Indonesischer Dokumentarfilm „Jalanan“

Singen, wenn die Worte fehlen

Titi muss ihre Kinder verlassen, um Geld für ihren kranken Vater zu verdienen. Ho kommt mit der indonesischen Justiz in Konflikt, Boni wohnt in einem Regenwasserkanal. Die drei Protagonisten in „Jalanan“ verbindet, dass sie sich als Straßenmusiker in Jakarta durchschlagen. Sandeep Ray hat sich den Dokumentarfilm angeschaut.

"Jalanan" wird als erster indonesischer Dokumentarfilm in die Kinogeschichte Asiens eingehen, der ein Publikumserfolg war. Er wurde auch mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem begehrten Preis für den besten Dokumentarfilm 2013 in Busan (Korea). Fünf Jahre lang begleiteten die Filmemacher drei Menschen, die sich in den Straßen von Jakarta als Musiker durchschlagen.

Über ein Jahr, nachdem "Jalanan" in den Kinos angelaufen ist, werden die Protagonisten Boni, Titi und Ho immer noch zu Talkshows eingeladen, übernehmen Gastauftritte im Fernsehen und spielen vor ausverkauften Sälen. Als Anerkennung für den außergewöhnlichen Erfolg des Films über die drei marginalisierten Einwohner von Jakarta veranstaltete Gouverneur Basuki Tjahja Purnama (auch "Ahok" genannt) Anfang 2014 eine Filmvorführung für seine Mitarbeiter. „Kaum zu glauben: ‘Jalanan’ rührt Ahok zu Tränen“ titelte die "Jakarta Post" am nächsten Tag. Ich habe mir den Film auf dem Ubud Writers and Readers Festival (UWRF) angeschaut. Die balinesische Stadt Ubud ist mittlerweile die Heimat des kanadischen Regisseurs Daniel Ziv.

"Jalanan" beginnt bedächtig. Wie bei TV-Dokumentationen üblich, werden die drei Protagonisten zunächst in parallelen Mini-Biografien vorgestellt: der schlagfertige, verschmitzte javanesische Rastafari Ho; die süße, aber hartnäckige, empfindsame und fromme Titi; der talentierte Boni mit der traurigen Kindheit und dem irritierend jungenhaften Gesicht. Schon bald singen sich die drei Musiker ihren Kummer vom Herzen, touren mit großem Elan und unermüdlichem Glauben an sich selbst durch die riesige Stadt. Doch während sie mit ihrem Talent, ihrer Haltung und ihrem Sinn für Mode zunächst ziemlich cool wirken, kommen bald tiefer gehende Fragen auf.

Leben ohne Sicherheit

Wie möglicherweise viele Zuschauer hat auch mich bewegt, wie zerbrechlich das Leben der drei Protagonisten ist. Ich fragte mich: „Was bringt euch dazu, Tag für Tag die Gitarre zu nehmen und sich auf den Weg durch den Schmutz und Dreck der Straßen zu machen, Hunderte von Kilometern in stickigen Bussen zurückzulegen, nur um ein paar Münzen einzunehmen? Warum gebt ihr nicht einfach auf? Warum müsst ihr bei all eurem Talent unter einer Brücke schlafen? Warum lässt du dich von deinem Mann so herumschubsen? Warum bleibt ihr für diese Stadt unsichtbar, auf deren Straßen ihr herumzieht?"

Man braucht keine Biografien Prominenter zu lesen, um etwas über das menschliche Beharrungsvermögen zu lernen. Millionen von Menschen, die durch das Netz der Gesellschaft fallen, verfügen über diese Eigenschaft. Das macht uns der Film eindrücklich klar.

Der Film wurde für mich beklemmend, als Ho wegen gewerbsmäßigen Musizierens auf der Straße festgenommen wird. Ich weiß nicht, wie es der Regisseur geschafft hat, dass sich die Zuschauer so fühlten, als säßen sie mit Ho im Knast. Wer hat je mit einem Haufen von Leuten in einer Zelle gesessen, die wegen lächerlicher Nichtigkeiten festgehalten werden? Ein kleines Mädchen muss aufs Klo, Frauen kauern auf dem Betonboden, Kakerlaken huschen umher. Ho summt vor sich hin, komponiert aus dem Stegreif neue Balladen, hebt damit die Stimmung. Hoffentlich schämen sich die Verantwortlichen der Stadtverwaltung, wenn sie diesen Film sehen. Hier wandelt sich der Dokumentarfilm von einer mutigen Ethnographie in eine soziorealistische Oper – ein bewegender Schmerzgesang gegen die Schikanierung von Menschen.

Von diesem Zeitpunkt an sitzen wir in einem anderen Film. Zur einst liebevollen Hommage an Straßenmusiker gesellen sich jetzt ernstere Themen. Plötzlich betrachten wir unsere Protagonisten als Bürger, die Opfer einer willkürlichen Demokratie werden, immer einen Schritt am Abgrund, und nur durch die eigene Widerstandskraft überleben.

