Es geht nicht mehr, die nächste Station ist Serbien. Dort sind die Lager voll, die Familie schläft in einer Bauruine, draußen verwandeln die Schneeflocken Belgrad in eine weiße Winterlandschaft. Auf der nächsten Station, dem Flüchtlingslager Krnjaca, kann man sich für die Weiterreise nach Ungarn registrieren lassen.

Das dauert lange, aber eine neuerliche illegale Grenzüberquerung wollen sie sich ersparen. Unbeschwerte Winterbilder könnten das sein, mit Schneemännern, Schneeballschlacht und Silvester-Feuerwerk. Aber das Warten nimmt kein Ende, Wochen, Monate vergehen, schließlich verbringen sie hier über ein Jahr. Wir sehen wie die Töchter heranwachsen, Narges zu Michael Jacksons "Black and White" tanzt und Fatima Fahrrad fahren lernt. 

Mehr als eine Handy-Dokumentation

Zwar gibt es schon einige Dokumentationen, die mit Handy-Videos von Geflüchteten arbeiten. So zum Beispiel die WDR-Dokumentation "Meine Flucht/ My Escape", die sechsteilige Flucht-Dokumentation "The Journey" oder der vom Guardian produzierte Film "Escape from Syria: Rania's Odyssey".

Alles beeindruckende Zeitdokumente, aber "Midnight Traveller" ragt heraus: Es ist nicht nur ein Film, der die Torturen der Flucht dokumentiert. Sondern zugleich ein unterhaltsamer und schöner Film. Das liegt an Hassan Fazilis herausragendem Auge als Filmemacher. Es sind viele kleine Momente, Details, Stimmungen, Sonnenuntergänge, kleine Alltagsszenen der Familie, Momente des Glücks und der Freude, der Charme und der Witz dieser Familie.

Die Flucht als abenteuerlicher Familienausflug? Die ältere Tochter Narges ist so lebenslustig und neugierig auf dieser Reise, dass es manchmal fast so scheinen mag. Trotz der vielen Anstrengungen gibt es nur eins, was sie wirklich aus der Fassung bringt: "Mir ist langweilig" bricht es einmal aus ihr heraus, und das ist für sie das Schlimmste.

Unablässig wird gefilmt, jeder Schritt dieser Reise wird gleichzeitig zum filmischen Erlebnis. Vielleicht wird sie dadurch auch ein wenig erträglicher. Privatsphäre für die Familie gibt es so aber nicht.

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