Heinrich-Heine-Preis für Amos Oz

Ein literarischer Brückenbauer par excellence

Der international renommierte israelische Schriftsteller Amos Oz wurde mit dem Heinrich-Heine-Preis ausgezeichnet. In seinem Werk vereine der 69-Jährige "literarische Kreativität, politische Sensibilität und humanistisches Engagement in einer Weise, die an Heine erinnert", so die Jury. Loay Mudhoon stellt den Literaten und Friedensaktivisten vor

​​ Einen besseren Preisträger für die angesehene Auszeichnung, die im Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt Düsseldorf vergeben wird, hätte die Jury wohl nicht finden können. Nicht nur, weil der auserkorene, israelische Schriftsteller Amos Oz zahlreiche, mehrfach preisgekrönte literarische Werke schuf, die ihm internationales Renommee brachten, sondern auch, weil die Preiskommission die "mutige Klarheit und Entschlossenheit, mit der er zwischen Israelis und Palästinensern Brücken zu bauen versucht" würdigen möchte – ganz im Sinne Heinrich Heines.

In seinen Werken wendet sich der selbsternannte "Fanatismusexperte" Oz einem Thema zu, das wie ein roter Faden sein gesamtes literarisches wie essayistisch-publizistisches Werk durchzieht: Ursachen und Konsequenzen des Fanatismus. Oder: Wie kuriert man Fanatiker? Vielleicht deshalb sieht sich der Schriftsteller bei Heine gut aufgehoben: "Heinrich Heine ist einer meiner Helden", erklärt Oz. Denn Heine habe die Menschen gelehrt, "dass Humor und Ironie die besten Mittel gegen Extremismus und Engstirnigkeit" sind. Der vom Judentum zum Christentum konvertierte Heine gehöre zu einer Zeit der Wunder in der jüdisch-europäischen Geschichte. Damals seien Europas Juden an die Universitäten und Akademien, in die Ateliers und Laboratorien geströmt und Teil des "Architekten-Teams" der Moderne geworden.

Nachdrücklicher Einsatz für den Frieden

Amos Oz setzt sich seit Jahrzehnten nachdrücklich für eine friedliche Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein: Bereits 1967 sprach er sich für die Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt aus. Er gehörte zu den Herausgebern der "Gespräche mit israelischen Soldaten", aus deren Kreis 1977 die israelische Friedensbewegung hervorging. 1982 kritisierte er den Libanon-Krieg und verurteilte neun Jahre später die europäische Friedensbewegung für ihr Eintreten gegen den Golfkrieg von 1990/91.

Cover Eine Geschichte von Liebe und Finsternis; Foto: Suhrkamp Verlag
Mit seinem Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" erzählt Oz in großen Teilen auch die Geschichte seiner eigenen Familie: seiner Eltern, Großeltern und deren Freundeskreis.

​​ In Israel löste Oz' Werk wegen seiner verhüllten wie unverhüllten gesellschaftskritischen Bezüge stets heftige Kontroversen aus: 1965 erschien sein erster Erzählband "Länder des Schakals", der die Bedrohung der Menschen im Kibbuz durch unheimliche Mächte, Gefahren, die Wildnis und den Tod thematisierte. Die Bedrohung des von sozialistisch-zionistischen Idealen getragenen Kibbuzlebens durch Missgunst und Egoismus im Innern und durch Feinde von außen verarbeitete Oz dann in seinem ersten Roman "Keiner bleibt allein". In seinem 1968 erschienen zweiten Roman "Mein Michael" brach Oz erstmals verschiedene Tabus im arabisch-jüdischen Verhältnis; dieser Roman avancierte zum Bestseller und verhalf ihm zum endgültigen literarischen Durchbruch. Auch die folgenden Romane und Erzählungen befassen sich in realistisch-dramatischer, teils in phantastisch-burlesker, teils in satirisch-komischer Weise mit der jüngeren gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Befindlichkeit Israels.

Literatur als eine Brücke zwischen Völkern

Für Oz ist die Literatur "eine Brücke zwischen Völkern". "Ich glaube, Neugier kann eine gute Eigenschaft sein. Sich in andere Menschen hineinzuversetzen ist ein gutes Mittel gegen Fanatismus. Wer sich in andere hineinversetzt, ist nicht nur ein besserer Geschäftsmann oder ein besserer Liebhaber, sondern insgesamt ein besserer Mensch", so Oz. Die jüdisch-arabische Tragödie liege zum Teil an der Unfähigkeit vieler Juden und Araber, "sich in den anderen hineinzuversetzen, sich wirklich einzufühlen – in seine Liebe, seine schreckliche Angst, seine Wut, seine Leidenschaft. Zu viel Feindseligkeit ist zwischen uns, zu wenig Neugier", betont Oz.

Amos Oz hilft 2002 bei der Olivenernte in Palästina; Foto: AP
Im Jahr 2002 hilft Amos Oz Palästinensern bei der Olivenernte in Nablus. Für den Schriftsteller ist nur ein Frieden möglich, wenn es gelingt, die Fanatiker auf beiden Seiten in Schach zu halten.

​​ Nach seiner Einschätzung kann dieser Konflikt nur mit Hilfe europäischer Werte wie Rationalität, Pragmatismus und Toleranz gelöst werden: "Fast jeder Israeli und fast jeder Palästinenser weiß im Grunde seines Herzens, wie ein möglicher Kompromiss inhaltlich aussehen kann. Der Konflikt wird von Fanatikern auf beiden Seiten am Leben gehalten. Wenn es uns gelingt, die Fanatiker in Schach zu halten, finden wir uns selbst in der Lösung eines Streits um Grund und Boden wieder, nicht in einem Heiligen Krieg."

Die Rolle von Schriftstellern im heutigen Israel sieht Oz mit nüchterner Gelassenheit: "Israel ist wahrscheinlich das einzige Land der Welt, wo ein Premierminister einen Schriftsteller zu sich einlädt, wenn er ein tiefgründiges Gespräch führen will. Er bewundert die Antworten und ignoriert sie völlig."

Loay Mudhoon

© Qantara.de 2008

Der alle zwei Jahre vergebene Heine-Preis – einer der bedeutendsten Literaturauszeichnungen Deutschlands – erinnert an den in Düsseldorf geborenen Schriftsteller Heinrich Heine, der von 1797 bis 1856 lebte. Der Preis wird an Persönlichkeiten verliehen, die durch ihr geistiges Schaffen im Sinne der Grundrechte des Menschen, für die sich Heinrich Heine einsetzte, den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten.

 

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