Indonesien: Netzwerk Liberaler Islam

Den Islam im gesellschaftlichen Kontext interpretieren

Acht Monate vor dem 11. September 2001 fand sich in Indonesien eine kleine Gruppe muslimischer Intellektueller zusammen, um ein progressives Gegengewicht zu konservativen islamistischen Bewegungen zu bilden. Christina Schott stellt das Netzwerk vor.

Acht Monate vor dem 11. September 2001 fand sich in Indonesien eine kleine Gruppe muslimischer Intellektueller zusammen, um ein progressives Gegengewicht zu konservativen islamistischen Bewegungen in ihrem Land zu bilden: das Netzwerk Liberaler Islam. Christina Schott stellt die Gruppe vor.

Ulil Ashbar-Abdallah, der Koordinator von Liberal Islam Network; Foto: www.freedom-institute.org
Ulil Ashbar-Abdallah, Koordinator von Liberal Islam Network: "Die Ideen hinter dem gewalttätigen Radikalismus müssen auch mit Ideen bekämpft werden."

​​Mit der Demokratie, die nach dem Rücktritt des ehemaligen Diktators Suharto 1998 in Indonesien Einzug hielt, blühte auch die Meinungsfreiheit im Land mit der größten islamischen Bevölkerung der Welt wieder auf. Dass jede gute auch eine schlechte Seite hat, zeigte sich hier in der Minderheit radikaler Islamisten, die seitdem ihre Meinung ebenfalls lautstark kundtun.

"Wir hatten schon lange über eine liberale Islam-Organisation diskutiert", erklärt Ulil Abshar-Abdalla, Koordinator des Netzwerks Liberaler Islam / Jaringan Islam Liberal (JIL). "Dann haben wir das Aufleben des radikalen Islam in Indonesien nach der "Reformasi" gesehen. Das war der richtige Moment zum Handeln."

Obwohl die Bewegung relativ klein ist, gilt sie als recht einflussreich und unter konservativen Muslimen als höchst kontrovers. Fast alle Gründungsmitglieder waren auf Islamschulen und haben später Islamwissenschaften studiert. Auf den meist recht offenen islamischen Universitäten in Indonesien entdeckten sie eine Welt voller neuer Interpretationen von Glaubenslehren und Lebenswahrheiten.

Den indonesischen Islam bewahren

Heute spricht sich die Gruppe vor allem gegen einen "literalistischen" Islam aus, also eine allzu wortgetreue Auslegung des Korans. Eine buchstäbliche Interpretation würde ihrer Meinung nach den "Islam killen". Genau dies sehen sie auch als das größte Problem der Fundamentalisten: deren Interpretation sei unproduktiv, exklusiv und unzeitgemäß. Die islamische Lehre müsse im Kontext und Wandel von Gesellschaft und Zeit gesehen werden.

Der Islam in Indonesien ist zum größten Teil immer noch sehr moderat ­ vor allem, was die Mischung mit den vielen verschiedenen lokalen Traditionen und Überbleibseln älterer Kulturen und Religionen betrifft. "Diese synkretistischen Formen sehe ich eher positiv, weil sie den eigenen Charakter des indonesischen Islam bewahren und die zunehmende Arabisierung verhindern", sagt Ulil.

"Wir repräsentieren jedoch ausdrücklich nicht den traditionellen Islam ­ denn der ist von der Wurzel her sehr konservativ und kann leicht von radikalen Bewegungen missbraucht werden."

Gegen Unterdrückung von Minderheiten

In vielen Punkten ist das JIL einverstanden mit den Lehren von Nahdlatul Ulama und Muhammadiyah, den moderaten Massenorganisationen Indonesiens, die insgesamt rund 70 Millionen Muslime repräsentieren. Doch kritisiert die Gruppe einzelne Punkte als zu rückständig ­ wie etwa die mangelnde Gleichberechtigung der Frauen.

