Humor in der arabischen Kultur

Versteckte Kamera im Himmel

Auf einem Symposium in Berlin diskutierten internationale Vertreter über Humor in den Gesellschaften der arabischen Welt von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Antje Bauer über die schwankenden Grenzen des Zulässigen

Auf einem Symposium der Berliner Universität diskutierten internationale Vertreter über Humor in den Gesellschaften der arabischen Welt von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Antje Bauer über die schwankenden Grenzen des Zulässigen

Karikatur aus Marokko gegen die Zensur
Protest gegen die Zensur in Marokko

​​Vor einigen Jahren beschloss Driss Ksikes, Chefredakteur der französischsprachigen marokkanischen Wochenzeitung Tel Quel, ein Dossier über marokkanische Witze zu den Tabuthemen Politik, Sex und Religion herauszugeben. Das Dossier erschien, nichts geschah.

Letztes Jahr beschloss Driss Ksikes, mittlerweile Chefredakteur der arabischsprachigen marokkanischen Wochenzeitung Nischan, erneut ein Dossier zu diesem Thema herauszugeben.

Dieses Mal entfesselten Islamisten eine Hetzkampagne gegen ihn, selbst aus dem fernen Oman erreichte ihn daraufhin eine empörte E-Mail, und die Staatsanwaltschaft erhob Klage gegen ihn wegen Gotteslästerung.

Verschobene Grenzen

Der Witz, der laut Ksikes am meisten Ärgernis erregte, lautet so: Abu Huraira, einer der Überlieferer der Traditionen des Propheten, kommt in den Himmel. Er erwartet, ins Paradies zu kommen, man sucht seinen Namen auf der Liste, findet ihn jedoch nicht. Er wird wütend und verlangt, dass der Prophet Muhammad geholt wird.

Muhammad kommt und sagt: "Oh, da muss es sich um einen Irrtum handeln". Er sucht weiter nach dem Namen und sagt schließlich: "Tut mir Leid, da kann ich nichts machen." Nach einer Weile kommen Gott und Muhammad zu Abu Huraira und sagen: "Vielen Dank, Abu Huraira, dass du an unserer Sendung 'Die versteckte Kamera' teilgenommen hast."

Wegen des Witzdossiers wurde Ksikes zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, aus Protest kündigte er seinen Posten als Chefredakteur.

Die Erfahrung von Driss Ksikes zeigt dreierlei: Erstens, dass man mit Witzen im arabischen Raum vorsichtig sein muss; zweitens, dass man es nicht immer ist, und drittens, dass die Grenzen dessen, worüber zu lachen erlaubt ist, nicht starr sind, sondern sich verschieben, je nach politischer Konjunktur.

In der klassischen arabischen Literatur, so die einhellige Meinung der Gelehrten auf der Konferenz in Berlin, ist Humor geläufig, nicht nur als feine Ironie, sondern gerade auch in Form von Witzen.

Selbsternannte Propheten Zielscheibe des Spotts

"Vom Abfallsammler bis zum Weinhändler wurde das gesamte Spektrum von Berufen des städtischen Lebens im Humor veralbert, insbesondere natürlich Autoritäten und Sachverhalte, die mit den gängigen Moralvorstellungen kollidierten", erklärte etwa der Göttinger Islamwissenschaftler Ulrich Marzolph.

Und sein Kollege Thomas Bauer, zurzeit am Wissenschaftskolleg Berlin, erzählte einen Witz aus dem 8. Jahrhundert über selbsternannte Propheten, die häufig zur Zielscheibe des Volksspotts wurden:

"Zu Zeiten des Kalifen Mamun gab sich eine Frau als Prophetin aus. Da fragte sie der Richter, ob sie denn an die Botschaft Muhammads nicht glaube. Da sagte sie: "Doch!" Daraufhin der Richter: "Aber Mohammed hat doch gesagt: 'Nach mir wird es keinen weiteren Propheten mehr geben.'" Da antwortete sie: "Ja, natürlich, aber von einer Prophetin hat er nichts gesagt."

Die Frage, wie weit Scherze über Religiöses gehen dürfen, tauchte im Laufe der Konferenz immer wieder auf – nicht eben verwunderlich angesichts der Auseinandersetzungen um die Muhammadkarikaturen und der Fatwa gegen Salman Rushdie. Sie wurde jedoch uneinheitlich beantwortet.

Unstimmigkeiten unter den Gelehrten

In der klassischen arabischen Literatur seien selbst der Prophet Muhammad und der Koran durch den Kakao gezogen worden, versicherte Marzolph; Thomas Bauer und andere vertraten hingegen die Ansicht, dass auch in toleranteren Zeiten als heute die Kernbereiche des Islam nicht auf die Schippe genommen werden durften.

Heute scheint man fast überall empfindlicher geworden zu sein, was religiöse Witze betrifft. Über die Gründe dafür wurde eher am Rande spekuliert.

Sie reichten von einer konservativen Wende im islamischen Raum über die Abwehrreaktion einer Welt, die sich vom Westen umzingelt fühlt bis zum Verweis darauf, dass es einen Unterschied macht, ob ein respektloser Witz in einem Beduinenzelt gerissen oder über Internet verbreitet wird.

Und außerdem könnte es auch sein, dass sich vor allem unser Blick auf die arabische Welt verändert hat, wie die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer zu bedenken gab:

"Wir haben inzwischen eine Spottkultur, die vor Blasphemie nicht Halt macht, die religiöse Menschen häufig verletzt, aber von ihnen wird in den meisten westlichen Gesellschaften verlangt, dass sie das hinnehmen. Das ist in muslimisch geprägten Gesellschaften heute überhaupt nicht der Fall. Da wird gesagt, das kann man nicht hinnehmen, das muss bestraft werden."

Religion verdrängte die Politik

Viel wurde über Religion gesprochen, und darüber geriet der politische Witz fast in Vergessenheit, obwohl auch dessen Grenzen je nach politischer Konjunktur weiter oder enger gezogen werden und die Witzkultur von Land zu Land unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Während man sich etwa in Ägypten gern das Maul zerreißt, ist man in den Golfstaaten mit Spott eher zurückhaltend.

Der Libanon ist eines der liberalsten Länder der arabischen Welt, und dementsprechend blüht hier die Witzkultur, die sich aber weniger in Selbstironie, als vor allem in Spott über die jeweiligen politischen Gegner ausdrückt, wie Sara Binay vom Deutschen Orientinstitut in Beirut darlegte.

Doch immerhin trägt hier der Spott dazu bei, widrige Umstände besser zu meistern. Binay gab ein jüngstes Beispiel:

"Zum Sommerkrieg im letzten Jahr entstand ein ganzes Repertoire an Witzen. Einer handelt vom Schiitenführer Hassan Nasrallah und bezieht sich auf die Tatsache, dass nach dem israelischen Angriff Millionen Schiiten aus dem Südlibanon nach Beirut geflohen sind und dort notdürftig in Schulen untergebracht wurden.

"Der Witz lautet: Warum bekommt Nasrallah demnächst den Nobelpreis für Bildung? Weil es ihm gelungen ist, innerhalb von zwei Tagen zwei Millionen Menschen in die Schulen zu bringen."

Antje Bauer

© Qantara.de 2007

Qantara.de

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