Hassrede in Deutschlands Sozialen Medien

Muslimische Stipendiaten als Zielscheibe von Islamophobie

Ein Tweet, ein Bild, schon bricht sich der Hass Bahn. Wie schnell Muslime im Netz mit Anfeindungen rechnen müssen, erlebten islamische Stipendiatinnen und Stipendiaten des Begatenförderungswerks Avicenna nach einem digitalen Treffen mit dem CDU-Politiker Norbert Röttgen. Von Peter Hille

Nada Knani und ihre Mit-Stipendiaten hatten sich gut vorbereitet. Vor dem digitalen Treffen mit dem CDU-Politiker Norbert Röttgen bearbeiteten die Studentinnen und Studenten in Kleingruppen ihre Themen: Umweltpolitik, die CDU nach der Ära Merkel, die Bewältigung der Corona-Krise – sie hatten viele Fragen.

Was die Stipendiaten des muslimischen, vom deutschen Staat geförderten Avicenna-Studienwerks nicht erwartet hatten, war, dass sie nach ihrem Gespräch im Internet angefeindet würden, dass Hass und Hetze über ihnen ausgeschüttet würden. Was war passiert? Norbert Röttgen hatte ein Bild des digitalen Treffens mit den Studierenden in den sozialen Netzwerken gepostet. Auf dem Bild waren 25 junge Menschen zu sehen, einige Frauen trugen Kopftuch.

"Nachdem es einmal angefangen hatte, wussten wir, dass es nicht mehr aufhört", erzählt Nada Knani der Deutschen Welle am Telefon. Die 22-jährige Stipendiatin hatte das Treffen mit Röttgen am 7. Februar 2021 vorbereitet. "Es kamen dann immer mehr Kommentare, viele waren voller Hass. So etwas wird in rechten Gruppen geteilt, dort verabredet man sich. Das war ein Inferno."

Knani und ihre Kommilitonen bitten Röttgen daraufhin, die Namen der Stipendiaten im Bild unkenntlich zu machen. Röttgen löscht daraufhin Posts, die auf die Identität der Stipendiaten schließen lassen. "Es ist unglaublich, mit welchem Hass junge Menschen aufgrund ihres Glaubens überzogen werden", schreibt er. "Ich fand unser Gespräch sehr bereichernd und empfehle jedem den Austausch!"

 

 

Doch Hass und Häme fließen weiter. Für manche reicht schon das Tragen eines Kopftuches, um nicht länger als Mensch betrachtet zu werden. Bei Nada Knani und vielen ihrer Kommilitoninnen bleibt das ungute Gefühl: "Egal was man erreicht, wie viel man investiert in seine Bildung, in seine Karriere: Man wird darauf reduziert, Muslimin zu sei. Man ist nur die Frau mit Kopftuch." Man werde gebrandmarkt und nicht mehr als Individuum betrachtet, so Knani.

 
Stark verbreitete Vorbehalte gegen den Islam
 
"Gerade Muslime, die auch äußerlich als solche erkennbar sind, sind solchen Anfeindungen besonders ausgesetzt, etwa, weil sie ein Kopftuch tragen", sagt Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung. "Und das ganz unabhängig davon, wie gut sie in der Gesellschaft angekommen sind. Damit sind viele Muslime in Deutschland von Klein auf konfrontiert."
 
El-Menouar leitet das Projekt Religionsmonitor, dass sich mit Religion und gesellschaftlichem Zusammenhalt befasst. In Umfragen stellen sie und ihre Kollegen stark verbreitete Vorbehalte gegen den Islam fest. "Seit zehn Jahren hat sich in Deutschland bei der Hälfte der Bevölkerung eine Islam-Skepsis festgesetzt. Und das führt häufig dazu, dass Vorbehalte gar nicht mehr als Vorbehalte erkannt werden."
 
In diesem Klima werde Muslimfeindlichkeit offener und freier artikuliert. "Da spielt sicher auch das Internet eine Rolle, weil dort die allgemeinen gesellschaftlichen Umgangsregeln im Grunde außer Kraft gesetzt sind", so El-Menouar.
 

Dass Worten im Internet schnell Taten folgen können, wurde etwa beim Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 deutlich. Aus Rassismus tötete ein Mann neun Menschen mit Migrationshintergrund, zuvor hatte er seine Hass-Gedanken in einem Manifest im Internet veröffentlicht.

