Indonesien und der Ukraine-Krieg
Widodo zwischen Russland und dem Westen

Der Ukraine-Krieg stellt die Neutralität und Blockfreiheit Indonesiens auf eine harte Probe. Viele seiner Nachbarländer sind eher Russland zugeneigt. Das erschwert die Außenpolitik des Landes. Von David Hutt

Es mag vor allem Symbolpolitik gewesen sein, als der indonesische Präsident Joko Widodo kürzlich Kiew und Moskau besuchte - als erster asiatischer Regierungschef seit Beginn des russischen Einmarsches in der Ukraine. Widodo, der allgemein Jokowi genannt wird, nutzte seine Besuche in Kiew am 29. Juni und in Moskau am darauffolgenden Tag, um auf die globale Nahrungsmittelkrise hinzuweisen, die der Ukraine-Krieg verursacht hat.

"Indonesien hofft auf ein baldiges Ende des Krieges und damit auf eine umgehende Wiederherstellung der Versorgungsketten für Nahrungsmittel, Düngemittel und Energie, denn das Leben von Hunderten von Millionen, sogar Milliarden Menschen ist betroffen", sagte Widodo Berichten zufolge in Moskau.

Bevor er sich auf den Weg nach Europa machte, hatte er klargestellt, dass sein Besuch "nicht nur für die Indonesier wichtig ist, sondern auch für andere Entwicklungsländer, um zu verhindern, dass die Menschen in diesen Ländern und in einkommensschwachen Ländern extreme Armut und Hunger erfahren müssen."

Steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise in ganz Südostasien

Vor dem Krieg importierte nur Ägypten mehr Weizen aus der Ukraine als Indonesien. Die Abhängigkeit von Düngemitteln und anderen in Russland und der Ukraine produzierten Agrarprodukten ist ebenfalls hoch. In ganz Südostasien hat der Krieg in der Ukraine dazu geführt, dass die Ölpreise rapide gestiegen sind und das Geld massiv an Wert verloren hat. Ob Widodos Reise dazu beitragen kann, diesen rasanten Preisanstieg in den Griff zu bekommen, bleibt abzuwarten.

Getreideernte in der Ukraine (Foto: Valentin Sprinchak/dpa/TASS/picture alliance)
Massive Folgen des Ukraine-Krieges für Südostasien: "Vor dem Krieg importierte nur Ägypten mehr Weizen aus der Ukraine als Indonesien. Die Abhängigkeit von Düngemitteln und anderen in Russland und der Ukraine produzierten Agrarprodukten ist ebenfalls hoch. In ganz Südostasien hat der Krieg in der Ukraine dazu geführt, dass die Ölpreise rapide gestiegen sind und das Geld massiv an Wert verloren hat. Ob Widodos Reise dazu beitragen kann, diesen rasanten Preisanstieg in den Griff zu bekommen, bleibt abzuwarten“, schreibt David Hutt.

"Bei Reisen wie Widodos Besuch in Kiew und Moskau geht es oft mehr um Symbolik als um wirkliche Erfolge", sagt Ben Bland, Leiter des Asien-Pazifik-Programms bei Chatham House und Autor der Widodo-Biographie "Man of Contradictions: Joko Widodo and the Struggle to Remake Indonesia" (Penguin 2020).

Widodos erste Station auf der Reise war Kiew; von manchen Kommentatoren wurde das als subtiler Hinweis auf eine Unterstützung für die ukrainische Unabhängigkeit interpretiert. Auch dass Widodo die mögliche Nahrungsmittelkrise während seines Aufenthalts in Russland zum Thema machte, bezeichnete Bland im Gespräch mit der Deutschen Welle als "implizite Zurückweisung des falschen russischen Narrativs" von einer Verantwortung des Westens für die Nahrungsmittelkrise.

Was passiert auf dem G20-Gipfel?

Widodos ungewohnter Auftritt als Friedensstifter war nach Ansicht von Beobachtern lediglich für das heimische Publikum bestimmt. "Die Indonesier sehen, dass Jokowi auf internationaler Bühne gelobt und anerkannt wird. Das weckt den nationalen Stolz, denn Jokowi wird als Verkörperung eines stärkeren Indonesien wahrgenommen", erläutert Bridget Welsh, Analystin am Asia Research Insitute der University of Nottingham Malaysia.

Als Land mit der viertgrößten Bevölkerung weltweit spielte Indonesien in Südostasien bis in die 1990er Jahre die Rolle eines Ersten unter Gleichen. Seitdem sind seine führenden Politiker zunehmend in einen Isolationismus abgedriftet.

