnahmeländern eine große gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit. Dazu tragen nicht nur die in den jeweiligen Ländern etablierten Medien bei, sondern auch jene, die von Geflüchteten selbst betrieben werden oder solche, die dem Themenkomplex Flucht und Migration gewidmet sind.

Manche dieser Erfolgsgeschichten erzählen von außergewöhnlichen Leistungen im Beruf oder Studium. Sie handeln von exzellenten Prüfungsleistungen oder Zeugnissen, mit denen Geflüchtete ihre Mitstreiter überflügelten.

Andere würdigen Fälle, in denen Geflüchtete besonders schnell Deutsch gelernt oder eine Ausbildung absolviert haben und dabei (fast) alle anderen Kursteilnehmer oder Auszubildende hinter sich ließen. Hinzu kommen Geschichten von Geflüchteten, die für ihre außergewöhnlichen Talente oder Leistungen von Institutionen aus dem Ausland finanziell und anderweitig unterstützt oder geehrt werden.

Obwohl all diese Geschichten vermutlich in dem Bestreben erzählt werden, ein positives Bild von Geflüchteten zu zeigen und auf Erfolgsgeschichten und gelungene Fälle von Integration hinzuweisen, bergen sie in gewisser Hinsicht auch problematische Implikationen.

Frust statt Motivation

Nachfolgend möchte ich auf die zwei wichtigsten Aspekte eingehen: Es ist zum einen das Bild, das vom "erfolgreichen Geflüchteten" gezeichnet wird. Zum anderen gehen diese Geschichten nicht auf die tiefer liegenden Gründe ein, die je nach dem für Erfolg oder Misserfolg bei der Integration ins gesellschaftliche und berufliche Leben ausschlaggebend sind.

Die erste problematische Implikation zeigt sich in der häufigen Darstellung der Erfolgsgeschichten als herausragende individuelle Leistung, die allein auf dem Ausnahmetalent und den besonderen Fähigkeiten ihrer "Helden" beruht.

Diese Darstellung kann bei ganz "gewöhnlichen" Geflüchteten Frustration auslösen: Es stellt sich das Gefühl ein, nicht gut genug zu sein und keine realistische Chance auf eine erfolgreiche Integration in die neue Gesellschaft zu haben. "Normale" oder "durchschnittliche" Menschen bilden allerdings in jeder Gesellschaft und Gemeinschaft die große Mehrheit. Es gibt keinen Grund, warum diese Binsenweisheit nicht auch auf Geflüchtete zutreffen sollte.

Integration und Arbeitsmarktbeteiligung von Flüchtlingen in Deutschland; Foto: dpa/picture-alliance/J.-U.Koch
Dichotomische Wahrnehmung vom "gescheiterten" und "voll integrierten" Flüchtling: Meistens wird im Kontext der präsentierten Erfolgsgeschichten verschwiegen, wie wichtig die "objektiven" Umstände und Faktoren sind, die weniger mit dem Willen, dem Können und den Talenten der Person zu tun haben, als mit der Aufnahmegesellschaft und der neuen Umgebung, in der sich Geflüchtete wiederfinden, schreibt Housamedden Darwish.

Entsprechend verbreiten viele dieser Erfolgsgeschichten eher Frust unter den Geflüchteten, anstatt sie zu ermutigen und zu motivieren, sich ein Beispiel an ihnen zu nehmen und den vermeintlichen Vorbildern nachzueifern.

Mit zweierlei Maß

Deswegen sollten wir genau über die folgende Frage nachdenken: Sind tatsächlich besondere Fähigkeiten und Ausnahmetalente von Nöten, um erfolgreich in der Aufnahmegesellschaft anzukommen?

Meistens wird im Kontext der präsentierten Erfolgsgeschichten verschwiegen, wie wichtig die "objektiven" Umstände und Faktoren sind, die weniger mit dem Willen, dem Können und den Talenten der Person zu tun haben, als mit der Aufnahmegesellschaft und der neuen Umgebung, in der sich Geflüchtete wiederfinden.

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