Hilfe für Kriegsversehrte aus dem Nahen Osten

Das Krankenhaus für alle Kriege

In einer jordanischen Klinik behandeln Ärzte seit über zehn Jahren Patienten aus dem ganzen Nahen Osten. Hier entspannt sich das Leid aus fünf Kriegen. Philipp Breu hat sich dort umgesehen.

Die Haut auf ihren Händen und in ihrem Gesicht hat die Textur von geschmolzenem und wieder erstarrtem Wachs. Keine Poren oder Haare sind mehr auszumachen, zwischen den ungleichmäßigen Falten, die die 11-jährige wie eine Greisin aussehen lassen, ist die Haut glatt wie Plastik.

Am 28. Dezember 2008 hat sich das Leben für Redha und ihre Familie für immer verändert. Der Vater Hasan, seine vier Kinder und seine Ehefrau waren damals gerade zu Hause in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, als es auf den Straßen in ihrem Viertel zu Schießereien und Kämpfen kam.

Eine Kugel traf den gerade für die kalten Wintermonate prall gefüllten Gastank der Wohnung, eine große Explosion ließ die ganze Wohnung in Flammen aufgehen. Und die Haut Redhas und ihrer Geschwister. Die zwei jüngsten Brüder Redhas und die Mutter blieben nahezu unversehrt, der ältere Bruder und sie trafen die Flammen am heftigsten.

"Es war nur verbrannte Haut"

Heute sitzt der Vater Hasan mit seiner 11-jährigen Tochter Redha und dem 12-jährigen Sohn Wessam neben dem Spielplatz des "Al-Mowasah"-Krankenhauses in der jordanischen Hauptstadt Amman. Dass sie heute hier in Sicherheit sitzen können, ist vor allem der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" zu verdanken, die dieses Krankenhaus seit mittlerweile elf Jahren betreibt.

Das führende Krankenhaus für rekonstruktive plastische Chirurgie im Nahen Osten begann als Projekt irakischer Ärzte, die nach dem Beginn des Irakkrieges in das Nachbarland Jordanien kamen und ihr Wissen und zum Teil auch die Patienten mitbrachten. "So richtig Fahrt nahm der Betrieb dann auf, als der Aufstand islamistischer Gruppen in Irak ab 2007 seinen Höhepunkt erreichte und einige Jahre später in Ländern wie Libyen, Syrien und Jemen die Revolutionen in Bürgerkriege umschlug", sagt Maria al-Fadel, die Pressesprecherin des Krankenhauses. Heute kommen fast 40 Prozent der Patienten des Krankenhauses aus Irak, dicht gefolgt von syrischen und jemenitischen Patienten.

Die 11-jährige Redha und der 12-jährige Wessam gemeinsam mit ihrem Vater Hasan vor dem "Mowasah"-Krankenhaus in Amman; Foto: Philipp Breu
Bereits 18 Operationen hinter sich: Die 11-jährige Redha und der 12-jährige Wessam gemeinsam mit ihrem Vater Hasan vor dem "Mowasah"-Krankenhaus in Amman.

Allen Patienten, wie auch Hasan und seinen Kindern, geht ein Auswahlverfahren im Heimatland voraus, anschließend organisiert "Ärzte ohne Grenzen" in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium in Jordanien das benötigte Visum zur Anreise. Die meisten Patienten verbleiben im Schnitt vier bis sechs Monate am Stück in dem Krankenhaus, und da die verbrannten Leiber, nach Explosionen durch schlechte Behandlung falsch zusammengewachsenen Knochen oder amputierten Gliedmaßen eine jahrelange Therapiephase notwendig machen, kehren die meisten hierher zur Nachbehandlung zurück – im Schnitt drei Mal. Bezahlt wird alles – Reisen, Behandlungen, Medikamente und Klinikpersonal – ausschließlich durch Spenden.

"Meine beiden Kinder haben bisher 18 Operationen hinter sich – jeweils. Wir sind zum zweiten Mal hier, und sind sehr froh, dass wir hier in Sicherheit leben dürfen. Und natürlich, dass die Ärzte uns wieder ein normales Leben ermöglicht haben", sagt der 41-jährige Vater. "Nach der Explosion in unserem Zuhause haben uns teilweise unsere eigenen Nachbarn nicht einmal mehr die Hand geschüttelt. Alle dachten, wir hätten eine ansteckende Krankheit, aber es war nur verbrannte Haut."

Ruhe von der Apokalypse

Dr. Mukhallid ist einer der behandelnden Ärzte der "Al-Mowasah"-Klinik. An diesem Sonntagmorgen wird er den 14-jährigen Bassam aus Jemen operieren, auch er wurde an den Armen bei einer Explosion verbrannt. Nach der fast zweistündigen Operation sitzt der 42-jährige Iraker vor dem nächsten Termin einige Minuten in einem Nebenzimmer, bevor es an den nächsten Eingriff geht, bis zu fünf davon hat er an einem Tag.

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