Kein Kollateralschaden

Über den israelisch-palästinensischen Konflikt gibt es viele Analysen. Doch das jüngst erschienene Buch des israelischen Historikers Ilan Pappé stellt die Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 in neuem Licht dar. Von Martina Sabra

Von Martina Sabra

Palästinenser auf der Flucht; Quelle: Verlag zweitausendeins
Pappé zufolge war der Exodus der Palästinenser keine unglückliche Begleiterscheinung des Krieges, sondern eine geplante ethnische Säuberung.

​​In Israel selbst und auch in vielen westlichen Ländern wurde der 1948er Krieg jahrzehntelang ausschließlich als ein Akt heroischer Selbstbehauptung angesehen. Moralisch waren die Zionisten per definitionem im Recht. Vor dem Hintergrund des Holocausts konnte es an der Legitimität des zionistischen Projekts keinen Zweifel geben. Und ein jüdischer Soldat, so die (teilweise noch heute) verbreitete Überzeugung, konnte einfach nicht "böse" sein.

Terrorakte wurden vor diesem Hintergrund als unvermeidlich bezeichnet oder als Befreiungsschläge glorifiziert. Berichte über planmäßige Massaker an der arabischen Bevölkerung, über die systematische Vertreibung der Palästinenser wurden als antisemitische Propaganda abgestempelt.

Systematische Vertreibungsaktionen

Erst zu Beginn der achtziger Jahre wandelte sich das Bild. Die jüdisch-israelischen "neuen Historiker", allen voran Benny Morris, entdeckten in den israelischen Militärarchiven und anderen schriftlichen Quellen Belege für systematische Vertreibungsaktionen und Kriegsverbrechen zionistischer Militärs. Benny Morris wies außerdem anhand von schriftlichen Quellen nach, dass die zionistischen "Gründerväter" die Enteignung und Vertreibung der Palästinenser schon lange vor dem Holocaust im Sinn hatten, und dass sie sich der moralischen und völkerrechtlichen Fragwürdigkeit ihres Projektes durchaus bewusst waren.

Dennoch herrschte weiterhin die Ansicht, dass der Exodus der Palästinenser 1948 in erster Linie ein Kollateralschaden des israelisch-arabischen Krieges gewesen sei. Ilan Pappé hält diese Auffassung für historisch unhaltbar. In der Absicht, das "lückenhafte historische Bild zu vervollständigen" und "die Wurzeln des gegenwärtigen israelisch-palästinensischen Konflikts umfassend zu verstehen", fordert der Historiker aus Haifa einen Paradigmenwechsel bei der Sicht auf 1948. Pappé zufolge war der Exodus der Palästinenser keine unglückliche Begleiterscheinung des Krieges, sondern eine von langer Hand geplante ethnische Säuberung.

Wie bei jeder ethnischen Säuberung, ob in Ex-Jugoslawien oder anderswo, spielten ideologische und sozioökonomische Faktoren auch in Palästina eine wesentliche Rolle im Vorfeld der eigentlichen Vertreibung. Dieses geistige und ökonomische Umfeld hat Benny Morris unlängst in einer Publikation skizziert.

"Dorfdossiers" erfassten Bewohner

Pappé hingegen konzentriert sich auf die logistischen und operativen Aspekte der Vertreibung. Ein wichtiges Instrument waren dabei die sogenannten "Dorfdossiers". In diesen Akten hatten die Jewish Agency und der Jüdische Nationalfonds seit den 1930er Jahren akribisch alle arabischen Dörfer und ihre Bewohner erfasst. Bereits 1943 erklärten jüdische Geheimdienstler stolz, der Katalog sei nun vollständig. 1948, so Pappé, seien die Dossiers dann genutzt worden, um palästinensische Dörfer leichter evakuieren und jeden Widerstand im Keim ersticken zu können – unter anderem durch gezielte Hinrichtungen unter der männlichen Bevölkerung.

Ilan Pappé beschreibt detailliert das Vorgehen der jüdischen Militärs in den arabischen Orten zwischen 1947 und 1949, das vielfach dem Schema des sogenannten "Plan Dalet" folgte: Angriff, Gefangennahme und teilweise Tötung der Männer, Vertreibung der restlichen Bewohner, Plünderung und anschließende Zerstörung der Gebäude, Verminung der Trümmer, um eine Rückkehr zu verhindern.

Anschließend wurde den flüchtenden Frauen und alten Menschen oft noch Geld und Schmuck abgenommen. Ob ein Dorf sich an kriegerischen Handlungen beteiligt hatte, war dabei nicht entscheidend. Ziel war, in Britisch-Palästina (und nach der Staatsgründung in Israel) eine jüdische Bevölkerungsmehrheit zu schaffen.

Entführungen und Vergewaltigungen

Pappés detaillierte Darstellung geht unter die Haut, gelegentlich bis zur Unerträglichkeit. Er räumt auch einmal mehr mit der immer noch verbreiteten Vorstellung auf, jüdische Soldaten hätten keine Vergewaltigungen begangen. Aus den Tagebuchaufzeichnungen ranghoher Militärs geht hervor, dass es bei Überfällen jüdischer Soldaten auf PalästinenserInnen offenbar regelmäßig zu Vergewaltigungen kam. In einem besonders krassen Fall wurde eine Zwölfjährige entführt, tagelang von mehr als 20 Soldaten vergewaltigt und schließlich getötet.

Dies war einer der ganz wenigen Fälle, wo beteiligte Soldaten später von einem israelischen Gericht verurteilt wurden – zu maximal zwei Jahren Haft. Viele andere Fälle wurden zwar bekannt, aber nie verfolgt. Kritische Fachkollegen, wie der inzwischen zum rechtszionistischen Lager gewechselte Benny Morris, werfen Pappé vor, dass er sich bei seiner Schilderung der Ereignisse zu stark auf mündliche Augenzeugenberichte stütze. Doch solche Kritik wirkt deplaziert, denn Pappé ist ein sorgfältiger Wissenschaftler, der die Verlässlichkeit seiner Quellen wohl zu gewichten weiß.

Die wesentlichen Aussagen seiner Studie basieren auf autorisierten schriftlichen Quellen, seien es Dokumente aus israelischen Militärarchiven oder persönliche Aufzeichnungen führender israelischer Militärs und Politiker. Das Buch schließt mit einer Betrachtung über den gescheiterten Oslo-Friedensprozess und die aktuelle Situation nach dem Libanon-Krieg im Sommer 2006.

Pappé fordert, die Tragödie der Palästinenser nicht länger zu leugnen. Pappés Buch macht deutlich: Die palästinensische Flüchtlingsfrage gehört ins Zentrum jeglicher Friedensverhandlungen im Nahen Osten. Sie ad acta legen zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen.

Martina Sabra

© Qantara.de 2008

Ilan Pappé: "Die ethnische Säuberung Palästinas." Deutsch von Ulrike Bischof. Verlag Zweitausendeins, Köln 2007, 19 Fotos, 416 Seiten