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Ibn Tufail: Philosoph als Autodidakt

Ein arabischer Robinson

Der Verlag Felix Meiner druckt in seiner altehrwürdigen Reihe "Philosophische Bibliothek" erstmals den Text eines klassischen arabischen Philosophen: den Roman "Hayy ibn Yaqzan" von Ibn Tufail. Dag Nikolaus Hasse stellt ihn vor.

Der Verlag Felix Meiner druckt in seiner altehrwürdigen und viel benutzten Reihe "Philosophische Bibliothek" erstmals den Text eines klassischen arabischen Philosophen: den philosophischen Roman "Hayy ibn Yaqzan" von Ibn Tufail, einem andalusischen Autor des 12. Jahrhunderts. Dag Nikolaus Hasse stellt ihn vor.

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Hayy ibn Yaqzan, der Protagonist in Ibn Tufails Roman, wächst allein auf einer Insel auf. Am Ende erkennt er, dass er die Existenz Gottes beweisen, sein Wesen aber nicht erkennen kann.

​​In den 1980er Jahren hat der Meiner-Verlag mit zwei Werken des arabischen Theologen al-Gazali schon einmal einen – allerdings missglückten – Anlauf gemacht, arabische Texte in sein Programm aufzunehmen. Die Übersetzungen waren nicht zuverlässig, die Einführungen und Anmerkungen des Herausgebers idiosynkratisch.

Umso mehr beeindruckt der Neuanfang. Denn der Herausgeber des Ibn Tufail, Patric O. Schaerer, hat eine verlässliche und begrifflich kluge Übersetzung in flüssigem, stilsicherem Deutsch geschrieben und mit einer kompetenten Einleitung versehen: Der Leser wird mit genau den Informationen über die arabische Philosophiegeschichte versorgt, die er zum Verständnis und zur historischen Einordnung des Textes benötigt.

Dass Textausgaben arabischer Philosophie auf diesem Niveau möglich sind, zeugt nicht nur vom Können des Herausgebers und von der Qualität des Zürcher Orientalischen Seminars, sondern auch von den grossen Fortschritten, welche die Erforschung der arabischen Philosophie und des "Hayy ibn Yaqzan" im Besonderen in den letzten Jahrzehnten gemacht hat.

Selbstdenken

Der Band eignet sich hervorragend zum Einstieg in die Philosophie des islamischen Kulturraums. Denn nur wenige Bücher der älteren Philosophiegeschichte sind so zugänglich geschrieben wie Ibn Tufails philosophischer Roman.

Ibn Tufail erzählt die Geschichte eines Menschen namens Hayy ibn Yaqzan, der allein auf einer Südseeinsel am Äquator aufwächst und nur mit Hilfe seiner Beobachtungsgabe und seines Intellekts nach und nach das Wesen der Dinge erforscht – von der Anatomie der Tiere bis zu den Attributen Gottes.

Mittelalterliche Welterklärungen des Orients wie des Abendlandes setzen häufig Kenntnisse der philosophischen Tradition voraus: von den vier Elementen, den Körpersäften, den Planeten oder von dem Unterschied zwischen Materie und Form, Substanz und Akzidens.

Ibn Tufail hingegen lässt seinen Helden Hayy ibn Yaqzan alle diese Erkenntnisse selbst gewinnen. Er zeigt, warum Feuer, Wasser, Erde und Luft die grundlegendsten Elemente sein müssen; er entdeckt durch Sezieren den feinstofflichen Träger der Lebenskraft, den spiritus; er erschliesst aus Beobachtungen die Anordnung der himmlischen Sphären; er begründet die Existenz der Seele und der himmlischen Intelligenzen.

Der Text war von Anfang an als philosophische Einführungsschrift konzipiert. Er richtet sich, wie Schaerer zeigt, wahrscheinlich an ein Publikum, das mit der islamischen Mystik vertraut war, aber nur über rudimentäre philosophische Vorkenntnisse verfügte.

Mit den Mitteln eines philosophischen Romans will Ibn Tufail seinen religiösen Lesern die philosophischen Wissenschaften nahebringen. Er möchte zeigen, dass es zwischen der unverhüllten Wahrheit der Philosophie und der bildlichen Wahrheit der Religion keinen Widerspruch gibt. Ibn Tufail reagiert damit auf theologische Angriffe gegen die Philosophie.

Mystische Elemente

Es gab andere arabische Philosophen, die Ähnliches versucht haben, zum Beispiel Averroes, der Nachfolger Ibn Tufails als Hofarzt in Marrakesch. Ibn Tufail aber nimmt eine Sonderstellung in der arabischen Philosophiegeschichte ein, weil er die islamische Mystik, den Sufismus, in seine philosophische Weltsicht einbindet.

Nach 35 Jahren einsamen Lebens auf der Insel erkennt Hayy ibn Yaqzan, dass er nur die Existenz Gottes beweisen, aber sein Wesen nicht erkennen kann. Er ändert daraufhin seine Lebensweise radikal, wird zu einem Asketen, der seine Aufmerksamkeit ganz von der körperlichen Welt ab- und der geistigen Welt zuwendet und schliesslich in mystischer Versenkung Gott erkennt.

Es ist die grosse Stärke von Schaerers Ausgabe, dass dem Leser diese Sonderstellung Ibn Tufails sehr klar vor Augen geführt wird: Einleitung und Anmerkungen beleuchten gezielt das Netz von Begriffen, das Ibn Tufail den griechisch-arabischen Wissenschaften und der religiösen Welt des Islam entnimmt, um seine eigene Verbindung von rationaler, fast schon rationalistischer Philosophie und islamischer Mystik zu formen.

Einseitig im rationalistisch-religionskritischen Sinn wurde die Geschichte des "philosophus autodidactus" in der Aufklärungszeit verstanden, als sie durch Übersetzungen in Europa erstmals allgemein bekannt wurde.

Dieser Band ist ein Glücksfall für die "Philosophische Bibliothek" des Meiner-Verlages. Es ist nur bedauerlich, dass der vergleichsweise kurze Text nicht zweisprachig erschienen ist. Zweisprachige Ausgaben sind nicht nur ein Service für Forscher und Studierende, sie machen die wissenschaftliche Diskussion arabischer Philosophie auch für europäische Muslime zugänglich und leisten damit einen Beitrag zur Integration.

Italienische und amerikanische Verlage wie Biblioteca Universale Rizzoli und Brigham Young University Press brachten in den letzten Jahren vermehrt zweisprachige Ausgaben auf den Markt. Im deutschsprachigen Raum startet der Verlag Herder in diesem Jahr ein solches Programm. Da sollte Meiner in Zukunft nicht zurückstehen.

Dag Nikolaus Hasse

© Neue Zürcher Zeitung 7. Juni 2005

​​Abu Bakr Ibn Tufail: Der Philosoph als Autodidakt. Ein philosophischer Inselroman. Aus dem Arabischen übersetzt, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Patric O. Schaerer. Verlag Felix Meiner, Hamburg 2004

Anmerkung der Redaktion: Der Roman wurde bereits mehrmals ins Deutsche übersetzt, unter anderem von Johann Gottfried Eichhorn, herausgegeben und kommentiert von Stefan Schreiner, erschienen 1983 bei Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar.

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Die Literatur ist immer ein zentrales Medium des Kulturdialogs. Dabei sind es oft Aktivitäten, die im Kleinen, ja Verborgenen stattfinden: Übersetzer und Verleger, die sich am Rande des Existenzminimums um die geliebte fremde Kultur verdient machen. Wir präsentieren deutsche und arabische Initiativen.

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