Hommage an den persischen Poeten Rumi
Ein Kaleidoskop aller Nuancen der Liebe

Vier Menschen aus zwei Kulturen – Iran und Indien – lassen sich von der Dichtung Rumis zu einem Album inspirieren. Wie schon die Poesie Rumis, so spricht auch das Album „This Pale“ von Liebe, Toleranz und der Idee eines harmonischen Ganzen in einer polarisierenden Welt. Von Richard Marcus

This Pale zählt zu den besonderen Gemeinschaftswerken, die aus Widrigkeiten erwachsen. Die iranische Sängerin Katayoun Goudarzi und der für den Grammy nominierte indische Komponist und Sitarspieler Shujaat Husain Khan schufen gemeinsam mit dem iranischen Nayspieler Shaho Andalibi und dem indischen Tablaspieler Shariq Mustafa dieses Album.

Soweit zu den zeitgenössischen Kreativen dieses Albums. Inspirator und Mittelpunkt ist allerdings ein Mann aus dem dreizehnten Jahrhundert: Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī – kurz Rumi. Seine ins Englische übersetzten Werke zählen in den Vereinigten Staaten seit langem zu den meistverkauften Gedichtbänden. Und was für eine Ironie: Während die Werke eines persischen Sufi-Mystikers auf der Bestsellerliste der USA standen, ließ Donald Trump im Jahr 2017 ein Gesetz verabschieden, das insbesondere Muslimen die Einreise verbieten sollte. Der Sängerin Katayoun Goudarzi ist das Paradoxon dieser Konstellation nicht entgangen.

Den Erfolg von Rumis Dichtung in den USA empfand sie eigentlich als Zeichen dafür, dass sich das Land immer stärker für andere Kulturen interessiert. Angesichts der offenen Anbiederung Trumps an nationalistische Eiferer und der damit mögliche Aufschwung des White-Supremacy-Wahns stellte sich Goudarzi die Frage, wie sich eine solche Haltung mit der Wertschätzung einer Poesie über Liebe, Toleranz und das universelle, harmonische Ganze verträgt.

Die Liebe der Menschen und die Liebe zu Gott

 Shaho Andalibi ist ein iranisch-kurdischer Musiker, der als Spieler der Längsflöte Nay und als Sänger hervorgetreten ist.(Foto: Nina Kebriaee)
„Wie eine sanfte Brise“: Auf dem Album „This Pale“ spielt der Iraner Shaho Andalibi die Nayflöte. Die an diesem Projekt beteiligten vier Musiker drängen uns nicht in eine bestimmte Richtung, sondern stellen das Ausgangswerk in den Mittelpunkt, meint unser Rezensent Richard Marcus.

Rumis Dichtung rückt die facettenreiche Liebe zu Gott in den Mittelpunkt und findet dafür Worte, die auch Menschen so zueinander sagen könnten, die sich ihre Liebe gestehen. Alle in Liedform vorgetragenen Gedichte werden in Farsi gesungen. Doch auch wenn wir das Persische nicht beherrschen, so lassen uns die Stimme von Goudarzi und die Instrumente der Musiker doch die tiefe Bedeutung hinter jedem der Stücke erahnen.

Leider liegen die Liedtexte dem Album nicht in Übersetzung bei. Wegen der großen Popularität von Rumis Dichtung lassen sich die Übersetzungen allerdings leicht im Internet finden. Doch auch wer schlicht der Musik lauscht und dabei der Vorstellung von Liebe und einem harmonischen Ganzen von Geist und Gefühl nachgeht, wird verstehen, was die Musiker bei der Adaption der Gedichte umgetrieben hat.

Das Eröffnungslied „Wild“ zeigt sprichwörtlich die ganze Kraft des Albums. Mit seiner Sitar knüpft Khan einen magischen Klangteppich, auf dem wir als Zuhörer sofort den Alltag hinter uns lassen. Wie bei jeder Ouvertüre bereitet er damit die Bühne für das, was uns in dem mehr als elf Minuten langen Stück erwarten wird.

Die von Khan geschaffene beinahe ätherische Stimmung könnte unter den einsetzenden Trommeln kippen. Doch weit gefehlt: Wenn Mustafa die Tabla spielt, zieht er uns noch tiefer hinein in den Song. Der pulsierende Rhythmus seines Spiels schlägt sozusagen eine Brücke zwischen unserer körperlichen Gegenwart und den höheren Gefilden, die die Sitar uns verheißt. Als Goudarzi mit ihrer Stimme einsetzt, kommt ein weiteres Element hinzu, das die menschliche Seele verkörpert. Ihre Stimme ist real: Sie erzwingt in uns kein mystisches Gefühl und verzichtet gänzlich auf jedwede manipulativen Kunstgriffe. Wenn überhaupt, dann wundern wir uns eher darüber, dass ihre Stimme erdiger klingt, als wir es zu diesem Thema erwartet hätten.

