Aylal versucht in seinem Buch, die Hadithe neu zu definieren, indem er betont, dass die islamische Lehre auf dem beruhen sollte, was Allah gesagt hat, und nicht darauf, was der Prophet gesagt hat. Es bezieht sich hier konkret auf Verse des Korans: "Dies sind die Zeichen Allahs; wir verkünden sie dir in Wahrheit. An welche Zeichen wollen sie denn glauben, nachdem sie Allahs Zeichen ablehnten?"

Und: "Allah - es gibt keine Gottheit außer Ihm. Er wird euch ganz gewiss zum Tag der Auferstehung versammeln, an dem es keinen Zweifel gibt. Und wer ist wahrhaftiger als Allah in der Aussage?"

Der Schriftsteller betont, dass der Sahīh al-Bukhārī als das zuverlässigste Hadithbuch gilt und sich auf Erzähler aus sechs verschiedenen Generationen stützt. Scheich Muslim kannte die meisten davon nicht. Angenommen, er war ehrlich, wie konnte er die Glaubwürdigkeit der anderen fünf Erzähler überprüfen, die er ja nie persönlich getroffen hat, fragt sich Aylal.

Warum Al-Bukhārī?

Nach eigenen Angaben forscht Aylal zu Al-Bukhārī, weil ihm daran gelegen ist, "das religiöse Erbe zu hinterfragen, das wir von unseren Eltern und Großeltern übernommen haben".

Marokkos salafistische Anführer Hassan Kettani (l.), Omar Hadouchi und Abou Hafs; Foto: DW
Der engstirnige Blick: Nach Ansicht des Autors Rachid Aylal betrachten die Salafisten die Sunna nicht als detaillierte Auslegung des Korans, sondern als doktrinäre Quelle, die wichtiger sei als das heilige Buch der Muslime. Theoretisch gesehen sei sie die zweite Quelle für die Scharia nach dem Koran, doch praktisch diene sie den Salafisten als wichtigste Quelle der Scharia, während der Koran lediglich als komplementäres Werk wahrgenommen werde.

Er glaubt, dass der Sahīh al-Bukhārī das Ergebnis von Mythen und Träumen ist, denen Al-Bukhārī seit seiner Kindheit verhaftet war. Al-Bukhārī verlor sein Augenlicht wohl schon in jungen Jahren. Seiner Mutter soll im Traum Stammvater Abraham erschienen sein, der ihr sagte: "Zum Dank für dein Weinen und Beten hat Allah deinem Sohn sein Augenlicht zurückgegeben". 

Nach Ansicht Aylals ist Al-Bukhārīs Biographie weitgehend von seinem sakralen Status und von seinem Buch inspiriert. So zitiert Aylal einige Hadithe, die er für Fälschungen hält - darunter einen, der besagt, der Prophet habe versucht, Selbstmord zu begehen.

Hierzu verweist er auf einen anderen Hadith aus der Überlieferung von Abū Huraira, einem Gefährten des Propheten Mohammed, wonach der Prophet seine Anhänger beschimpfte. Der zitierte Hadith lautet:  "O Allah, mein Gott, möge es keinen Gläubigen, den ich beschimpft habe, am Tage der Auferstehung geben, ohne dass dies ihn Dir näher bringen möge."

Das Buch erklärt auch, dass im Gegensatz zu dem, was Allah dem Propheten laut Sure 93 (Ad-Duhā) sagte: "Und Er fand dich in Not und machte dich reich", ein von Aisha (eine der zehn Frauen Mohammeds) überlieferter und von Al-Bukhārī zitierter Hadith lautet: "Als der Gesandte Allahs starb, war sein Harnisch bei einem Juden verwahrt, als Pfand für dreißig Maß Gerste".

