Star der Safran-Pop-Szene ist Laxmi Dubey, deren Videos bis zu 40 Millionen Aufrufe verzeichnen. Laxmi Dubey ruft in ihren Songs offen zu Gewalt gegen Muslime auf.

Hindu-Nationalismus in Indien
Indiens hasserfüllter „Safran-Pop“

In Indien liefern ultranationalistische Musiker mit gewaltverherrlichenden Stücken den Soundtrack für extremistische Hindus. Die wollen den säkularen und pluralistischen Staat zu einer Hindu-Nation machen. Von Till Fähnders

Die Musikvideos des Sängers Sanjay Faizabadi sind alles andere als subtil. Bilder von Explosionen, marschierenden Soldaten und des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi flackern in schnellen Schnitten über den Monitor.

Ein Video beginnt mit dem Sänger selbst: Das Gesicht und die Zähne scheinbar mit Blut verschmiert, auf dem Kopf ein schwarzes Tuch und am Oberkörper ein Hemd in Tarnfarben. Dann kommen ein altes Fort in den Blick, brennende Kampfflugzeuge, explodierende Kriegsschiffe und Panzer, die über unwegsames Terrain rattern. Danach das Gesicht Modis sowie anderer internationaler Politiker wie Donald Trump und Xi Jinping neben ihm. „Wir haben die Kraft, Zyklone abzulenken und Berge zu zermalmen! Hör genau zu, du Feind der Nation, jeder Inder ist eine Atombombe!“, singt Faizabadi.

Mit der Mischung aus Nationalstolz, Militarismus und Hetze gegen das Nachbarland Pakistan kommen die Videos des indischen Sängers im heutigen Indien gut an. Das besagte Machwerk ist auf Youtube fast zehn Millionen Mal angeschaut worden, ein anderes von Faizabadis Videos schon 15 Millionen Mal. Der Sänger gehört zu einer Reihe von Musikern, die in Indien mit ultranationalistischen Liedern zunehmend Erfolg haben. Sie besingen die unsterbliche indische Nation, preisen Hindu-Gottheiten und wettern gegen Muslime und Pakistan. Die Musikrichtung wird auch als „Safran-Pop“ bezeichnet, nach der Farbe, die den Hindus heilig ist und die von den Hindu-Nationalisten, die seit dem Jahr 2014 auch die Regierung stellen, zu ihrem Markenzeichen erkoren wurde.

Mehr Angriffe auf Muslime

Star der Szene ist die rund 30 Jahre alte Laxmi Dubey, deren Videos bis zu 40 Millionen Aufrufe verzeichnen. Auf ihren Konzerten tritt sie in prächtigen Kleidern und mit einer Entourage von etwa zwei Dutzend Musikern auf. „Jai Shri Ram!“, heißt es dann immer wieder: „Sieg dem Gott Rama“. Sanjay Faizabadis Vorliebe sind die Themen Militär, Krieg und der Erzfeind Pakistan. Wie sein Youtube-Kanal zeigt, wendet auch er sich aber zunehmend religiösen Themen zu. In einem seiner jüngeren Videos tritt er vor Tempelszenerien und statt in Tarnkleidung in safranfarbenen Gewändern auf.

 

 

Der Safran-Pop bildet die Hintergrundmusik für eine Politik, in welcher der säkulare und pluralistische Staat Indien sich immer mehr zu einem Hindu-Staat entwickelt. Unter der Regierung des Hindu-Nationalisten Narendra Modi und seiner Bharatiya Janata Party (BJP) haben die Angriffe auf Muslime zugenommen, aber auch andere Minderheiten wie Christen und die Dalits, die früheren „Unberührbaren“, werden marginalisiert.

Oft reicht schon der Verdacht, ein Muslim habe eine Kuh misshandelt oder geschlachtet, für eine Tracht Prügel. Dutzende Muslime sind bei solchen Zwischenfällen schon gelyncht worden. Kritiker werfen Modi und seiner Partei vor, sie wollten aus dem säkularen und pluralistischen Indien eine „Hindu Rashtra“, eine Nation der Hindus machen.

