Hermann-Hesse-Preisträger 2022 Hakan Günday ist einer der spannendsten Autoren der jungen türkischen Literaturszene. Mit "Verlust“ hat er einen so radikalen wie nachdenklichen Roman über ein Land im militärischen Dauerkonflikt geschrieben.

Hakan Gündays Roman "Verlust"
Die Geister der Armee

Hermann-Hesse-Preisträger 2022 Hakan Günday ist einer der spannendsten Autoren der jungen türkischen Literaturszene. Mit "Verlust“ hat er einen so radikalen wie nachdenklichen Roman über ein Land im militärischen Dauerkonflikt geschrieben. Gerrit Wustmann hat ihn gelesen.

Der Name Orhan Pamuk ist in Deutschland auch über literarisch interessierte Kreise hinaus ein Begriff. Das liegt in erster Linie am Nobelpreis. Würde man auf der Straße fragen, wer der aktuelle Träger des Hermann-Hesse-Preises ist, müssten die meisten Befragten wahrscheinlich passen. Der mit 20.000 Euro dotierte Internationale Hesse-Preis hat zum Ziel, den Blick auf Werke und Autoren zu lenken, die noch keine große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, wenigstens in Deutschland. In der Türkei ist der 1976 geborene Hakan Günday (der den Hesse-Preis 2022 gemeinsam mit seiner Übersetzerin Sabine Adatepe erhält) ein Kultautor, eine radikale, junge Stimme, deren Bücher der Generation der Gezi-Proteste aus der Seele sprechen.

Günday "sucht in seinem literarischen Schaffen nach der Antwort individueller Potenzialentfaltung im Angesicht kollektiver, gesellschaftlicher Repression“, heißt es in der Begründung der Jury, und weiter: "Dabei ist er eindringlich und provokant in seiner Sprache und zeichnet mit seinen Worten Bilder, vor denen man die Augen nicht verschließen kann. Er fordert seine Leserinnen und Leser dazu auf, genau hinzusehen, gesellschaftliche Missstände zu hinterfragen und an scheinbar festgeschriebenen Normen zu zweifeln.“ Zehn Romane hat Günday seit seinem im Jahr 2000 erschienenen Debüt "Kinyas ve Kayra“ vorgelegt, drei davon liegen in Adatepes sensibler Übersetzung auf Deutsch vor, gerade erst ist bei BtB sein Roman "Verlust“ erschienen (im Original 2009).

"Die letzte Stunde der Wache war mit Schreiben vergangen, jetzt war das Sterben an der Reihe“, heißt es an einer Stelle. Protagonist Asil, knapp zwanzig Jahre alt, steht bei bitterer Kälte, die auch dem Leser bald in die Knochen kriecht, auf einem Wachturm am Rand eines kurdischen Dorfes. Er versucht, die Zeit totzuschlagen, indem er seine Erfahrungen in einem kleinen schwarzen Notizbuch festhält, das er stets bei sich trägt.

Brutaler Drill, uniformierte Dummheit und toxische Männlichkeit

Tatsächlich verkörpert die Figur des Asil einige autobiographische Elemente seines Autors: Wie Günday hat er sein Studium abgebrochen, wie Günday hat er mit der Sinnlosigkeit des Wehrdienstes zu kämpfen. Günday brachte der Roman damals eine Anzeige wegen Verunglimpfung der Armee ein (wobei wohl jeder ehrliche Text über jede Armee der Welt von dieser als Verunglimpfung verstanden werden dürfte), zu einer Anklage kam es allerdings nicht. Das waren noch andere Zeiten damals, Zeiten des Aufbruchs, der demokratischen Reformen und der Hoffnung auf eine EU-Mitgliedschaft.

Wenige Jahre später sollte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Türkei in einen repressiven Polizeistaat verwandeln, der seine Gegner gnadenlos verfolgt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kolleginnen und Kollegen ist Günday bislang in der Türkei geblieben. Ob eine Anzeige heute ähnlich glimpflich ausginge, darf aber bezweifelt werden.

Cover von Hakan Gündays "Verlust"; Übersetzung ins Deutsche von Sabine Adatepe (Quelle: btb)
Orientalistische Stereotype bei den Buchcovern: Es gibt seit Jahren einen Trend in deutschen Publikumsverlagen, den Büchern völlig beliebige, austauschbare Cover zu verpassen. Handelt es sich um ein Buch eines türkischen Autors (oder auch ein Buch aus einem anderen islamisch geprägten Land) ist es, nicht immer, aber doch deutlich zu oft, eine Moschee, die den Umschlag "ziert“. Das ist, als würde jedes Cover einer in der Türkei erscheinenden Übersetzung deutscher Bücher eine Kirche zeigen. Diese Mischung aus Exotismen und Orientalismen ist nicht mehr zeitgemäß und tut weder Buch noch Autor einen Gefallen.

Asil steht also bei Minusgraden, dick eingemummt und trotz Rauchverbot mit einer Zigarette im Mundwinkel auf dem Wachturm – und denkt über Selbstmord nach. Da hat er längst das ganze Programm an brutalem Drill, uniformierter Dummheit und toxischer Männlichkeit erlebt, das wohl ebenfalls in allen militärischen Strukturen heimisch ist, in der Türkei aber nochmal eine besondere Tradition hat.

