Hetzkampagne gegen türkische Autorin Aslı Erdoğan

"Sätze, die ich nicht gesagt habe"

Seit zwei Jahren lebt die türkische Autorin Aslı Erdoğan in Deutschland. In der Türkei steht sie weiterhin vor Gericht. Nun sorgte ein falsch übersetztes Interview für eine Hetzkampagne gegen sie. Gerrit Wustmann hat mit ihr gesprochen.

Sie gaben kürzlich der italienischen Tageszeitung "La Republica" ein Interview, Teile daraus erschienen falsch übersetzt in "Le Soir" in Frankreich – danach begann in der Türkei eine Hetzkampagne. Was ist da geschehen?

Aslı Erdoğan: Die Reaktionen kamen von allen Seiten: Radikale, Rechte, Linke, Massenmedien. Es war eine landesweite Lynchkampagne.

Inwiefern haben denn Linke reagiert?

Erdoğan: Sie reagierten nationalistisch, genau wie die Rechten. Sie warfen mir vor, die Türkei schlechtzureden, um in Europa Zustimmung zu gewinnen.

Um welche Falschzitate ging es dabei?

Erdoğan: Ich sprach mit Marco Ansaldo von "La Republica". Die Türkei hatte gerade mit ihren jüngsten Angriffen in Syrien begonnen. Er war an der türkisch-syrischen Grenze, wo er mich schon vor einigen Jahren interviewt hatte, als ich zusammen mit anderen Autoren an einer Friedensdemonstration teilgenommen hatte. Er rief mich an und bat um ein Gespräch. Kriegszeiten sind überall hysterische Zeiten, in der Türkei ganz besonders. Also gab ich ihm ein für meine Verhältnisse zurückhaltendes Interview.

Er wollte wissen, woher die große Unterstützung für diesen Krieg in der Türkei kommt und warum sogar die Opposition dahintersteht. Ich sagte: um das zu erklären, müssen wir unser Bildungssystem betrachten, das sehr chauvinistisch und militaristisch ist. Wir begannen den Schultag, indem wir uns zum Türkentum bekannten. Und an einer Stelle sagte ich einen Satz, den kaum jemand beachtete: Dass wir den jungen Leuten erklären müssen, dass sie nicht für ein Land sterben, sondern für eine Regierung. Dann fragte er, weshalb das Parlament so sehr gegen die Kurden sei. Er versuchte, provokativ zu sein, ich versuchte, die Wogen zu glätten. Also sagte ich: Weil alle Parteien im Parlament dazu tendieren, alle kurdischen Organisationen als Terroristen zu betrachten.

Die Headline, unter der das Interview erschien, lautete, in Anführungszeichen, also als Zitat gekennzeichnet: "Wir werden gegen die kurdischen Feinde indoktriniert". Was ich gesagt hatte, war: Wir werden gegen den Feind indoktriniert. Einen abstrakten Feind. Ich korrigierte das in mehreren Interviews: In unserem Bildungssystem gab es keine Kurden, keine Armenier. Sie existierten nicht. Wir wussten nichts über sie. Diese Nichtbeachtung ist vielleicht sogar schlimmer als Hass. "Ich bin Türke, ich lebe für die Türkei" - ein Fünftel der Kinder, die das jeden Tag aufsagen mussten, waren Kurden.

Acht Tage später erschien die Übersetzung des Interviews in "Le Soir"...

Erdoğan: …Und innerhalb dieser acht Tage fand die Frankfurter Buchmesse statt. Und natürlich wurde ich auch dort zu der Situation in Syrien gefragt. Ich sagte: Ich schäme mich für das, was die Türkei tut. Danach kam ein türkischer Mann auf mich zu und sagte: Wir werden uns wiedersehen, Aslı Erdoğan!

Das klingt wie eine Drohung.

Erdoğan: Ich würde es nicht als Drohung bezeichnen. Ich kann keine Dinge sagen, die ich nicht belegen kann. Aber es fühlte sich so an. Und dann erschien "Le Soir", und sie übersetzten die ohnehin schon falsche Headline so: "Wir werden mit Kurdenhass indoktriniert". Und dann taucht ein furchtbarer Satz auf, den ich mit Sicherheit nie gesagt habe: "Alle Parlamentarier in der Türkei, ausgenommen die der HDP, sind Terroristen".

Hat sich "Le Soir" für diesen Fehler entschuldigt?

Erdoğan: Ja, man hat sich entschuldigt. Doch da hatte bereits "Sputnik" das Interview samt der Falschzitate ins Englische übersetzt. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine russische Interviewanfrage erhalten. Das war am Freitagabend. Am nächsten Morgen machten sieben oder acht türkische Zeitungen mit Überschriften wie "Verräterin" oder "Terroristenfreundin" auf und auch das türkische Bildungsministerium griff mich an.

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