Immer häufiger wurde Ausländern wie ihr vorgeworfen, eine Konkurrenz zu sein, wenn es um die begrenzten Ressourcen für den Lebensunterhalt ging und gleichzeitig für steigende Miet-, Transport- und Ladenpreise verantwortlich zu sein. Diese Anschuldigungen richten sich am stärksten gegen wirtschaftlich schwache Immigranten, die keine eigenen Unternehmen haben.

Fatima lebt von freiberuflicher Arbeit, die ihr jedoch nicht das stabile Leben ermöglicht, das sie so dringend für sich und ihren vierjährigen Sohn braucht. Mit seiner Geburt begannen in Fatima die Zukunftsängste zu schwelen.

Sie erzählt: "Einmal sagte er in der Schule vor seinen Freunden ein paar Wörter im jemenitischen Dialekt, da drehten sie sich um und meinten, er sei kein Ägypter. Und sie fragten ihn, wieso bist du hier? Und als er mich das fragte, wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich will doch nicht, dass er das Gefühl hat, seine Identifikation mit dem Land, in dem er lebt, stünde im Konflikt mit seinem Herkunftsland. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn davor bewahren kann und ob er beim Lernen und Arbeiten die gleichen Chancen wie seine ägyptischen Brüder bekommen wird. Ich will ihn jetzt für die Grundschule anmelden und das erfordert eine Menge komplizierter Schritte, die zu erfüllen ich mir kaum leisten kann. Und wenn ich mir die anderen Migranten mit Kindern um mich herum anschaue, die schon länger hier leben, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich die Anforderungen erfüllen kann."

Fatima Idris, Geschäftsführerin bei Tadamon – The Egyptian Refugee Multicultural Council | © Goethe-Institut/Aya Nabil
Fatima Idris, Geschäftsführerin bei „Tadamon – The Egyptian Refugee Multicultural Council“, meint, dass der wirtschaftliche Druck auf das Leben in Ägypten die Immigranten zum schwächsten Glied gemacht und ihre gesellschaftliche Marginalisierung verschärft habe.

Das schwächste Glied

Fatima Idris, Geschäftsführerin bei "Tadamon – The Egyptian Refugee Multicultural Council", meint, dass der wirtschaftliche Druck auf das Leben in Ägypten die Immigranten zum schwächsten Glied gemacht und ihre gesellschaftliche Marginalisierung verschärft habe.

Fatima arbeitet jedes Jahr mit etwa 30.000 Flüchtlingen zusammen. Sie war vor 18 Jahren selbst eine Geflüchtete, als sie aus Nordsudan hierherkam, um ihren ägyptischen Wurzeln nachzugehen, die sie von ihrem Großvater aus Qena in Oberägypten geerbt hat. Sie erhielt schließlich die ägyptische Staatsbürgerschaft und entschied sich zu bleiben.

"Der Druck war damals geringer", erzählt sie. "Die Ägypter waren anderen gegenüber offener. Und meiner Meinung nach haben sie nicht so sehr ein Problem mit den anderen, sondern vielmehr mit sich selbst."

Sie fügt hinzu: "Ich habe die Integration geschafft, obwohl ich den nubischen ÄgypterInnen ähnlicher sehe. Meine Kinder haben weiße Haut und deshalb wenig Probleme. Aber wenn wir alle zusammen sind, gehen die Fragen an uns los – als wären das nicht meine Kinder. Einmal ging eine Lehrerin an ihrer Schule so weit, zu einem Freund meines Sohnes zu sagen: 'Du bist weiß und schön.' Da musste ich eingreifen. Ich will nicht, dass sie die weitverbreitete Meinung übernehmen, dass helle Haut überlegen ist."

Fatima meint, dass das Leben in Ägypten von Stereotypisierung beherrscht sei und die Probleme immer dann begännen, wenn sich jemand davon unterscheide: "Ich kenne viele Frauen, die gezwungen waren, ein Kopftuch aufzusetzen, damit sie in ihrem Wohngebiet nicht länger in Schwierigkeiten kamen, weil sie anders aussahen."

Gefühl der Fremde

Während Rose aus Südsudan darüber nachdenkt, in ein anderes Land auszuwandern, um den Gefühlen der Fremdheit zu entfliehen und Fatima aus dem Jemen noch nicht weiß, ob sie diese ertragen kann, steht Ali in der Mitte: Er fühlt sich als Ägypter, aber sein Aussehen bereitet ihm Probleme und er hat das Gefühl, dass seine Mitmenschen ihn nicht akzeptieren. Noch weiß er nicht, wie er damit umgehen soll: "Ich habe das Gefühl, ich werde immer ein Fremder bleiben, sodass auch ich schon darüber nachgedacht habe wegzugehen."

Aya Nabil

© Goethe-Institut/Perspektiven 2018

Die Journalistin Aya Nabil arbeitet freiberuflich für verschiedene nationale und internationale Medienunternehmen. Für ihre Arbeit hat sie bislang fünf Auszeichnungen erhalten, zuletzt als Erstplatzierte des "Arab Reporters for Investigative Journalism Award" im Jahr 2017.

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