"Wir müssen um unsere fragilen Freiheiten bangen"

Die Künstlerin Khadija Tanana ist über das Verbot des Buchs erschüttert, zumal es sich an die Zensur ihrer eigenen Arbeiten zu "Kama Sutra" anschloss. "Alles, was in Marokko geschieht, ist auf die Düsterheit zurückzuführen, die das Ergebnis einer strengen Erziehung auf der Basis fehlerhafter religiöser Überzeugungen ist", sagt sie. "Wir erleben einen regelrechten Rückschlag und müssen um unsere fragilen Freiheiten bangen, die von der politischen Führung bekämpft werden.

Auszüge aus "Kama Sutra" der Künstlerin Khadija Tanana; Foto: www.ansamed.info
Kama Sutra in den Händen der Fatima auf dem Index der Zensoren: Vor einiger Zeit wurden auch Bilder der Künstlerin Khadija Tanana aus dem "Tetouan Centre of Modern Art" entfernt – ein Vorgehen, das unter marokkanischen Intellektuellen große Empörung auslöste. "Kama Sutra" umfasst illustrierte Sexualstellungen.

"Laut Tanana ist der Begriff der "spirituellen Sicherheit" eine Erfindung der marokkanischen Regierung aus Furcht vor Islamisten. "Wie kann sich eine Gesellschaft entwickeln, wenn Münder geknebelt und Hände gefesselt werden?", fragt sie.

Der marokkanische Schriftsteller und Intellektuelle Bouzid El-Ghali äußert sich ähnlich: "Es ist merkwürdig, dass ein solches Verbot von einer Regierung verhängt wird, der Minister angehören, die einst an der Spitze der Freiheitsverfechter standen, so beispielsweise der Minister für Menschenrechte … Heute sind sie repressiver als diejenigen, die sie einst in die Flucht geschlagen haben ... Meinungsfreiheit lässt sich nicht erreichen, indem man Bücher verbietet – ungeachtet ihres Inhalts."

Der Schriftsteller und Romanautor Shakib Arig glaubt allerdings, dass der Staat dem Schriftsteller mit dem Verbot sogar einen Dienst erweist. Er selbst sieht dies nicht als Rückschlag. "Man hätte Marokko als intellektuelle Führungsmacht der arabischen Welt sehen können, wenn die wahhabitischen Sektierer die Kulturszene nicht durcheinander gebracht hätten."

Die marokkanische Menschenrechtsvereinigung missbilligte das Verbot des Buchs, da es Marokko in die Zeit der Inquisition zurückversetze. Der Menschenrechtsaktivist Tarek Saoud glaubt, das Verbot habe die Tabus verstärkt und freie Schriftsteller und Denker weiter eingeschränkt. Er kritisierte zudem den Staat, weil dieser den Bedrohungen nicht nachgehe, denen Aylal ausgesetzt ist.

Auch der Menschenrechtsaktivist Rachid Antid verweist darauf, dass Bücher, die den Terrorismus befürworten, in allen Buchhandlungen ausliegen – darunter einige von Ibn Taimīya, dem geistigen Vater des modernen Islamismus. "Der Kampf gegen die Aufklärung wird auch von Staatsbediensteten und nicht allein von extremistischen Organisationen und Parteien geführt", sagte er.

Safaa Shibli

© Raseef 22

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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Leserkommentare zum Artikel: Marokko im Bann der "spirituellen Sicherheit"