Der indonesische Präsident Joko Widodo (rechts) trifft den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Kiew, 29. Juni 2022 (Foto: Mikhail Klimentyev/Sputnik/AFP)
Erst Kiew, dann Moskau: Von manchen Kommentatoren wurde es als subtiler Hinweis auf eine Unterstützung für die ukrainische Unabhängigkeit interpretiert, dass Widodo zuerst Kiew und erst danach Moskau besuchte. Auch dass Widodo die mögliche Nahrungsmittelkrise während seines Aufenthalts in Russland zum Thema machte, bezeichnete Ben Bland, Leiter des Asien-Pazifik-Programms bei Chatham House, im Gespräch mit der Deutschen Welle als "implizite Zurückweisung des falschen russischen Narrativs" von einer Verantwortung des Westens für die Nahrungsmittelkrise. Auf dem Foto begrüßt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen indonesischen Kollegen am 29. Juni 2022 in Kiew.

Doch selbst wenn er es wollte, kann Widodo sich in diesem Jahr nicht zurückziehen. Indonesien führt den rotierenden Vorsitz der G20-Gruppe, und es wird erwartet, dass es sich in globale Themen einmischt. Im November soll der diesjährige G20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs auf Bali stattfinden. Der Gipfel läuft allerdings Gefahr, ein Reinfall zu werden, denn Widodo hat sich dem westlichen Druck widersetzt, den russischen Präsidenten Wladimir Putin auszuschließen.

Ebenfalls eingeladen ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Analysten gehen davon aus, dass Jakarta damit rechnet, dass sowohl Putin als auch Selenskyj virtuell an der Konferenz teilnehmen werden. Das könnte ausreichen, um einen Boykott zu verhindern, den die USA und Europa für den Fall einer Teilnahme Putins angedroht haben.

Ein von Peinlichkeiten geprägter G20-Gipfel würde Indonesiens Stellung in der Welt gefährden, insbesondere da das Land ungefähr zum Zeitpunkt des Gipfeltreffens auch die rotierende Präsidentschaft des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) für das Jahr 2023 übernimmt.

Eine Tradition von Neutralität und Blockfreiheit

Indonesien blickt auf eine Tradition der Neutralität und Blockfreiheit zurück. In der Debatte um den Ukraine-Krieg ist da Fingerspitzengefühl gefragt. Im März stimmte Indonesien für die Resolution der UN-Generalversammlung, die den Einmarsch Russlands in der Ukraine verurteilt und ein Abzug der russischen Streitkräfte fordert. Bislang hat sich Indonesien jedoch geweigert, Sanktionen gegen Moskau zu verhängen oder Putins Vorgehen in der Ukraine eindeutig zu verurteilen.

Der indonesische Außenminister Retno Marsudi begrüßt die Teilnehmer des G20-Außenminister Treffens auf Bali im Juli 2022 (Foto: Dita Alangkara/AP/picture alliance)
Der indonesische Außenminister Retno Marsudi begrüßt die G20-Außenminister bei ihrem Treffen auf Bali im Juli 2022. Russlands Außenminister Sergej Lawrov veursachte einen diplomatischen Eklat, als er das Treffen vorzeitig verließ. Ist das ein Vorzeichen für das, was auf dem G20-Gipfel auf Bali im November droht? Indonesiens Präsident Widodo hat bisher westlichem Druck, Wladimir Putin auszuladen, widerstanden. Gleichzeitig hat er aber auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eingeladen.

Dazu meint Ben Bland: "Dies lässt sich nicht nur auf die relativ guten Beziehungen Indonesiens sowohl zur Ukraine als zu Russland vor dem Einmarsch zurückführen, sondern auch auf die langjährige Tradition der Blockfreiheit - und einen Unwillen, sich in weit entfernte Konflikte hineinziehen zu lassen, wenn zuhause so viele Herausforderungen zu bewältigen sind."

Auch wenn Widodo Indonesiens Politik der Nichteinmischung fortsetzt, muss er vorsichtig agieren, denn die öffentliche Meinung ist im Konflikt laut neuesten Umfragen keineswegs neutral. "Für einen großen Teil der Indonesier hat der Westen den Krieg provoziert. Eine neutrale Haltung Widodos kommt dieser Sichtweise entgegen", so Welsh.

Kürzlich veröffentlichte das Berliner Marktforschungsinstitut Latana zusammen mit der gemeinnützigen Organisation Alliance of Democracies den Democracy Perception Index 2022. Hierfür wurden Menschen aus 52 Ländern dazu befragt, ob ihre Regierungen die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland wegen des Krieges in der Ukraine abbrechen sollten. In Indonesien sprachen sich fast 50 Prozent der Befragten dafür aus, dies nicht zu tun und die Beziehungen aufrechtzuerhalten, das zweithöchste Ergebnis unter den 52 Ländern. Nur in China sprachen sich noch mehr Menschen für die Beibehaltung der Beziehungen aus.

"In den indonesischen Diskussionen über den russischen Krieg gegen die Ukraine steht die amerikanische und westliche Heuchelei im Vordergrund", meint der indonesische Analyst Radityo Dharmaputra. In einem im März veröffentlichten Artikel kam er jedoch zu dem Schluss, dass es sich hierbei "mehr um eine Geringschätzung des Westens handelt als um eine vorbehaltlose Unterstützung der Aktionen Russlands."

David Hutt

© Deutsche Welle 2022

Aus dem Englischen adaptiert von Phoenix Hanzo.

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