Holocaustforschung

Die arabischen Gerechten des Maghreb

Fünf Jahre arbeitete Robert Satloff, Direktor des "Washington Institute for Near East Policy", an seinem Buch, in dem er der Geschichte der antijüdischen Verfolgungen in Nordafrika und der Rolle der Araber in der Zeit des Holocaust auf den Grund geht. Götz Nordbruch hat es gelesen.

 ​​Gab es einen arabischen Raoul Wallenberg? Mit dieser Frage beginnt Robert Satloffs Recherche über die "verlorenen Geschichten von den Ausläufern des Holocaust in arabischen Ländern". Der schwedische Diplomat Wallenberg ist einer von über 20.000 nicht-jüdischen Personen, die von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem für ihre Versuche gewürdigt wurden, Juden vor den nationalsozialistischen Verfolgungen zu retten.

Unter diesen "Gerechten der Völker" finden sich Chinesen, Brasilianer, Japaner, Türken, Albaner und Bosnier – aber bis heute kein einziger Araber. Satloffs Buch "Unter den Gerechten" soll ein Beitrag dazu sein, dies zu ändern. Fünf Jahre verbrachte der Direktor des "Washington Institute for Near East Policy" um die Geschichte der antijüdischen Verfolgungen in Nordafrika unter Vichy und unter deutscher Besatzung zu rekonstruieren.

Arabische Hilfe für verfolgte Juden

Robert Satloff, Foto: &copy Washington Institute for Near East Policy
Scheinbar vergessene oder verdrängte Geschichten: Robert Satloff rekonstruiert in seinem Buch die antijüdischen Verfolgungen in Nordafrika und in Vichy-Frankreich.

Um das wenig überraschende Ergebnis seiner Suche vorwegzunehmen: Es gab sie, die arabischen "Gerechten", die – trotz der Gefahr für das eigene Leben – Juden versteckten oder zur Flucht verhalfen. Satloff gelingt es, zahlreiche Details ihrer Geschichten aufzuspüren. ​​Überraschender als diese Tatsache, dass auch in Marokko, Algerien und Tunesien Juden von ihren Nachbarn versteckt wurden, ist Satloffs Antwort auf die Frage, warum auch 60 Jahre nach Kriegsende kaum eine dieser Personen bekannt ist: "Erstens, weil viele Araber (oder ihre Erben) nicht gefunden werden wollten, und zweitens, weil Juden sich nicht genug Mühe gaben, sie zu finden", so Satloff.

Auf der Grundlage von zahlreichen Interviews und Gesprächen beschreibt Satloff die sich verschärfenden antijüdischen Verfolgungen, die Folterungen und Misshandlungen in den über 100 Straf- und Internierungslagern, die Zwangsarbeitseinsätze beim Bau der französischen "Trans-Sahara"-Bahn. Er beschreibt die Auswirkungen der unter Vichy beschlossenen antijüdischen Gesetze, die auch ohne deutsche Einflussnahme bereitwillig von den französischen Behörden durchgesetzt wurden und die Folgen der deutschen Besetzung Tunesiens im Herbst 1942.

Erst die alliierte Landung in Nordafrika und die Einnahme von Tunis im Mai 1943 bereiteten den deutschen Plänen ein Ende, deren Umsetzung mit der Entsendung eines SS-Kommandos unter Führung von SS-Obersturmbannführer Walter Rauffs bereits eingeleitet worden war. Zuvor war Rauff in Osteuropa für die Ausrüstung der Einsatzgruppen zuständig, die mit der Vernichtung der Juden beauftragt waren.

Gleichgültigkeit und Kollaboration

Die antijüdischen Schikanen und Verfolgungen blieben auch in Nordafrika nicht verborgen. Die von Satloff befragten nordafrikanischen Juden, die diese Zeit erlebten, berichten immer wieder von den gleichgültigen Reaktionen vieler arabischer Muslime und von Fällen einer Kollaboration, als Informanten der Behörden und deutscher Truppen oder als Aufseher in den zahlreichen Lagern. Umso eindringlicher sind daher die Schilderungen, die von anderen Erfahrungen berichten.

