Das Versagen der Gerichte

Human Rights Watch hat im Jahr 2010 über 100 Urteile libanesischer Gerichte untersucht, die ausländische Hausangestellte betrafen.

In dem Bericht der Menschenrechtsorganisation heißt es, dass das libanesische Justizsystem die Rechte migrantischer Haushaltshilfen nicht schütze und die Strafverfolgungsbehörden bei Verdacht auf Missbrauch und Gewaltanwendung nicht ausreichend ermittelten.
 
Für Hausangestellte ist die Lage im Vergleich zu anderen Arbeitskräften besonders schwierig. Viele von ihnen werden im Haus ihrer Arbeitgeber eingesperrt. Sie werden gezwungen, sieben Tage die Woche und bis zu 20 Stunden täglich zu arbeiten und dürfen keinen Kontakt zur Familie im Heimatland halten. Gehälter werden nicht ausgezahlt. Meist haben die Hausangestellten keine Privatsphäre und müssen im Wohnzimmer, in der Küche oder sogar auf dem Balkon schlafen. Körperliche und verbale Gewalt sind weit verbreitet.

Die betroffenen Frauen leiden derart unter der Situation, dass sie jede Möglichkeit zur Flucht wahrnehmen. Selbst wenn das bedeutet, vom Balkon zu springen und schwere Verletzungen oder sogar den Tod zu riskieren.

Laut Human Rights Watch stirbt im Libanon eine ausländische Haushaltshilfe pro Woche eines nicht natürlichen Todes. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich sogar höher. Die häufigsten Todesursachen sind dabei Selbstmord und Unfälle bei der riskanten Flucht.

„Alle Verantwortlichen – die libanesischen Behörden, die Botschaften der Heimatländer von Arbeiterinnen, die Arbeitsvermittlungsagenturen und die Arbeitgeber – müssen sich fragen, was diese Frauen dazu bringt, Selbstmord zu begehen oder auf der Flucht ihr Leben zu riskieren“, sagt Nadim Houry, Forschungsleiter bei Human Rights Watch.
 
Unbarmherzig wird auch mit jenen Arbeiterinnen umgegangen, die den Sturz vom Balkon überlebt haben oder erfolgreich geflohen sind. Wenn die Polizei sie aufgreift, werden sie in Gewahrsam genommen und dann zu ihrem Arbeitsplatz zurückgebracht. Dort geht die Misshandlung dann weiter.
 

Kleine Fortschritte

So trostlos die Situation für migrantische Haushaltsangestellte auch erscheint, so sind sie doch nicht allein mit ihrem Schicksal. Mehrere Nichtregierungsorganisationen geben wertvolle Unterstützung. Und tatsächlich konnten schon so einige Erfolge errungen werden.
 
Vor einigen Jahren verklagte eine aus dem Ausland stammende Hausangestellte ihren Arbeitgeber, als dieser sich weigerte, ihr den Reisepass auszuhändigen – unter dem Vorwand, sie habe ihren Arbeitsvertrag noch nicht erfüllt. Das Gericht entschied zugunsten der Klägerin; der Arbeitgeber habe das Recht der Frau auf Freizügigkeit eingeschränkt.
 
Außerdem habe der libanesische Staat eine Standardvorlage für den Arbeitsvertrag zwischen Hausangestellten und ihren Arbeitgebern eingeführt, sagt Ramy Shukr, Programmbeauftragter bei Anti-Racism Movement (ARM), einer libanesischen Nichtregierungsorganisation. „Arbeitgeber und Migrantinnen lesen allerdings nur selten den Vertrag. Außerdem ist er nicht in der Muttersprache der Migrantinnen verfasst“, sagt er.
 
ARM hat im Libanon mehrere Zentren für Arbeitsmigranten eingerichtet, in denen die Hausangestellten Gemeinschaft erfahren und Unterstützung finden. Die Zentren organisieren Workshops über die Rechte und Pflichten von Arbeitsmigranten und klären über Fragen der Sicherheit auf. Sie bieten Computerkurse sowie Unterricht in Arabisch, Englisch und Französisch an. „Jeder Migrant und jede Migrantin sollte politische Rechte haben“, sagt Shukr.
 
Weiter sagt er, dass die Öffentlichkeit mittlerweile mehr Verständnis dafür habe, wie verwundbar gerade Hausangestellte seien und wie oft sie ausgebeutet werden. Aber Libanons Hausangestellte wollen nicht darauf warten, dass die Regierung das Kafala-System abschafft und ihnen die gleichen Arbeitsschutzrechte wie allen anderen zuspricht. Sie nehmen die Dinge selbst in die Hand. Immer häufiger melden sie sich mit ihren Anliegen zu Wort und fordern öffentlich ihre Rechte ein.
 
*Die Namen wurden zum Schutz der Interviewpartner geändert.

 

Übersetzung: Jana Duman

Copyright: Goethe-Institut/Perspektiven 2019

 

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