Verbotene Wahrheit

Charfi ist gläubiger Muslim. Er hat nie einer Partei angehört, hat sich geweigert, Ex-Diktator Ben Ali im Wahlkampf zu unterstützen, und musste dafür vorzeitig seinen Dekanstuhl an der Universität von Tunis räumen. Danach werden seine Forschungsarbeiten zensiert und dürfen nicht veröffentlicht werden.

Doch er gibt nicht auf, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und gründet eine Forschungsgruppe für sein Editionsprojekt. Gehalt gibt es keines. Die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert Archivreisen nach Jemen und nach Berlin. Schließlich findet sich ein libanesischer Mäzen, der den aufwendigen, mehrfarbigen Druck in Rabat finanziert.

Wie jedem wissenschaftlichen Editor ist Charfi klar: „Unsere Arbeit ist nicht fürs große Publikum bestimmt. Von unseren wissenschaftlichen Kollegen haben wir positive Rückmeldungen bekommen.“ Doch während beispielsweise Kafka-Varianten vor allem Kafka-Forscher interessieren, ist dieser Fall ganz anders gelagert. Varianten im Koran können bedeutsam werden für 1,8 Milliarden Muslime weltweit. Charfi ist sich dessen bewusst.

Ein Beispiel: In Sure 61:6 des kanonisierten Koran heißt es, dass Jesus einen ihm nachfolgenden Propheten namens Ahmed ankündigt. Für Muslime ist dies Mohammed, der letzte Prophet Gottes. Doch in Charfis Ausgabe findet sich dazu eine Variante, die keinen Namen enthält. In Saudiarabien wurde Charfis Ausgabe unmittelbar nach Erscheinen verboten. In Tunesien ist die Auflage mittlerweile ausverkauft.

Dann nimmt das Gespräch eine politische Wendung: „Wir müssen aufhören, den Koran wortwörtlich zu nehmen“, mahnt Charfi. Die Folgen einer solchen neuen Lesart des heiligen Buches sind enorm: „Es gibt eine subversive prophetische Botschaft des Koran. Und es gibt auch im Islam institutionalisierte Religion, die Dogmen, Rituale und Konfessionen erschafft.“ Für den gläubigen Muslim heute heißt das: „Zurück zu den Quellen: Es gibt nichts Größeres als Gott.“

Die Ez-Zitouna-Moschee in Tunis
Kritische Koranlektüre hat Tradition in Tunesien: Die 737 gegründete Universität Ez-Zitouna im Herzen der Altstadt von Tunis war bis zu ihrer Schließung durch Staatsgründer Bourguiba ein internationales Zentrum des gemäßigten Islam, ein Bollwerk gegen engstirnige Interpretation des Korans.

Rütteln an den Grundfesten

„Das berührt die Grundfesten des Islam“, sagt Jean Fontaine, katholischer Theologe und Leiter des Centre d’Études de Carthage in Tunis, das sich seit fast sechzig Jahren dem interreligiösen Dialog widmet. Wer mit ihm die Varianten studiert, dem stockt der Atem angesichts des sich weitenden Bedeutungshorizontes. Der für die muslimische Glaubensgemeinschaft konstitutive Satz in der 3. Sure, „Die wahre Religion vor Allah ist der Islam“, ist in Charfis Ausgabe nur eine von mehreren Lesarten.

Überliefert ist auch die Variante: „Die wahre Religion in den Augen Gottes ist der Hanifismus“, also der Glaube Abrahams, des Urvaters aller monotheistischen Religionen (diese vorislamische Glaubensrichtung darf nicht mit dem Hanafismus, einer der vier sunnitischen Rechtsschulen, verwechselt werden).

Ebenfalls in der 3. Sure ist die Rede von der „umma“, der wahren von Gott gewollten Gemeinschaft, als die sich die Muslime verstehen. Doch in einer Variante heißt es „a’imma“, das sind die besten Prediger, die Mohammed in seinen Jüngern sieht. „Die Islamisten werden Druck machen“, sagt Fontaine.

So sieht es auch die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth. Sie hält die neue Ausgabe nicht nur für eine wissenschaftliche Pionierleistung, sondern auch für eine echte Mutprobe: „Die Salafisten möchten nicht wissen, dass der Koran eine irdische Geschichte hat.“ Die Verse zur Gewalt zum Beispiel kämen nicht vom Himmel, sondern hätten einen konkreten historischen Kontext. Nur wer den kenne, verstehe den Koran richtig. Neuwirth sagt: „Der Koran ist kein Buch, sondern ein Event. Er trägt die Spuren der Debatten, die Mohammed mit seiner Gemeinde geführt hat, in sich.“ Die tunesische Ausgabe mache den Koran richtigerweise lesbar als «Echoraum seiner Zeit».

Es geht Charfi, selbst die Bescheidenheit und Zurückhaltung in Person, um nichts Geringeres als eine Neudefinition des Stellenwerts, den der Koran im Islam hat. Laut Charfi und seiner Schule der historisch-kritischen Koranexegese ist der Koran zugleich göttlich inspiriert und in menschlicher Sprache überliefert, beeinflusst von Persönlichkeit und Lebensumständen des Propheten, seiner Kultur und Gemeinde. Wer das heute noch leugne, trenne die Religion vom Leben.

Eine Zukunft hat der Islam laut Charfi nur, wenn der Koran im Einklang mit den Werten der Moderne, dem Respekt der universellen Menschenrechte neu gelesen wird.

