Auch betonte Ayal: "Es gibt Leute, die versuchen, die Freiheit in Marokko zu unterdrücken. Doch das wird nicht funktionieren. Denn Marokko hat seinen Weg vor langer Zeit gewählt und da gibt es kein Zurück.... vor allem nicht dank der Verfassung von 2011, die als der entscheidende Sieg der Marokkaner gilt."

Unterdrückung oder "spirituelle Sicherheit"?

Für den Politologen Marwan bin Fares stellt "spirituelle Sicherheit" keinen wissenschaftlichen Begriff dar, sondern eine Vorstellung, die den religiösen und politischen Interessen des Staates dient. "Die Definition von 'spiritueller Sicherheit' in Marokko ist zweideutig", so Marwan bin Fares. "Der Begriff wird im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung in Abgrenzung zu religiösen Minderheiten wie Schiiten, Kharidschiten und Christen verwendet. "Außerdem wird er von Institutionen wie dem Ministerium für Stiftungen und islamische Angelegenheiten, der 'Mohammadia League of Scholars' sowie offiziellen Institutionen benutzt, die dem Staat nahe stehen und die Gedanken und Ansichten der Behörden übernehmen."

Indes glaubt der berbische Schriftsteller Ahmed Assid, dass sich "spirituelle Sicherheit" nicht auf die Sicherheit aller Marokkaner bezieht, sondern nur auf einige von ihnen: die sunnitischen Muslime.

Anfang des Ṣaḥīḥ al-Buchārī in der Ausgabe Bulaq (1893–94) mit Randvermerken von Al-Yunini; Foto: wikipedia
„Das größte Unrecht besteht darin, dass diese Hadithsammlung den Muslimen das Buch Allahs nimmt und es durch eine Doktrin und ein Nachschlagewerk für Glauben und Anbetung ersetzt“, so Aylal. "Letztendlich gelangen wir so zu einer anderen Religion, die auf einer Hadithsammlung beruht und abgesehen von Formalismen nichts mehr mit dem Koran zu tun hat."

Der sunnitische Islam sei die offizielle Staatsreligion, die durch den Begriff der geistigen Sicherheit geschützt werde, während man gleichzeitig andere muslimische Glaubensrichtungen sowie andere Religionen und Ethnien verfolgt. Assid zufolge verstößt dies gegen die Glaubensfreiheit, unter anderem auch gegen die von der Verfassung garantierten Freiheiten.

"Mythologische Legenden"

In der Einleitung des 283 Seiten starken Buches, das beim Verlagshaus "Dar Al-Watan" erschienen ist, werden viele aus dem Sahīh al-Bukhārī zitierte Legenden und Geschichten als "mythologisch" bezeichnet, da sie noch nicht einmal von den frommen Altvorderen einhellig gestützt wurden.

Das Buch besteht aus fünf Kapiteln, die sich u. a. mit Fragestellungen zu kontroversen Themen auseinandersetzen. "Mein Buch behandelt das religiöse Erbe und den wahren Stellenwert von Al-Bukhārī", erklärt Aylal. "Der Prophet hat die Dokumentation der Hadithe durch die Erzählung von Al-Darimi, dem Scheich von Al-Bukhārī, verboten. Der Prophet sagte: "Schreibe nichts über mich, außer dem, was im Koran steht, und wer etwas über mich geschrieben hat, soll es auslöschen". Sogar Umar bin Khattab verbrannte eine Schreibtafel, die dem heiligen Propheten zugeschriebene Sprüche trug."

"Warum erschien die Dokumentation der Sunna erst etwa 100 Jahre nach dem Tod des Propheten, Friede sei mit ihm, obwohl diese in der Scharia angeblich so wichtig ist, wie salafistische Scheichs und andere behaupten?", so Aylal.

Die Salafisten betrachten seiner Einschätzung nach die Sunna nicht als detaillierte Auslegung des Korans, sondern als doktrinäre Quelle, die wichtiger sei als das heilige Buch der Muslime. Theoretisch gesehen sei sie die zweite Quelle für die Scharia nach dem Koran, doch praktisch diene sie den Salafisten als wichtigste Quelle der Scharia, während der Koran lediglich als komplementäres Werk wahrgenommen werde.

"Haben wir es unmittelbar mit den Worten des Propheten zu tun oder mit den Auslegungen Dritter zu dem, was der Prophet sagte?", so Ayal. Der Schriftsteller kann sich nur wundern und verweist darauf, dass die mentalen und intellektuellen Fähigkeiten jedes Erzählers unterschiedlich waren.

Nichts mehr mit dem Koran zu tun

"Das größte Unrecht besteht darin, dass diese Hadithsammlung den Muslimen das Buch Allahs nimmt und es durch eine Doktrin und ein Nachschlagewerk für Glauben und Anbetung ersetzt", so Aylal. "Letztendlich gelangen wir so zu einer anderen Religion, die auf einer Hadithsammlung beruht und abgesehen von Formalismen nichts mehr mit dem Koran zu tun hat."