Nach Meinung des JIL widerspricht jegliche Unterdrückung von Minderheiten den Prinzipien des Islam. Das Netzwerk setzt sich daher für Religions- und Meinungsfreiheit und auch für die Rechte der Frauen ein. Das Ziel ist dabei die Stärkung der Demokratie sowie eine gerechte, menschliche Politik mit sozialen Strukturen.

"Unsere ursprünglichen Ziele haben sich auch nach dem 11. September 2001 und der Bali-Bombe nicht viel geändert. Diese Ereignisse haben uns zwar geschockt, aber nicht überrascht. Wir hatten so etwas bereits vorausgesehen und unsere Arbeit von Anfang an darauf eingestellt", sagt Ulil, der auch Direktor des Freedom Institute Jakarta ist.

"Natürlich muss gewalttätiger Radikalismus von der staatlichen Justiz bestraft werden. Doch die Ideen dahinter müssen mit Ideen bekämpft werden. Diesen Kampf haben wir aufgenommen, obwohl er manchmal sehr schmerzhaft ist."

Todesfatwa gegen Gelehrten

Wie schmerzhaft, das hat der Koordinator des Netzwerks bereits am eigenen Leib erfahren. Aufgrund eines Essays, dass Ulil am 18. November 2002 in Indonesiens größter Tageszeitung Kompas veröffentlichte, sprach das ultra-konservative Indonesian People's Ulama Forum in der westjavanischen Stadt Bandung eine Todesfatwa gegen den progressiven Islam-Gelehrten aus.

"Wir benötigen eine Interpretation des Islam, die unterscheidet, welche Lehren des Islam Einflüsse der arabischen Kultur sind und welche nicht", heißt es in besagtem Essay. "Die universalen Werte müssen in bestimmte Lebenssituationen übertragen werden, zum Beispiel in die der Araber, der Malayen oder Zentralasiaten. Die Teile des Islam jedoch, die lediglich eine lokale Kultur ausdrücken, sind für uns nicht bindend."

Ulil provozierte tatsächlich eine breite öffentliche Debatte mit seinem Artikel, in dem er die Fundamentalisten und ihr Verharren bei der Sharia angriff, während er Menschen verteidigte, die ihre Religion selbst wählten.

"Der Islam stellt einen generellen Wert dar, der auch im Christentum, im Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, im Judentum, Taoismus oder in lokalen animistischen Glaubensformen existieren kann. Es könnte sogar sein, dass sich die Wahrheit des Islam im Marxismus wiederfinden lässt", schrieb der Autor im selben Text.

"Ich sehe nicht länger auf die Form, sondern auf den Inhalt. Islamische Glaubensformen und Praktiken, die nur als formelle Verkleidung dienen, sind nicht wichtig. Wichtig sind die Werte, die sich dahinter verstecken."

Das People's Ulama Forum bestritt später, je einen religiösen Mordaufruf ausgesprochen zu haben. Dennoch leben der JIL-Koordinator und seine Familie bis heute in ständiger Angst vor möglichen Anschlägen.

Interreligiöser Dialog in islamischen Ländern

Das hält Ulil Abshar-Abdalla und seine Kollegen jedoch nicht davon ab, weiterhin in allen einschlägigen Medien Indonesiens ihre Ideen zu veröffentlichen. Das JIL präsentiert selbst ein viel gelesenes Online-Angebot und verlegt Fachbücher zum Thema.

Daneben organisiert die Gruppe Diskussionsreihen und eine wöchentliche Radio-Talkshow. Islam Liberal hat sich ein ansehnliches internationales Netzwerk aufgebaut, nicht nur mit anderen liberalen Gruppierungen in islamischen Ländern, sondern auch zu Organisationen anderer Religionen.

"Angesichts der Ressentiments, die der Westen der muslimischen Welt nach den Terrorakten extremistischer Gruppen entgegenbringt, ist ein interreligöser Dialog relevant geworden. Dieser sollte aber nicht nur in Europa und in den USA intensiviert werden, sondern auch in islamischen Nationen für religiöse Toleranz werben", äußerte Ulil anlässlich der Papstwahl in der Jakarta Post.

Christina Schott

© Qantara.de 2005

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www
Liberal Islam Network (engl.)

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