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Leserkommentare zum Artikel: Dieses Buch birgt Sprengstoff

Das Rad neu erfunden!
Mit Interesse verfolge ich als Forscher zum koranischen Text und insbesondere der Lesarten "neue Erkenntnisse" aus den Brauküchen der wissenschafltichen Institute. Das Buch habe ich bereits in einem Buchladen mit Interesse durchgeblättert, allerdings entschied ich mich gegen den Kauf. Es gibt andere derartige Ausgaben zum koranischen Text mit allen kanonischen und außerkanonischen /und vermeintlichen) Lesarten, die wesentlich besser recherchiert sind.
Das Buch ist tatsächlich keine Neuheit. Vor allem inhaltlich. Wie bereits in anderen Kommentaren genannt, sind diese Lesarten in allen klassischen Werken bekannt und anerkannt. Irgendwoher muss Herr Charif diese "Varianten" auch haben. Und wenn nicht aus den klassischen Werken, woher dann? Die reißerischen "Geheimquellen" sind nichts als die bekannten Zitate klassischer Werke.
Außerdem würde ich gerne Herrn Charif fragen, ob er das hier Zitierte tatsächlich so gemeint hat, oder ob hier journalistische Freiheit am Werk war.
Doch nun zum Inhalt des Artikels:
Nicht alle Texte, die in der klassischen Literatur als Lesvarianten eingetragen wurden, sind auch solche. Zu einer textkritischen Ausgabe gehört auch die Überprüfung von irrtümlichen Zuschreibungen, Schreibfehlern und Missverständnissen.
Ein Beispiel hierfür ist das im Artikel genannte „Die wahre Religion in den Augen Gottes ist der Hanifismus“ zu „Die wahre Religion vor Allah ist der Islam“. Es handelt sich um einen Kommentar eines Prophetengefährten zu diesem Vers, also eine Erklärung, die irrtümlich von einem Schüler als Lesart notiert wurde. Der Kommentar besagt lediglich, dass mit "Islam" im Vers die wörtliche Bedeutung "Hingabe an Gott" und nicht die spezifischen Gebote Mohammeds allein gemeint sind, also das Prinzip des Monotheismus "Hanifiyya" von arab. hanîf 'geneint, abgeneigt'. Als hätte jemand gefragt, wie dies sein könne, da ja die Propheten zuvor nicht nach Mohammeds Geboten lebten, und der Prophetengefährte mit dem Wort Hanifiyya erklärte, dass damit der gemeinsame Nenner der göttlichen Urbotschaft des Monotheismus gemeint ist, der im Arabischen als Islam im Sinne der Gottergebenheit bezeichnet wird.
Es handelt sich also mitnichten um eine "Lesvariante" des Koran, dies ist in der Literatur allgemein bekannt und kein "Geheimnis".
Herr Charfi muss bei seiner Recherche auch die Erklärung zu dieser Art vermeintlicher Varianten gesehen haben, denn dies darf und kann ihm nicht entgangen sein.
Auch das erwähnte "umma" und "a'imma" ist keine Sensation für die Deutung des Texts, denn im Vers geht es um die Prophetengefährten, die als beste "umma" (Generation, Nation, auch Vorbild) und in einer Lesart als beste "a'imma" (Vorbilder) bezeichnet werden. In jedem Standardwerk ist zu lesen, dass "umma" im Koran in vier Bedeutungen vorkommt: "Nation", "Vorbild", "Zeit" und "Tradition", die Variante "a'imma" bestätigt also nur eine der Bedeutungen von "umma" im speziellen Kontext, da es im Vers nicht um die Umma im speziellen Sinn, sondern um die Vorbildfunktion der Prophetengefährten geht. Somit wird im Artikel der Sinn entstellt.

"Kritische Koranlektüre hat Tradition in Tunesien", diese Aussage ist etwas verfehlt. Gemeint ist wohl die Lektüre der Lesarten, die auch in der Azhar, in Marokko, im Irak, der Levante und auch von den Wahhabiten studiert wurde und wird. Für diese kritische Koranlektüre ist Tunesien traditionell weniger bekannt als die im Artikel kritisierte Azhar.

Der historische Kontext, der von vielen als "hermeneutische Methode" bejubelt wird, ist nichts weiter als das Studium der Offenbarungsanlässe, das in wirklich jeder Koranexegese zu finden ist. Das ist bei weitem keine Neuheit. Die Methode der Hermeneutik ist bei weitem unwissenschaftlicher als die Deutungsmethoden der klassichen Werke, zudem ist der Ansatz in allen klassischen Werken zu finden.

Dieses Studium der Lesvarianten hat zudem nichts mit Kritik am Wahhabismus zu tun, da wahhabitische Gelehrte sehr viel Wert auf das Studium der Lesarten legen. Die Auseinandersetzung mit dem Wahhabismus kann nicht auf dieser Ebene stattfinden, weil es hier keine dogmatischen Unterschiede zu anderen Denkschulen im Islam gibt.
Lediglich ein Großteil des Schiitentums und die in Europa oft als "modern" gelobten Muteziliten lehnen die Lesarten und Varianten des Koran als "Unglauben" ab. In dieser Hinsicht wäre das für viele eher "ein Schuss in den Ofen".

Der Grund, aus dem in Tunesien der Islam nicht an religiösen Instituten gelehrt wurde, hinderte auch Herrn Charif an seiner Forschungsarbeit: die Lehre des Islams durch Experten war in Tunesien genauso verboten wie der regelmäßige Moscheegang und das Kopftuch. Es herrschte ein brutales, antireligiöses Regime, in dem islamische Gelehrsamkeit mit Folter und Mord unterbunden wurde.
Wenn das Fortschritt ist, dann gute Nacht.

David Mitterhuber07.04.2018 | 13:40 Uhr

Ihr habt tolle Buchtips. Wo kann man solche Fachbücher erwerben?

WinterNa15.06.2018 | 12:41 Uhr