Heiner Bielefeldt

Identität und Spielräume

In seinem abschließenden Statement wendet sich Heiner Bielefeldt gegen ein politisches Primat der kulturellen Identität. Menschenrechte gewährleisten Spielräume für die Entfaltung unterschiedlicher Identitäten

Das ist eine komplizierte Frage. Wie es aussieht, sind Ihre Fragen nicht leichter zu beantworten als meine! Ich stimme dem zu, was Sie wohl andeuten wollen: Das Pendel scheint zurückzuschwingen. Das hat mit der Identitätskrise in den betreffenden Ländern zu tun. Ich habe immer schon große Probleme damit gehabt, Politik im Zusammenhang mit Fragen der Identität zu betrachten. 'Identitätspolitik', egal ob man sie in religiösen oder nationalistischen Begriffen definiert, kann sehr leicht autoritäre Züge annehmen. 'Wir' definieren 'unsere' Identitäten - manchmal unter Rückgriff auf erfundene 'Wurzeln' - gegen vermeintlich deformierende Einflüsse von anderen, die uns bedrohen. Das garantiert uns ein Gefühl von Authentizität.

Die Lebenswirklichkeit ist in allen Gesellschaften sehr komplex geworden. Eine 'authentische kulturelle Identität' in dem skizzierten Sinne ist deshalb gar nicht mehr möglich. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, in der Einflüsse verschiedener kultureller Herkunft einander durchdringen. Der Begriff der Identität kann hier allzu leicht von einem falschen Begriff kultureller Reinheit begleitet werden, der wiederum eine hochgefährliche Form des Autoritarismus hervorbringt. Authentizität, Identität, Reinheit, das sind äußerst gefährliche Begriffe - vielleicht nicht, wenn man die Gesellschaft von einem persönlichen oder auch von einem soziologischen Gesichtspunkt aus betrachtet: da mögen sie ihre Berechtigung haben. Aber immer dann, wenn es um ihre zentralen Normen und Werte geht.

Sie sagen, dass Leute sich von außen unter Druck gesetzt fühlen, bestimmte Werte anzunehmen. Wenn wir uns den Menschenrechten zuwenden, so muss man feststellen, dass es sich dabei nicht um ein umfassendes Wertesystem handelt. Die Menschenrechte bilden zusammengenommen keine Religion, Weltanschauung oder geschlossene Ideologie. Sie sind nicht mal ein vollständiger Satz von Werten - wenn man Werte als Richtlinien versteht, nach denen man sein Leben ausrichtet, um es dem Ideal eines guten Lebens anzupassen.

Jemand kann beispielsweise Mönch werden und sein Leben auf sehr asketische Weise führen. Menschenrechte verbieten ihm diese Option ebensowenig wie irgendeinen anderen Lebensstil. Im Gegenteil, das ganze Programm geht darum, die Bedingungen zu schaffen, die gewährleisten, dass jeder die gleichen grundlegenden Rechte hat und seine eigenen Entscheidungen treffen kann, frei von irgendeiner Art von Zwang durch andere. Dies sind die Grundprinzipien einer friedlichen Koexistenz im öffentlichen Leben.

Außerdem muss man sagen, dass das Programm der Menschenrechte einen Weg zur Strukturierung einer offenen Debatte darstellt, in der wir erst die Spielräume verschiedener Lebensweisen erkunden können. Manchmal behaupten unsere Amerikanischen Freunde, dass sie sich für Menschenrechte einsetzen, und im nächsten Atemzug geht es dann um den 'American way of life'. Das kann zu Absurditäten führen. Wenn wir von Menschenrechten sprechen, müssen wir klare Unterscheidungen treffen und unsere Diskussionen auf Prinzipien stützen.

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