Mut und Beharrlichkeit

In welchem Jakarta lebt ihr? Diese Frage stellt der Film dem Publikum vor Ort. Ist es die Stadt, in der Ho heimlichen, verbotenen Sex in einer Hütte abseits der Hauptstraße hat? In der eine miserable Städteplanung dazu führt, dass Boni in einem Regenwasserkanal haust, der ständig überflutet werden kann? In der Titi ihre Kinder verlassen muss, um zu arbeiten und ihrem Vater ein paar Dollar als Unterstützung für die Arztrechnungen schicken zu können? Der Film drückt nicht auf die Tränendrüse. Er weckt Mitgefühl. Er macht deutlich, dass die Auffassung, die Armen seien an ihrem Schicksal selbst schuld, eine Chimäre des Kapitalismus ist. Diese Menschen wahren ihre Würde mit bewundernswertem Mut und einer Beharrlichkeit, die jeden beschämen muss, der sich keine Gedanken um seine nächste Mahlzeit zu machen braucht.

Die Charaktere verstehen es, ihr Leben mit Liebe, Humor und einem Schuss Satire zu garnieren. Ho reimt „Reformation“ auf „Masturbation“. Er sagt zwar, er liebe Indonesien, fragt sich aber, ob Indonesien seine Liebe erwidere. Boni stellt bei einem Toilettenbesuch in einem Luxus-Einkaufszentrum fest, dass sich zwar der Kot von Menschen aller Klassen hervorragend mischt, dass sich die Menschen selbst aber nicht mischen wollen.

Daniel Ziv. Foto: Jalananmovie.com
Regisseur und Produzent Daniel Ziv stammt aus Kanada, lebt aber inzwischen in Indonesien.

Der Abstecher von Titi heim ins dörfliche Idyll ihrer Familie ist eine wunderbare Auszeit vom Dreck und Elend der Stadt. Wir werden dabei an die Bedeutung familiärer Bindungen erinnert – auch für Menschen, die vordergründig Vagabunden sind. Ihre Eltern sind freundliche Menschen vom Lande, die immer noch nicht begreifen können, warum ihre Tochter in Bussen singt. Sie gestehen, Titis Gitarre einst für lumpige 1.500 Rupiah heimlich verkauft zu haben. Als der gebrechliche Vater in seinem frisch gestärkten weißen Hemd japanische Kriegslieder anstimmt, wissen wir, sein Ende ist nah.

Die Straßenmusiker irren nicht ziellos umher. Der Film funktioniert, weil sie konkrete Pläne verfolgen und weil der Regisseur uns an ihrem jeweiligen Weg zum Ziel teilhaben lässt. Dies gelingt ihm mit einer umfassenden filmische Umsetzung, die durch den geschickten Schnitt von Ernest Weiss-Hariyanto klare Konturen gewinnt. Als Ho mehrere Tageseinnahmen ausgibt, um seine Angebetete mit Padang-Spezialitäten zu verwöhnen, wünschen wir ihm, dass die Frau ihn erhört, fragen uns aber gleichzeitig, wie er für eine Witwe mit drei Kindern die Verantwortung übernehmen will. Später, als er ihr acht Monate altes Baby liebevoll in den Armen wiegt, bin ich verblüfft über diese Verwandlung.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Titi wird von ihrem Ehemann verlassen. Sie wischt ihre Tränen und Schmerzen beiseite, vertieft sich in ihre Bücher, um einen Schulabschluss nachzuholen und ein besseres Leben zu beginnen. Boni baut beharrlich seinen dürftigen Unterschlupf aus – trotz ständiger Bedrohung durch Überschwemmung und Zerstörung.

Am Ende macht Titi ihren Schulabschluss und hält eine heroische Rede zu Ehren ihres kürzlich verstorbenen Vaters. Boni scheint unbeeindruckt von der Tatsache, dass sein Leben durch den Federstrich eines Stadtentwicklungsbeamten oder die nächste Flut aus den Fugen gerissen werden könnte. Ho ehelicht seine Angebetete und erscheint in seinem sauberen, gebügelten Hemd unbeholfen förmlich. Das Publikum applaudiert gerührt.

In weniger als zwei Stunden haben die Protagonisten von "Jalanan" für wenig Geld unendlich viel geschuftet, aber auch geträumt, gevögelt, sich getrennt, gelitten, einen Elternteil begraben, die Schule abgeschlossen, ein Zuhause aufgebaut, uns eine Lektion in Ökonomie erteilt und uns mit großartigem Humor und überwältigender Musik verwöhnt.

Fanden Sie Ihr Leben in letzter Zeit etwas schwierig und anstrengend?

Sandeep Ray

© Inside Indonesia / Qantara 2015

Übersetzung aus dem Englischen: Peter Lammers

Protagonisten: Bambang ‘Ho’ Mulyono; Titi Juwariyah; Boni Putera; Regie: Daniel Ziv; Schnitt; Ernest Hariyanto/Republik Pictures; Produktion: Daniel Ziv, DesaKota Productions, ITVS International & Republik Pictures. Länge: 108 Minuten

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