Bollwerk gegen den Wahhabismus

Kritische Koranlektüre hat Tradition in Tunesien. Die 737 gegründete Universität Zitouna im Herzen der Altstadt von Tunis war bis zu ihrer Schließung durch Staatsgründer Bourguiba ein internationales Zentrum des gemäßigten Islam, ein Bollwerk gegen den Wahhabismus.

Ein solcher Ort wissenschaftlicher innerislamischer Diskussion fehlt heute. Gleichzeitig ist Tunesien das einzige Land der Region, in dem seit Jahrzehnten die Auseinandersetzung mit dem Koran in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten stattfindet und nicht wie andernorts von religiösen Einrichtungen dogmatisch monopolisiert wird.

Der tunesische Weg stößt bei den arabischen Nachbarn nicht nur auf Wohlwollen. Jüngst haben die Glaubenshüter der Al-Azhar-Moschee in Kairo gedroht, Tunesien von der Liste der islamischen Länder zu streichen, wenn das Land mit seiner demokratischen Modernisierung „auf Kosten des Islam“ so weitermache.

Im letzten Sommer hat Staatspräsident Essebsi Charfi in die neu gegründete politische Kommission „Individuelle Freiheitsrechte und Gleichberechtigung“ berufen. Dabei geht es auch um das Frauen benachteiligende Erbschaftsgesetz, seit Jahren ein Stein des Anstoßes für Bürgergesellschaft und Menschenrechtler. Aber selbst liberale Abgeordnete wollten daran bisher nicht rütteln, weil die Regelung der Erbschaft wörtlich im Koran festgelegt und damit göttlicher Wille sei.

Was, wenn Charfi diesem Urteil den koranischen Boden entzieht? Die politische Sprengkraft für die Regierungskoalition aus Säkularen und Islamisten ist in einem ohnehin angespannten gesellschaftlichen Klima so groß, dass die Kommission entschieden hat, ihren Bericht erst nach den Anfang Mai stattfindenden Kommunalwahlen zu veröffentlichen, den ersten in der Geschichte des Landes.

Annette Steinich

© Neue Zürcher Zeitung 2018

Al-Mushaf wa Qira’atuh. Rabat 2016. 2330 Seiten, 5 Bände. Mominoun Without Borders for Publishing & Distribution / Beirut / ISBN: 9786148030178, 9786148030062

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Leserkommentare zum Artikel: Dieses Buch birgt Sprengstoff