Warum diese Konzentration darauf, nur die Verbreitung der auf Papier gedruckten Ausgabe des Buches „Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī – Das Ende einer Legende“ zu verhindern? Das Buch ist im Netz als pdf-Datei herunterladbar zu finden, und ich selbst habe es gelesen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es weitgehend nicht das hält, was es verspricht, und diese große Aufregung eigentlich nicht wert ist. Tatsache ist jedoch, daß die Muslime im Laufe der Jahrhunderte Imām Buḫārī eine Heiligkeit gegeben haben, die ihm nicht zusteht, und seiner Ṣaḥīḥ-Sammlung einen Rang zugeschrieben, den sie nicht verdient. So finden wir, daß der im 17. Jh. lebende marokkan. Herrscher Mulay Ismail eine Spezialtruppe von Soldaten südlich der Sahara hatte, die die „Buchārier“ genannt wurden, weil sie ihren Treueid auf ein Exemplar des Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī abgelegt hatten anstatt auf den Koran.
Es mag zwar zutreffen, was Rachid Aylal im ersten Teil seines Buches schreibt, nämlich, daß die die Person des Imām Buḫārī betreffenden Überlieferungen überwiegend maßlose Übertreibungen darstellen, wie z. B., daß er 600.000 Ḥadīṯe auswendig gelernt hatte, die er alle überprüfte, um davon ca. 7.500 für seine Ṣaḥīḥ-Sammlung auszuwählen, wozu – laut Aylal – seine gesamte Lebenszeit nicht ausgereicht hätte, da er zudem noch weite Reisen unternahm und Unterricht erteilte. Weder von Buḫārī selbst, noch von seinen angeblich 90.000 Schülern ist ein einziges originales Exemplar des Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī erhalten, ja nicht einmal von einem Schüler seiner Schüler.
Aylals für seine These wesentliche Behauptung, Buḫārī sei vor Vollendung seines Ṣaḥīḥ gestorben, und einige seiner Schüler hätten die in seinem Exemplar befindlichen Lücken mit von ihnen selbst willkürlich ausgewählten Ḥadīṯen gefüllt, bleibt jedoch unbewiesen. Wohlweislich erwähnt er mit keinem Wort die Ṣaḥīḥ-Sammlung von Buḫārīs Schüler Muslim, den „Ṣaḥīḥ-Muslim“, noch die Tatsache, daß beide ca. 1.900 Ḥadīṯe übereinstimmend gemeinsam haben, denn das würde seiner Theorie großen Abbruch tun, und dann müßte er auch noch nachweisen, daß der Ṣaḥīḥ-Muslim genauso unglaubwürdig ist wie der Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī.
Rachid Aylal erwähnt, daß keine der uns erhaltenen Handschriften von Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī mit einer anderen genau identisch ist und führt dazu auch Belege an, unterläßt es jedoch, darauf hinzuweisen, daß diese Unterschiede minimal und den Ḥadīṯ-Gelehrten bekannt sind. Ein jordanischer Ḥadīṯ-Spezialist meinte auf die Frage, was wäre, wenn wir den Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī nicht hätten, daß nahezu alle darin vorhandenen Ḥadīṯe – wenn z. T. vielleicht auch nur in Varianten – auch in anderen Ḥadīṯ-Sammlungen vorliegen.
Dr. Muḥammad Saʿīd Ḥawwạ̄ schreibt: „Die Vorstellung, daß die Umma Buḫārīs und Muslims Ṣaḥīḥ-Sammlungen mit großer Zustimmung angenommen hat, ist mit der Vorstellung vermischt worden, daß sie die authentischsten Bücher nach dem Qurʾān sind. Sodann ist diese Vorstellung allgemein verbreitet worden, um zu der Vorstellung zu werden, daß alles in den beiden Ṣaḥīḥ-Sammlungen vollkommen einwandfrei (ṣaḥīḥ) sei.
Wie wir festgestellt haben, haben die nachprüfenden Gelehrten diese Meinung nicht uneingeschränkt übernommen, und trotz der Formulierung, daß die beiden Ṣaḥīḥ-Sammlungen die authentischsten Bücher sind, wird von allen diesen Gelehrten, wie an-Nawawī, al-ʿIzz ibn ʿAbd as-Salām, al-ʿIrāqī und Ibn Taimiyya überliefert, daß einige Ḥadīṯe in den Ṣaḥīḥ-Sammlungen Gegenstand der Kritik, des Studiums und der Prüfung gewesen sind.“ [Methodik zum Umgang mit der Sunna des Propheten]

A.F.B.16.09.2019 | 19:21 Uhr