"Deshalb ist wichtig, dass wir deutlich machen: Wir nehmen es nicht hin, wenn im Netz gehetzt wird", sagt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz.

"Die Strafverfolgungsbehörden müssen in der Lage sein, solche schweren Fälle von Beleidigung und Verleumdung auch in den Sozialen Medien frühzeitig und von Amts wegen zu verfolgen. Es darf nicht darauf ankommen, dass die Opfer, die Betroffenen, selbst Anzeige erstatten. Da muss die Staatsanwaltschaft von sich aus ermitteln." Das erhöhe den Druck auf die Verbreiter von Hass und Hetze.

Neues Gesetz gegen Hassrede

Mit dem neuen Gesetz gegen Hassrede soll dies leichter möglich sein. Die Bundesregierung habe das Thema zudem mit dem Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus auf die höchste politische Ebene gezogen, sagt Widmann-Mauz. Man plane zudem die Einrichtung einer Hilfs-Hotline für Betroffene und die Erhebung weiterer Daten für ein Rassismus-Barometer.

Plakate mit islamfeindlichem Motiv. Foto: Marijan Murat/dpa/picture-alliance
Muslimfeindlichkeit wird heute offener und freier artikuliert: "Seit zehn Jahren hat sich in Deutschland bei der Hälfte der Bevölkerung eine Islam-Skepsis festgesetzt," sagt Yasemin El-Menouar, Leiterin des Projekts Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. "Das führt häufig dazu, dass Vorbehalte gar nicht mehr als Vorbehalte erkannt werden. Man muss Begegnungen ermöglichen, diese Themen früh ansprechen, schon in der Schule. Das passiert immer noch zu wenig."

Mit Blick auf die Erfahrung der Avicenna-Stipendiaten sagt Widmann-Mauz: "Wir müssen diese Form von Muslimfeindlichkeit noch viel stärker bekämpfen, damit Menschen sich nicht einschüchtern lassen, wenn sie ihren Glauben leben." Die Integrationsbeauftragte hofft auf weitere konkrete Vorschläge, die ein Expertenkreis Muslimfeindlichkeit der Bundesregierung im nächsten Jahr vorlegen soll.

Ihm gehört auch Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann-Stiftung an. Sie unterstreicht eine weitere Erkenntnis aus ihren Studien: Menschen mit persönlichen Kontakten zu Muslimen  haben weniger Vorbehalte. "Man muss Begegnungen ermöglichen, diese Themen früh ansprechen, schon in der Schule. Das passiert immer noch zu wenig."

Für Nada Knani, die in Duisburg Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik studiert, war es das erste Mal, dass sie so massiv Anfeindungen ausgesetzt war. Die gläubige Muslimin trägt kein Kopftuch, sie ist in Regionen aufgewachsen, in denen viele Menschen eine Migrationsgeschichte hatten. Doch unter ihren Mitstipendiaten sind viele, die bereits ähnliche Erfahrungen machen mussten.

 

 

"Akzeptanz ist kein Almosen"

Das bestätigt auch Hakan Tosuner, Geschäftsführer des Avicenna-Studienwerks. "In diesem Ausmaß haben wir das noch nicht erlebt", sagt Tosuner am Telefon. "Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis auch uns der Islamhass trifft."

Auch er hatte am digitalen Treffen mit Norbert Röttgen teilgenommen. "Wir waren alle schockiert und frustriert. Wir haben eigentlich etwas ganz Normales gemacht, etwas, das junge Menschen in Deutschland tun sollten: sich mit Politikern und Entscheidungsträgern auszutauschen, in einen konstruktiven, kritischen Dialog zu treten. Deshalb ist es einfach traurig, dass unser Gespräch auf Social Media solche Folgen hatte."

Welche Konsequenzen zieht Nada Knani aus der Erfahrung, dass sie im Netz Hass auf sich ziehen kann, sobald sie dort als Muslimin sichtbar wird? "Man sollte sich nicht verstecken", sagt die Stipendiatin, "aber auf der anderen Seite gibt es eben diese hasserfüllten Menschen vor ihren Bildschirmen. Das macht es schwer. Aber wir müssen lernen, selbstbewusst damit umzugehen. Wir sollten nicht aus einer Position der Angst heraus um Toleranz bitten. Akzeptanz ist kein Almosen, wir können sie einfordern."

Peter Hille

© Deutsche Welle 2021

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