Das Rad neu erfunden!
Mit Interesse verfolge ich als Forscher zum koranischen Text und insbesondere der Lesarten "neue Erkenntnisse" aus den Brauküchen der wissenschafltichen Institute. Das Buch habe ich bereits in einem Buchladen mit Interesse durchgeblättert, allerdings entschied ich mich gegen den Kauf. Es gibt andere derartige Ausgaben zum koranischen Text mit allen kanonischen und außerkanonischen /und vermeintlichen) Lesarten, die wesentlich besser recherchiert sind.
Das Buch ist tatsächlich keine Neuheit. Vor allem inhaltlich. Wie bereits in anderen Kommentaren genannt, sind diese Lesarten in allen klassischen Werken bekannt und anerkannt. Irgendwoher muss Herr Charif diese "Varianten" auch haben. Und wenn nicht aus den klassischen Werken, woher dann? Die reißerischen "Geheimquellen" sind nichts als die bekannten Zitate klassischer Werke.
Außerdem würde ich gerne Herrn Charif fragen, ob er das hier Zitierte tatsächlich so gemeint hat, oder ob hier journalistische Freiheit am Werk war.
Doch nun zum Inhalt des Artikels:
Nicht alle Texte, die in der klassischen Literatur als Lesvarianten eingetragen wurden, sind auch solche. Zu einer textkritischen Ausgabe gehört auch die Überprüfung von irrtümlichen Zuschreibungen, Schreibfehlern und Missverständnissen.
Ein Beispiel hierfür ist das im Artikel genannte „Die wahre Religion in den Augen Gottes ist der Hanifismus“ zu „Die wahre Religion vor Allah ist der Islam“. Es handelt sich um einen Kommentar eines Prophetengefährten zu diesem Vers, also eine Erklärung, die irrtümlich von einem Schüler als Lesart notiert wurde. Der Kommentar besagt lediglich, dass mit "Islam" im Vers die wörtliche Bedeutung "Hingabe an Gott" und nicht die spezifischen Gebote Mohammeds allein gemeint sind, also das Prinzip des Monotheismus "Hanifiyya" von arab. hanîf 'geneint, abgeneigt'. Als hätte jemand gefragt, wie dies sein könne, da ja die Propheten zuvor nicht nach Mohammeds Geboten lebten, und der Prophetengefährte mit dem Wort Hanifiyya erklärte, dass damit der gemeinsame Nenner der göttlichen Urbotschaft des Monotheismus gemeint ist, der im Arabischen als Islam im Sinne der Gottergebenheit bezeichnet wird.
Es handelt sich also mitnichten um eine "Lesvariante" des Koran, dies ist in der Literatur allgemein bekannt und kein "Geheimnis".
Herr Charfi muss bei seiner Recherche auch die Erklärung zu dieser Art vermeintlicher Varianten gesehen haben, denn dies darf und kann ihm nicht entgangen sein.
Auch das erwähnte "umma" und "a'imma" ist keine Sensation für die Deutung des Texts, denn im Vers geht es um die Prophetengefährten, die als beste "umma" (Generation, Nation, auch Vorbild) und in einer Lesart als beste "a'imma" (Vorbilder) bezeichnet werden. In jedem Standardwerk ist zu lesen, dass "umma" im Koran in vier Bedeutungen vorkommt: "Nation", "Vorbild", "Zeit" und "Tradition", die Variante "a'imma" bestätigt also nur eine der Bedeutungen von "umma" im speziellen Kontext, da es im Vers nicht um die Umma im speziellen Sinn, sondern um die Vorbildfunktion der Prophetengefährten geht. Somit wird im Artikel der Sinn entstellt.

"Kritische Koranlektüre hat Tradition in Tunesien", diese Aussage ist etwas verfehlt. Gemeint ist wohl die Lektüre der Lesarten, die auch in der Azhar, in Marokko, im Irak, der Levante und auch von den Wahhabiten studiert wurde und wird. Für diese kritische Koranlektüre ist Tunesien traditionell weniger bekannt als die im Artikel kritisierte Azhar.

Der historische Kontext, der von vielen als "hermeneutische Methode" bejubelt wird, ist nichts weiter als das Studium der Offenbarungsanlässe, das in wirklich jeder Koranexegese zu finden ist. Das ist bei weitem keine Neuheit. Die Methode der Hermeneutik ist bei weitem unwissenschaftlicher als die Deutungsmethoden der klassichen Werke, zudem ist der Ansatz in allen klassischen Werken zu finden.

Dieses Studium der Lesvarianten hat zudem nichts mit Kritik am Wahhabismus zu tun, da wahhabitische Gelehrte sehr viel Wert auf das Studium der Lesarten legen. Die Auseinandersetzung mit dem Wahhabismus kann nicht auf dieser Ebene stattfinden, weil es hier keine dogmatischen Unterschiede zu anderen Denkschulen im Islam gibt.
Lediglich ein Großteil des Schiitentums und die in Europa oft als "modern" gelobten Muteziliten lehnen die Lesarten und Varianten des Koran als "Unglauben" ab. In dieser Hinsicht wäre das für viele eher "ein Schuss in den Ofen".

Der Grund, aus dem in Tunesien der Islam nicht an religiösen Instituten gelehrt wurde, hinderte auch Herrn Charif an seiner Forschungsarbeit: die Lehre des Islams durch Experten war in Tunesien genauso verboten wie der regelmäßige Moscheegang und das Kopftuch. Es herrschte ein brutales, antireligiöses Regime, in dem islamische Gelehrsamkeit mit Folter und Mord unterbunden wurde.
Wenn das Fortschritt ist, dann gute Nacht.

David Mitterhuber07.04.2018 | 13:40 Uhr