Nachdem sich die beiden wegen des Umgangs mit den 2011 beginnenden Protesten immer weiter entfremdet hatten, konnte Tlass mithilfe des französischen Geheimdienstes Syrien verlassen. Dagher erzählte er bereitwillig über seine Zeit in den innersten Machtzirkeln. Natürlich hat Tlass eine Agenda, natürlich wird er nicht immer alles erzählt haben, schon um sich selbst nicht zu belasten. Das, was er jedoch erzählt hat, will der Autor gegenrecherchiert und verifiziert haben.

Regieren mit dem Schuh über den Köpfen der Menschen

Durch den Zugang zu Tlass und dessen großer Lust zur Indiskretionen gelingt es Dagher, das Psychogramm eines Diktators zu zeichnen, der anfangs von Komplexen und Ticks gehemmt ist, dann aber versucht, diese Handicaps durch übertriebene Männlichkeit, Härte und Zynismus zu kompensieren.

So räumt Dagher mit dem Zerrbild auf, das Assad so gerne von sich zeichnen ließ: das eines modern denkenden und fortschrittlich eingestellten Mediziners, der versehentlich in der Politik landete und nun nur ein wenig Zeit bräuchte, um Syrien zu öffnen und zu reformieren.

"Es gibt keinen anderen Weg, unsere Gesellschaft zu regieren, als mit dem Schuh über den Köpfen der Menschen", sagte Assad laut Tlass im Gegenteil bereits immer wieder, bevor er Präsident wurde. Und in diesem Geiste sollte er auch reagieren, als seine Herrschaft infrage gestellt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt ist aus dem schlaksigen jungen Mann, der lispelt und schnell einen roten Kopf bekommt, ein kühl kalkulierender Diktator geworden, der lieber sein Land zerstört, als die Macht zu verlieren. "Assad oder wir brennen das Land nieder" sollten seine Milizen deshalb auch immer wieder in den zurückeroberten Vierteln auf die Ruinen sprühen - in manchen Fällen verraten Widmungen auch viel über ihre Adressaten.

Moritz Baumstieger

© Süddeutsche Zeitung 2019

Sam Dagher: "Assad or We Burn the Country. How One Family's Lust for Power Destroyed Syria", Verlag Little, Brown and Co, Boston 2019

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