Wenn ein Kind nicht zur Schule geht, stellt Asil fest, ist das kein Problem. Aber wer nicht zur Armee will, der muss sich mit 15.000 Lira freikaufen. Was natürlich gerade für die ärmeren Schichten kaum möglich ist. Dumm sein, folgert er, ist okay, das stört den Staat nicht. Solange man ihm nur mit der Waffe dient.

Der Geist des Atatürk-Attentäters

Ganz so allein ist Asil in diesen Nächten allerdings nicht. Immer wieder besucht ihn der Geist von Atatürk-Attentäter Ziya Hurşit, der 1926 in Izmir hingerichtet wurde.

Ziya Hurşit ist eine historische Figur, dessen Leben, Persönlichkeit und Beweggründe Günday mit Fiktion füllt. Im Original ist der Titel des Romans ein Wortspiel: "Ziyan“ bedeutet soviel wie "Dein Ziya“, lässt sich aber eben auch mit "Verlust“ übersetzen.

Asil lauscht, Ziya erzählt: Von seinem Leben im kriegsgeschüttelten Deutschland, wo er mit den Dadaisten abhängt und das Originalmanuskript von Nietzsches "Ecce Homo“ stiehlt, von der Gefangennahme seines Vaters, von der Rückkehr in die Türkei, wo er sich Atatürks Revolution anschließt, bis hin zur Abkehr von Mustafa Kemal und der Planung des Attentats.

Er erzählt, wie er schwankt zwischen Verehrung des Republikgründers und Entsetzen über dessen hirnlose Vergötterung durch seine Anhänger (die bekanntlich bis heute oft völlig unkritisch anhält und der Vergötterung Erdogans unter den Anhängern der Regierungspartei AKP in nichts nachsteht).

Er nimmt auseinander, wie das erste Parlament der Türkei völlig inhaltsleer vor sich hin regiert, einzig ausgerichtet am Heiligenschein Mustafa Kemals. Das steht auch symbolisch für ein Problem, an dem sich in der Türkei seither nicht viel geändert hat: Politische Bewegungen florieren meist, solange sie schillernde Führungsfiguren haben und brechen sofort in sich zusammen, wenn diese Figuren weg sind.

Die Erbärmlichkeit des Patriarchats

Asil lauscht und fürchtet den Moment, wenn sein tyrannischer Offizier Ekber hereinschneit, ihn beim Rauchen oder in einer krummen Haltung erwischt und ihm aus reinem Sadismus weitere vier Stunden in der Eishölle aufbrummt. Oder Liegestützen im Schnee. Dabei steht dieser Ekber, dessen Name "der Große“ bedeutet, wie in "Gott ist groß“, auch symbolisch für die Erbärmlichkeit des Patriarchats: "Der Mann ist ein Unfall der Natur, der die Frau hasst, aber sich trotzdem um sie reißt und, wo er sie erwischt, mit Fäusten prügelt. Alles ist kleiner als sein Schwanz“, so sagt er selbst. "Sein Verstand, sein Herz, seine Menschlichkeit, alles, was er hat...“

In "Verlust“ verzichtet Hakan Günday weitgehend auf die mitunter krassen Gewaltorgien, die sich in vielen seiner anderen Bücher finden. Die Gewalt ist aber dennoch steter Begleiter der Figuren und der Leser: Sie brodelt unter der Oberfläche jeder Zeile, sie ist etwas, das einem langsam und zermürbend unter die Haut kriecht wie die beißende Kälte auf dem winterlichen Wachturm. Und warum ausgerechnet ihm, Asil, dieser Ziya des Nachts begegnet, und ob er wirklich ein Geist ist oder etwas ganz anderes, das löst Günday am Ende so hintersinnig wie gewitzt auf, dass dieser Roman auf einen Schlag zu großer Literatur wird, zu Weltliteratur.

Exotismen auf dem Cover

Was zum Schluss und völlig unabhängig vom Roman und dem Wunsch, es mögen weitere auf Deutsch folgen, noch angemerkt sein soll: Das Cover. Es gibt seit Jahren einen Trend in deutschen Publikumsverlagen, den Büchern völlig beliebige, austauschbare Cover zu verpassen. Handelt es sich um ein Buch eines türkischen Autors (oder auch ein Buch aus einem anderen islamisch geprägten Land) ist es, nicht immer, aber doch deutlich zu oft, eine Moschee, die den Umschlag "ziert“. Der BtB-Verlag hat das schon bei Gündays Roman "Extrem“ (2016) so gemacht, bei Burhan Sönmez' "Istanbul Istanbul“ (2017) und er macht es 2023 wieder bei einem neuen Buch von Şebnem İşigüzel. Auch Krimiautor Ahmet Ümit blieb davon nicht verschont.

Das ist, als würde jedes Cover einer in der Türkei erscheinenden Übersetzung deutscher Bücher eine Kirche zeigen. Diese Mischung aus Exotismen und Orientalismen ist nicht mehr zeitgemäß und tut weder Buch noch Autor einen Gefallen – und wie man regelmäßig bei Veranstaltungen hört, ist auch das Publikum längst ziemlich genervt von diesen unpassenden Plattheiten. Man darf den Wunsch äußern, dass die Verlage diesbezüglich endlich im 21. Jahrhundert ankommen. Vielleicht wäre es ja eine Option, die gerade bei Günday sehr sehenswerten Originalcover zu übernehmen – die tatsächlich etwas mit den Inhalten seiner Bücher zu tun haben.

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2022

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