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Leserkommentare zum Artikel: Marokko im Bann der "spirituellen Sicherheit"

Warum diese Konzentration darauf, nur die Verbreitung der auf Papier gedruckten Ausgabe des Buches „Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī – Das Ende einer Legende“ zu verhindern? Das Buch ist im Netz als pdf-Datei herunterladbar zu finden, und ich selbst habe es gelesen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es weitgehend nicht das hält, was es verspricht, und diese große Aufregung eigentlich nicht wert ist. Tatsache ist jedoch, daß die Muslime im Laufe der Jahrhunderte Imām Buḫārī eine Heiligkeit gegeben haben, die ihm nicht zusteht, und seiner Ṣaḥīḥ-Sammlung einen Rang zugeschrieben, den sie nicht verdient. So finden wir, daß der im 17. Jh. lebende marokkan. Herrscher Mulay Ismail eine Spezialtruppe von Soldaten südlich der Sahara hatte, die die „Buchārier“ genannt wurden, weil sie ihren Treueid auf ein Exemplar des Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī abgelegt hatten anstatt auf den Koran.
Es mag zwar zutreffen, was Rachid Aylal im ersten Teil seines Buches schreibt, nämlich, daß die die Person des Imām Buḫārī betreffenden Überlieferungen überwiegend maßlose Übertreibungen darstellen, wie z. B., daß er 600.000 Ḥadīṯe auswendig gelernt hatte, die er alle überprüfte, um davon ca. 7.500 für seine Ṣaḥīḥ-Sammlung auszuwählen, wozu – laut Aylal – seine gesamte Lebenszeit nicht ausgereicht hätte, da er zudem noch weite Reisen unternahm und Unterricht erteilte. Weder von Buḫārī selbst, noch von seinen angeblich 90.000 Schülern ist ein einziges originales Exemplar des Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī erhalten, ja nicht einmal von einem Schüler seiner Schüler.
Aylals für seine These wesentliche Behauptung, Buḫārī sei vor Vollendung seines Ṣaḥīḥ gestorben, und einige seiner Schüler hätten die in seinem Exemplar befindlichen Lücken mit von ihnen selbst willkürlich ausgewählten Ḥadīṯen gefüllt, bleibt jedoch unbewiesen. Wohlweislich erwähnt er mit keinem Wort die Ṣaḥīḥ-Sammlung von Buḫārīs Schüler Muslim, den „Ṣaḥīḥ-Muslim“, noch die Tatsache, daß beide ca. 1.900 Ḥadīṯe übereinstimmend gemeinsam haben, denn das würde seiner Theorie großen Abbruch tun, und dann müßte er auch noch nachweisen, daß der Ṣaḥīḥ-Muslim genauso unglaubwürdig ist wie der Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī.
Rachid Aylal erwähnt, daß keine der uns erhaltenen Handschriften von Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī mit einer anderen genau identisch ist und führt dazu auch Belege an, unterläßt es jedoch, darauf hinzuweisen, daß diese Unterschiede minimal und den Ḥadīṯ-Gelehrten bekannt sind. Ein jordanischer Ḥadīṯ-Spezialist meinte auf die Frage, was wäre, wenn wir den Ṣaḥīḥ-al-Buḫārī nicht hätten, daß nahezu alle darin vorhandenen Ḥadīṯe – wenn z. T. vielleicht auch nur in Varianten – auch in anderen Ḥadīṯ-Sammlungen vorliegen.
Dr. Muḥammad Saʿīd Ḥawwạ̄ schreibt: „Die Vorstellung, daß die Umma Buḫārīs und Muslims Ṣaḥīḥ-Sammlungen mit großer Zustimmung angenommen hat, ist mit der Vorstellung vermischt worden, daß sie die authentischsten Bücher nach dem Qurʾān sind. Sodann ist diese Vorstellung allgemein verbreitet worden, um zu der Vorstellung zu werden, daß alles in den beiden Ṣaḥīḥ-Sammlungen vollkommen einwandfrei (ṣaḥīḥ) sei.
Wie wir festgestellt haben, haben die nachprüfenden Gelehrten diese Meinung nicht uneingeschränkt übernommen, und trotz der Formulierung, daß die beiden Ṣaḥīḥ-Sammlungen die authentischsten Bücher sind, wird von allen diesen Gelehrten, wie an-Nawawī, al-ʿIzz ibn ʿAbd as-Salām, al-ʿIrāqī und Ibn Taimiyya überliefert, daß einige Ḥadīṯe in den Ṣaḥīḥ-Sammlungen Gegenstand der Kritik, des Studiums und der Prüfung gewesen sind.“ [Methodik zum Umgang mit der Sunna des Propheten]

A.F.B.16.09.2019 | 19:21 Uhr