Mit einer Adresse in Juhapura oder einem muslimischen Namen brauche man sich bei öffentlichen Einrichtungen gar nicht erst um eine Stelle bewerben, so Menon Trivedi, ein Muslim aus Ahmedabad. Es gäbe viele Formen, Muslime zu demütigen und als Bürger zweiter Klasse zu behandeln.

"Einmal haben sie alle Hunde in der Stadt eingesammelt und in den muslimischen Vierteln, vor allem hier in Juhapura, ausgesetzt", berichtet der Mittvierziger. "Jeder im Ghetto fühlt sich verletzbar." Die Abwasserrohre würden nicht gewartet, manchmal sei der Gestank unerträglich. Banken und Geldautomaten fehlten, die Strom- und Wasserversorgung sei völlig unzureichend.

Gandhis Mörder als gefeierter Volksheld

"Nathuram Godse war ein Patriot, ist ein Patriot und wird ein Patriot bleiben", verkündete die BJP-Kandidatin im Wahlkreis der Millionenstadt Bhopal, Pragya Singh Thakur, im vergangenen Mai während des Wahlkampfs. "Die Leute, die ihn einen Terroristen nennen, sollten besser mal nachdenken. Sie werden bei der Wahl eine passende Antwort erhalten." Dieses Zitat machte Schlagzeilen in den indischen Medien, denn solch offene Lobpreisung des Gandhi-Mörders gilt auch heute noch als Grenzüberschreitung.

Muslime im indischen Bundesstaat Assam; Foto: AFP/Getty Images
Zu Staatenlosen erklärt: Fast zwei Millionen Menschen im indischen Bundesstaat Assam droht die Abschiebung nach Bangladesch. Das nationale Register für Staatsbürger (NRC) veröffentlichte laut indischen Medienberichten 1,9 Millionen Muslime, die in der Region leben, zu illegalen Migranten. Viele der Betroffenen waren 1971 während des Unabhängigkeitskriegs des damaligen Ostpakistan - heute Bangladesch - in die indische Nachbarregion Assam geflohen.

Die 48jährige Kandidatin rühmte sich öffentlich, 1992 an der Zerstörung der Babri-Moschee im nahe gelegenen Ayodhya beteiligt gewesen zu sein. Sie wird außerdem beschuldigt, 2008 an einem Bombenattentat mitgewirkt zu haben, bei dem mehrere indische Muslime ums Leben kamen. Deshalb verbrachte sie bereits neun Jahre im Gefängnis und ist seit 2017 nach der Zahlung einer Kaution auf freiem Fuß – das abschließende Urteil ist noch anhängig. Die BJP stellte sie trotzdem als Kandidatin auf.

Nur ihr Lob für den Gandhi-Mörder wiesen einige Parteifreunde und auch Premierminister Narendra Modi zurück, ohne allerdings deshalb einen Parteiausschluss oder Sanktionen zu fordern. In ihrem Wahlkreis setzte sich die Hindu-Hardlinerin, die sich nur zögerlich von ihrer Aussage distanzierte, mit einer absoluten Mehrheit von über 60 Prozent bei den diesjährigen Wahlen zum indischen Unterhaus durch.

Große Pogrome wie die von 2002, die auf internationaler Bühne für Aufregung gesorgt haben, hat es seitdem zwar nicht mehr gegeben. Aber seit die BJP an der Macht ist, häufen sich Morde durch Lynchmobs, oft wegen des vermeintlichen Verzehrs von Rindfleisch. Die Taten werden kaum geahndet und von manchen BJP-Politikern sogar noch gerechtfertigt. Die Morde haben viele der 200 Millionen Muslime in Angst und Schrecken versetzt.

Gewalt und Behördenwillkür gegen Muslime

Und ein Ende der Gewaltspirale ist noch längst nicht erreicht: Denn im nordöstlichen Bundesstaat Assam wird derzeit eine regelrechte ethnische Säuberungswelle vorbereitet. Alle 35 Millionen Einwohner müssen beweisen, dass sie oder ihre Eltern bereits vor 1971 in Assam lebten. Sonst verlieren sie ihre Staatsbürgerschaft. Anfang September wurde eine Liste mit 1,9 Millionen Namen veröffentlicht, die ihre Staatsbürgerschaft bereits verloren haben – vor allem Muslime. Die Behörden haben damit begonnen, sie aus ihren Siedlungen zu vertreiben und zu internieren.

Als Staatenlose werden sie nirgendwo mehr hin können. Das benachbarte Bangladesch mit seinen 160 Millionen Einwohnern hat schon signalisiert, die Staatenlosen nicht aufnehmen zu wollen.

Assam ist ein Versuchslabor und ein Angriff auf die muslimische Minderheit in Indien, ebenso wie die Aberkennung der Sonderrechte für Kaschmir. Innenminister Amit Shah hat angekündigt, die Staatsbürgerschaft ähnlich wie in Assam überall in Indien überprüfen zu wollen. Amit Shah, der die vermeintlichen Einwanderer auch als "Ungeziefer" bezeichnet, ist seit zwei Jahrzehnten der engste Vertraute von Premierminister Narendra Modi. Vom Vermächtnis Gandhis hat sich die Modi-Regierung in Neu Delhi weiter entfernt als jede Vorgängerin.

Dominik Müller

© Qantara.de 2019

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.