Etwa bei Minute fünf setzt Andalibi mit der Nay ein. Gerade hat Goudarzi einige Strophen gesungen, als seine Flöte in die Klänge von Tabla und Sitar mit einstimmt. Seine Musik schwebt wie eine sanfte Brise über den beiden anderen Instrumenten und webt in deren Klänge ein neues Muster ein, das alles bislang Gehörte ergänzt, verstärkt und dort neue Bedeutungen und Strukturen einzieht.

Universelles harmonisches Ganzes und Vielfalt

Shariq Mustafa (Foto: Inni Singh)
Der Tablaspieler Shariq Mustafa aus Indien: „Musiker und Dichter waren in polarisierenden Zeiten schon oft die Stimme der Hoffnung. ‚This Pale‘ ist ein ebenso wundersames wie wundervolles Beispiel dafür, wie diese Kräfte große Kunst entstehen lassen“, schreibt Richard Marcus.

Wenn This Pale für das universelle Ganze und die Vielfalt steht, dann finden die Nay und die Sitar nicht ohne Grund auf genau diesem Album erstmals in einer Aufnahme zueinander. Wenn diese beiden Instrumente – von denen eines vorrangig der klassischen indischen und das andere der persischen bzw. iranischen Musik zugeschrieben wird – ein harmonisches Ganzes entwickeln können, warum sollten das die jeweiligen Völker nicht können? Es ist ein Symbol der Hoffnung, dass dieser Brückenschlag zwischen den beiden Kulturen heute immer noch möglich ist. Trotz der antimuslimischen Rhetorik im heutigen Indien von Premierminister Modi.

Und auch das Album selbst setzt ein Zeichen der Hoffnung. Dass zwei Menschen aus dem Iran und zwei aus Indien die Poesie eines im heutigen Afghanistan geborenen und vor etwa 800 Jahren gestorbenen persischen Dichters musikalisch umsetzen, ist fast ein Wunder angesichts der heute fast allgegenwärtigen Grundstimmung von Hass und Ausgrenzung. Und dass diese Dichtung von Liebe handelt, geht mitten ins Herz.

Dabei ist Rumis Poesie alles andere als eine eindimensionale Beschreibung der Liebe und ihres Glücks. Goudarzi und Khan haben eine Auswahl getroffen, die dieser Komplexität voll gerecht wird. In „Wild“ spricht der Dichter darüber, wie uns erst die Beziehung zu Gott ermöglicht, in Gänze zu lieben, da die Liebe in ihrer Gesamtheit immer aus unserer Liebe zu dem von Gott Geschaffenen erwächst.

Wenn wir uns eingehender mit dem Leben von Rumi beschäftigen, wird uns auch die Bedeutung des Liedtitels klar. Der Dichter war maßgeblich beeinflusst von seiner Freundschaft zu dem persischen Mystiker Schams-e Tabrizi. Schams-e Tabrizi führte als Derwisch ein Leben als Asket und predigte die direkte Verbindung der Menschen zu Gott. Heute verbinden wir mit dem Wort Derwisch meist eine bestimmte Art von Tanz, in der die Gläubigen in Trance umherwirbeln, um in direkten Kontakt mit Gott zu gelangen.

Auch wer kein Persisch versteht, wird die Musik des Albums dennoch als Ausdruck einer unbändigen, „wilden“ Liebe erleben können. Die Songtitel „One“, „Tender“, „Sweetest“, „Still Here“ und „All I've Got“ („Eins“, „Voller Liebe“, „Noch immer hier“ und „Alles was ich habe“ weisen dem Hörer die Richtung. Sie verweisen auf den emotionalen Gehalt und die Stimmung hinter jeder Melodie. Wenn das Eröffnungslied „Wild“ für den Wirbel an Gefühlen steht, den Liebe auszulösen vermag, dann fällt es dem Zuhörer nicht schwer, die Bedeutung aus dem Rest abzuleiten.

Liebe kann für verschiedene Menschen Verschiedenes bedeuten. Goudarzi und Khan interpretieren die Liebe hier in einem bestimmten Kontext, ohne uns dabei zu bevormunden. Dieses außergewöhnliche Album ist ein Kaleidoskop aller Nuancen der Liebe aus der Poesie Rumis. Die an dem Projekt beteiligten vier Musiker drängen uns nicht in eine bestimmte Richtung, sondern stellen das Ausgangswerk in den Mittelpunkt.

Musiker und Dichter waren in polarisierenden Zeiten schon oft die Stimme der Hoffnung. This Pale ist ein ebenso wundersames wie wundervolles Beispiel dafür, wie diese Kräfte große Kunst entstehen lassen.

Richard Marcus

© Qantara.de 2022

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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