Heiner Bielefeldt

Zwei Formen des Säkularismus

In seiner Antwort auf Bahmanpour unterscheidet Heiner Bielefeldt zwei Formen des Säkularismus: Nur eine davon stellt die Wertesysteme der Religionen in Frage

Ich möchte in meiner Antwort zwei Punkte aufgreifen, der eine betrifft den Säkularismus, der andere die Idee sogenannter 'Islamischer Menschenrechte'. Zunächst lassen Sie mich zwei Begriffe von Säkularismus unterscheiden: einen ideologischen und einen politischen. Zwischend diesen beiden Begriffen besteht ein großer Unterschied, und dieser Unterschied ist prinzipieller und nicht gradueller Natur.

Ihre Anmerkungen zum Säkularismus scheinen davon auszugehen, dass es sich beim Säkularismus um eine Art post-religiösen Glauben handelt: ein eigenständiges Glaubenssystem, das sich vielleicht auf die Wissenschaft stützt. Eine derartige Form von Säkularismus gab es zweifellos - sie war typisch für europäische Intellektuelle des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel für George Holyoake, der in England die Secular Society gründete. Diese Gesellschaft war ein wunderbares Beispiel für ein säkulares Glaubensbekenntnis, sie hatte sogar ihren eigenen religiösen Slogan: "Wissenschaft ist die Vorsehung des Menschen." Sie hatte ihre eigenen Dogmen, Andachtsorte, Liturgien und Rituale. Man könnte noch weitere Beispiele nennen für einen post-religiösen säkularistischen Glauben, eigens dafür geschaffen, Religionen zu ersetzen. Es ist vollkommen klar, dass sich Religionen mit dieser Art von Säkularismus nicht anfreunden können.

Aber wenn wir heute von Säkularismus sprechen, beziehen wir uns meistens auf etwas anderes. Wir meinen ein institutionelles Gerüst, um die Religionsfreiheit als ein Menschenrecht zu sichern. Systematisch gesehen bedeutet Religionsfreiheit, dass jeder Bürger ein Anrecht auf den gleichen Respekt für seine religiösen Überzeugungen hat. Der Staat darf sich dann nicht mit einer Religion auf Kosten anderer identifizieren. Denn das würde zu einer Diskriminierung jener führen, die nicht dem vorherrschenden Glauben anhängen.

Um nun Religionsfreiheit als ein universelles Menschenrecht durchzusetzen, haben europäische Gesellschaften auf viele verschiedene Weisen das eingeführt, was ich 'politischen Säkularismus' nenne. In manchen Fällen, wie zum Beispiel bei der Church of England, ließ sich das sogar mit der Erhaltung symbolischer Traditionen vereinbaren. Aber es muss darauf hinauslaufen, dass der rechtliche Status des Bürgers unabhängig ist von seiner Religionszugehörigkeit.

Wir neigen dazu, diese beiden Formen von Säkularismus durcheinanderzubringen. Aber selbst die christlichen Kirchen haben, nach einer langen Zeit erbitterten Widerstands, die Prinzipien des politischen Säkularismus akzeptiert. Es dauerte Generationen, bis sie einsahen, dass dieser nicht die Manifestation eines ideologischen, post-religiösen Glaubenssystems ist. Meine Frage an Sie lautet also: Glauben Sie, dass diese Spielart des Säkularismus, die ich 'politisch' nenne, von einem Islamischen Standpunkt aus angenommen werden könnte?

Auch in den arabischen Ländern hat es natürlich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Diskussionen über den politischen Säkularismus gegeben. Ein berühmter ägyptische Autor, Ali Abd al-Raziq, hat im Jahr 1925 ein Buch veröffentlicht, in dem er eine Strategie des politischen Säkularismus für den Islam skizziert. Er verlor seinen Lehrstuhl an der Universität Kairo, aber sein Buch wurde immer wieder neu aufgelegt.

Der zweite Punkt, den ich ansprechen möchte, betrifft den von Ihnen erwähnten Islamischen Menschenrechtsbegriff. Worin könnte der bestehen? Ein solcher Begriff ist eingeflossen in Dokumente wie die Kairoer Erklärung der Menschenrechte, die die Außenminister der Mitgliedsländer der Islamischen Konferenz im Juni 1990 verabschiedet haben. Dieses Dokument halte ich aber für problematisch, denn es stellt die Menschenrechte unter den Vorbehalt, dass sie mit der Islamischen Scharia kompatibel sein müssen. Das hört sich dann etwa folgendermaßen an:

'Das Recht auf Leben wird geschützt - wenn die Scharia dies zulässt. Das recht auf körperliche Unversehrtheit wird garantiert - wenn es der Scharia nicht widerspricht. Meinungsfreiheit - im Rahmen der Scharia.'

Von Religionsfreiheit ist in dem Dokument keine Rede, die Gleichheit von Mann und Frau wird auf den vagen Begriff einer 'gleichen Würde' beschränkt - 'gleiche Rechte' für die Geschlechter kommen nicht vor.

Meine Frage an Sie lautet also: Was meinen Sie mit 'Islamischen Menschenrechten'? Beziehen Sie sich auf diese ideologischen Konstrukte, deren Zweck meiner Ansicht nach darin besteht, die bestehenden Standards, wie sie von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden, zu unterlaufen? Oder beziehen Sie sich auf Bemühungen, von einem Islamischen Standpunkt aus diese bestehenden Standards anzunehmen? Letzteres würde ich begrüßen. Es muss für Menschen unterschiedlicher religiöser Standorte möglich sein, universelle Menschenrechte mit ihren Handlungsweisen und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Dokumente wie die Kairoer Erklärung bringen uns nicht voran, denn sie tendieren dazu, gerade die Gültigkeit universeller Rechte zu unterminieren.
Teil 4: Mohammad Saeed Bahmanpour: Das Tempo der Veränderungen

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