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vachem; Foto: AP
Unter den rund 20.000 "Gerechten unter den Völkern", die in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vachem aufgeführt sind, befindet sich kein einziger Araber.

Die ausdrückliche Weigerung des religiösen und politischen Establishments in Algerien, sich zum Handlager der französischen Enteignungspolitik gegenüber den algerischen Juden zu machen, zählte dazu. So scheiterte der Versuch der französischen Behörden, die Sympathien der muslimischen Bevölkerung Algeriens mit antijüdischen Verordnungen zu erkaufen, am Widerstand der Imame. Und auch Messali Haj, der Führer der nationalistischen "Parti Populaire Algérien" widersprach den Franzosen: "Die Beschneidung der Rechte der Juden bringt den Muslimen keine neue Rechte."

Verdrängte Geschichten

Die Geschichte einer jüdischen Frau aus Tunis, die als Kind zusammen mit ihrer Familie über Monate hinweg von einem muslimischen Bekannten versteckt wurde, ist bewegend. Nachdem ein deutscher Offizier diesem Bekannten gegenüber angekündigt hatte, die Mutter des Kindes in den nächsten Tagen vergewaltigen zu wollen, fand die Familie in einer nächtlichen Aktion Unterschlupf auf einem Gutsbesitz außerhalb der Stadt. Diese Geschichten scheinen vergessen – oder verdrängt. Satloffs Schilderungen seiner Recherchen machen immer wieder deutlich, wie wenig Interesse die muslimischen Beteiligten selbst an einer Erinnerung an die Hilfestellungen für die verfolgten Juden haben.

Im Klima der Nachkriegszeit und des arabisch-israelischen Konfliktes galt eine Erinnerung an die Rettung von Juden nicht als Zeichen von Integrität, sondern als Schwäche und Kollaboration – mit zum Teil haarsträubenden Auswirkungen. So berichtet Satloff von seinen Gesprächen mit den Hinterbliebenen eines anderen Gutsbesitzers, der im Frühjahr 1943 eine Gruppe von 60 entflohenen jüdischen Zwangsarbeitern in seinem Gehöft aufgenommen hatte.

Bis zum Vormarsch der Alliierten versorgte er sie und versteckte sie vor den deutschen Truppen. Doch seiner Familie erzählte er davon nichts, denn seine beiden Söhne kannten eine gänzlich andere Geschichte: Ihr Vater habe tatsächlich eine Gruppe von Flüchtlingen auf seinem Gutsbesitz aufgenommen, erklärten beide im Gespräch. Allerdings handelte es sich bei diesen Flüchtlingen nicht um Juden, sondern um deutsche Soldaten der Wehrmacht, die angesichts der herannahenden Alliierten um Aufnahme baten.

Intensivere Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Für die erste Version gibt es Belege, für die zweite nicht. Satloff lässt es offen, ob es sich um unterschiedliche Ereignisse handelt, oder um eine nachträgliche Umdeutung der Geschichte. Dennoch ist er sich sicher, seinem Ziel ein wenig näher gekommen zu sein. Mit der Ehrung von arabischen "Gerechten", so hofft er, lasse sich auch in der arabischen Öffentlichkeit eine breitere Auseinandersetzung mit dem Holocaust anregen.

Die ersten Reaktionen auf sein Buch bestätigen ihn. In einem Kommentar der arabischen Tageszeitung "al-Hayat" zeigte sich Dschihad al-Khazin nach der Lektüre des Buches ausgesprochen überrascht. Die Darstellung sei außergewöhnlich sachlich. Ein größeres Lob ist wohl schwer denkbar, denn bisher war Satloff für al-Khazin ein "pro-israelischer Extremist".

Götz Nordbruch

© Qantara.de 2007

Robert Satloff: "Among the righteous. Lost stories from the Holocaust's long reach into Arab lands", New York, Public Affairs, 2006

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