Aufkündigung eines postkolonialen Konsenses

Es ist kein Zufall, dass die Hindu-Nationalisten mit ihrer Politik ausgerechnet in den letzten drei Jahrzehnten Erfolg hatten. Bis Anfang der 1990er Jahre spielten sie politisch keine nennenswerte Rolle. Die indische Bevölkerung wurde durch einen postkolonialen Konsens zusammengehalten: 

Dieser Konsens bestand unter anderem aus der Hoffnung, dass alle Inderinnen und Inder, egal welcher Kaste oder Religion, irgendwann an Wohlstand und Fortschritt teilhaben würden.

Die aus der Unabhängigkeitsbewegung hervorgegangene Kongresspartei galt vielen – trotz aller Korruptionsaffären und Ränkespiele – bis dahin als Garant dieses Versprechens, das trotz allen sozialen Missständen im kollektiven Bewusstsein verankert war.

Dieser Konsens wurde von der Kongresspartei selbst aufgekündigt: Auf Druck von Internationalem Währungsfonds und Weltbank musste sich das hoch verschuldete Indien Anfang der 1990er Jahre für den Weltmarkt und damit der Konkurrenz um die günstigsten Produktionskosten öffnen und seine Wirtschaft deregulieren.

Das heißt unter anderem, dass die regierende Kongresspartei Subventionen für die Landwirtschaft - bis heute die wichtigste Einkommensquelle für die Bevölkerung - zusammenstreichen, Zölle herunterfahren und ausländische Investoren ins Land lassen musste.

 

 

Diese neoliberale Wende ermöglichte es gleichzeitig den indischen Eliten, sich schamloser denn je zu bereichern. Die soziale Schere ging immer weiter auseinander. Den Hindu-Nationalisten gelang es mit ihrer indienweiten Kampagne zur Zerstörung der Babri-Moschee, von diesem Versäumnis abzulenken, indem sie eine „neue“ kollektive Identität populär machten.

Der britische Historiker Perry Anderson spricht von einem “religiösen Kompensationsversuch, der wie eine Flutwelle kam“, als „die sozialen Versprechen der Kongresspartei verblasst waren“. Die Hindu-Nationalisten sind gewissermaßen der Kitt, der den korrupten Eliten des Landes Macht und Wohlstand sichert. Sie suggerieren den niederen Kasten einen vermeintlichen gemeinsamen Kampf und lenken damit soziale Unzufriedenheit um in Hass auf andere Religionen und Minderheiten.

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