 

Vorbild Adolf Hitler

Wir treffen den Sänger Sanjay Faizabadi in einem Aufnahmestudio in einem Vorort der indischen Hauptstadt Delhi. Die Corona-Pandemie hat die Welt zu dem Zeitpunkt noch nicht so im Griff wie heute. Das Studio liegt in einem der Obergeschosse in einem typischen indischen Mietshaus. Nach einem ersten Gespräch steht der Sänger schon in dem kleinen Aufnahmeraum hinter einer Glasscheibe. Aus den Lautsprechern dröhnt ein schneller Disco-Rhythmus, dazu spielen Saiteninstrumente hektische Melodien. Sanjay spricht in das Mikrofon: „Liebe Landsleute, ich bringe euch einen neuen Song. Wenn er euch gefällt, dann gebt mir euren Segen. Heil Indien.“

Nachdem er diese kurze Eingangssequenz aufgenommen hat, setzt er sich in einen Vorraum des Studios. Die Musik sei eigentlich mehr ein Hobby für ihn, sagt Sanjay. Normalerweise schneidet er selbst für andere Musiker deren Videos. „Ich mache das nicht für das Geld“, sagt er. Erst in jüngerer Zeit seien bei den Youtube-Videos ein paar tausend Euro zusammengekommen. „Manchmal bekomme ich von Militärs ein paar tausend Rupien, damit ich ihre Namen in einem meiner Songs erwähne.“ Er ist sichtlich stolz darauf, dass die Videos so gut ankommen. Mittlerweile habe er schon mehr als 60 Videos ins Internet gestellt. „Ich habe nicht einen negativen Kommentar bekommen!“, behauptet der Sänger.

Er sagt, seine Musik richte sich nicht gegen Muslime an sich, sondern gegen die Terroristen, die von Pakistan unterstützt würden. Der Mann macht keinen Hehl daraus, wen er zu seinen Vorbildern zählt. Eines ist Adolf Hitler, den er als „Inspiration“ bezeichnet. Eine anderes Vorbild ist Indiens Ministerpräsident Narendra Modi. In einem seiner Lieder preist Faizabadi den legendär breiten Brustumfang des Regierungschefs. Er möge den Ministerpräsidenten eben, sagt der Sänger. Das heiße aber nicht, dass er sich für dessen Partei vor ihren Karren spannen lassen würde.

 

 

Hindutempel statt Moschee

Der Sänger kommt, wie sein Name erahnen lässt, aus der Stadt Faizabad in dem nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Sie liegt in der Nähe der Stadt Ayodhya, die den Hindus heilig ist, weil dort ihr Gott Rama geboren sein soll. In Ayodhya hatte im Jahr 1992 ein Hindu-Mob mit Schaufeln, Seilen und bloßen Händen eine Moschee gestürmt. Sie vermuteten, dass der muslimische Mogulherrscher Babur sie im Jahr 1528 auf dem Grundstück eines Tempels gebaut hatte, der den Geburtsort des Gottes Rama markiert hatte.

Er selbst sei damals noch zu jung gewesen, um ganz vorne bei der Moscheezerstörung mit dabei zu sein, sagt der Sänger Faizabadi. Dafür habe er einer der beteiligten Gruppierungen geholfen, Essen auszuteilen. „Wer hat die Kraft, uns davon abzuhalten, den Tempel zu bauen?“, heißt es nun in einem seiner Lieder. Der Bau eines Tempels an diesem Ort ist ein zentrales Projekt der Hindu-Nationalisten. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit hatte das Oberste Gericht im vergangenen Jahr entschieden, dass der Tempel gebaut werden darf.

In diesem Jahr hat Ministerpräsident Modi mit einem 40 Kilogramm schweren Silberbarren den Grundstein für den Tempel gelegt. Ministerpräsident Modi habe Geschichte geschrieben, indem er den Tempelbau möglich gemacht habe, sagt Faizabadi. Er zeigt auch, dass die Hindu-Nationalisten auf dem Weg zur Hindu-Nation vorangekommen sind – auch mit Hilfe des Safran-Pops.

Till Fähnders

© FAZ 2021

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