HipHop in Marokko

Teil einer globalen Musikkultur

Bei der vom Goethe-Institut geförderten Veranstaltung "Performing Tangier" begegneten sich erstmals marokkanische und deutsche Rapper – dabei stellten sie viele Gemeinsamkeiten fest. Alfred Hackensberger berichtet aus Tanger.

Mad Maxamom und Muslim Zanka Flow auf der Bühne; Foto: Alfred Hackensberger
So kann interkultureller Dialog funktionieren: ohne theorieschwere Diskussionen - ein Austausch, persönlich, direkt und unverkrampft: Rapper-Team Mad Maxamom und Muslim Zanka Flow auf der Bühne.

​​ Einer seiner beiden Reisepässe war bereits abgelaufen, den andern hatte er gar nicht erst dabei... schlechte Vorbereitung könnte man das nennen, schließlich war die Reise nach Marokko lang geplant.

War es schlicht Gedankenlosigkeit oder hatten MC Mad Maxamom und DJ SDAG aus Hamburg ganz vergessen, dass es hinter Europa noch eine andere Welt gibt?

Glücklicherweise waren die marokkanischen Grenzbeamten kulant und unbürokratisch und ließen die beiden Hamburger Künstler einreisen. Schließlich sollten sie im Rahmen von "Performing Tangier", einer alljährlich stattfindenden Konferenz, zwei Konzerte geben.

HipHop und universaler Protest

Mit dabei war auch Ale Dumbsky, der Ex-Schlagzeuger der "Goldenen Zitronen" und Gründer des Labels "Buback-Records", welches Ende der 1980er Jahre als eines der ersten deutsche Rap-Musik veröffentlichte.

Der heute 44jährige war mitgereist, um auf der Konferenz den theoretischen Hintergrund zu HipHop als Grenzen übergreifende Weltkultur zu liefern. Was er dann auch sehr emphatisch und unübersehbar begeistert tat.

Wer bisher mit einer verständlichen Portion von Kulturpessimismus glaubte, dass Jugendkulturen tot, eher sinnentleerte, in unzählige Subszenen zersplitterte Konsum-Konstrukte sind, der wurde eines Besseren belehrt:

"Bis heute gibt es eine junge Kultur, bei der Hautfarbe, Klassen, Religion und Herkunft keine Rolle spielt. Eine Kultur, die denjenigen eine Stimme gibt, die sie sonst nicht haben. Dazu einen Code, der vom Polarkreis bis nach Afrika verstanden wird. Kurz und gut: Die passende Kultur für eine globalisierte Welt."

Posieren mit der Security Crew - für das Konzert wurde extra ein Team an Sicherheitskräften angemietet; Foto: Alfred Hackensberger
In Partnerschaft mit dem Goethe-Institut in Rabat fanden die beiden HipHop-Konzerte im Rahmen der Konferenz "Performing Tangier 2009" in Tetouan und Tanger statt.

​​ Fast schon theatralische Worte, die sich jedoch auf überraschende Weise während des Marokko-Aufenthalts von MC Mad Maxamom und DJ SDAG bewahrheiten sollten. Die beiden traten mit Muslim Zanka Flow, einem Rapper aus Tanger, für zwei Konzerte auf.

HipHop-Codes international

"Schon beim ersten Treffen der Rap-Crews wusste man, dass alles klappt", sagte Ale Dumbsky. "Dank der HipHop-Codes, die überall verstanden werden." Etwa diese oberflächliche Zeichensprache, die sich auf weite, heruntergelassene Hosen, komplizierte Grußformeln und bekannten Schlagwörter beschränkt?

"Nein, nein, da war schon etwas mehr als nur Oberfläche", beteuerte Dumbsky. "Das ist auch das Faszinierende am HipHop, was ich auch schon in vielen anderen Situationen beobachten konnte."

DJ SDAG bestätigte das. "Mit Muslim war der 'Kick' sofort da, nachdem man gegenseitig 'abcheckt', was man so hört, welche Musik man macht und natürlich auch Respekt zeigt." Schließlich spiele man in seiner Stadt, seinem Wohnzimmer, fügte MC Mad Maxamom an. "Man ist auf einer Ebene."

Marokkanische Techno-Beats wie aus Berlin

Eurozentrische Hochnäsigkeit - von wegen (westlicher) "High Culture" und (marokkanischer) "Low Culture" - hat es nicht gegeben. "Wir kannten Muslim von You Tube", erklärte Mad Maxamom.

"Das war cool. Seine Musik könnte heute ohne weiteres in Berlin gemacht werden, die Techno-Beats sind absolut modern." Bedauerlich sei nur gewesen, dass für DJ SDAG keine Plattenspieler aufzutreiben waren. Er hätte, wie es zum Hip-Hop gehört, mit Vinylscheiben gerne 'gescratched'.

DJ SDAG, links, Muslim Zanka Flow, rechts; Foto: Alfred Hackensberger
Aus der heutigen marokkanischen Musikkultur nicht mehr wegzudenken: HipHop-Bands wie DJ SDAG (links) und Muslim Zanka Flow (rechts)

​​ "Die fehlenden Plattenspieler hatten aber nichts mit einer technologischen Rückständigkeit Marokkos zu tun", betont DJ SDAG und sein Rapper Mad Maxamom. "Im Gegenteil: diese Hip-Hop Plattenspieler stammen aus den 80er Jahren und diese alte Technologie ist in Marokko nicht mehr aufzutreiben. Sie haben eben moderneres Equipment."

Ein entscheidender Aspekt der deutsch-marokkanischen Hip-Hop-Verständigung war allerdings auch die "Haltung" der beiden Crews.

Muslim, der über das harte Leben ohne aussichtsreiche Perspektiven in seinem Land singt, lehnt gewinnträchtige Auftritte in Diskos als Kommerz ab und tritt dafür lieber kostenlos auf. Etwas, das MC Mad Maxamom, der in Deutschland an Solidaritätsveranstaltungen teilnimmt und sich gegen Rassismus engagiert, sehr gut verstehen kann.

Bitte keine Werbung!

"HipHop hat in Marokko immer noch ein schlechtes Image", erklärt Muslim. "Obwohl es diese Musik schon lange gibt und aus Marokko nicht mehr wegzudenken ist, verbinden die Leute damit immer noch sofort Gewalt, Drogen und Kriminalität."

Weit verbreitete Vorurteile, die auch die Verantwortlichen der Konzertsäle darauf bestehen ließ, keine öffentliche Werbung für die HipHop-Events zu machen. Zudem wurde extra ein Sicherheitsdienst engagiert, der für einen reibungslosen friedlichen Ablauf garantieren sollte.

Trotz mangelnder Werbung waren die Konzerte voll. Ein Resultat von Mund zu Mund Propaganda innerhalb der Hip-Hop Gemeinde und unterstreicht, welchen Stellenwert HipHop in Marokko hat.

Das überwiegend jugendliche Publikum in beiden Konzerten war begeistert, wie man es in Marokko sehr, sehr selten sieht. Und das auch bei den Auftritten der deutschen Rapper. Mit einer rein gastfreundschaftlichen Geste des marokkanischen Publikums hatte das nichts zu tun.

"Die Leute haben die deutschen Texte zwar nicht verstanden", meinte Mad Maxamom. "Aber sie haben es gefühlt, was abgeht. Das hat man in den Gesichtern gesehen."

So kann interkultureller Dialog funktionieren. Ohne theorieschwere Diskussionen - ein Austausch, persönlich, direkt und unverkrampft.

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2009

Qantara.de

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