Der Philosoph der Kommunikation verweigert den Dialog

Der Philosoph Jürgen Habermas sollte in Abu Dhabi einen großen arabischen Preis bekommen, lehnte ihn nach kritischen Stimmen jedoch wieder ab. Das torpediert die arabischen Bemühungen um einen inhaltlich fundierten kulturellen Dialog und entlarvt die moralische Überheblichkeit des Westens, meint Stefan Weidner in seinem Kommentar.

Essay von Stefan Weidner

Neuerdings herrscht Aufbuchstimmung am Golf: Saudi-Arabien spricht mit dem Erzfeind Iran, die Golfstaaten beenden die Isolation des widerspenstigen Emirats von Qatar. Einige von ihnen haben sogar Frieden mit Israel geschlossen, oft gegen den Widerstand der eigenen Bevölkerung.

Dem allgemeinen politischen Tauwetter sollte jetzt ein kulturelles Sahnehäubchen aufgesetzt werden: Der mit über 225.000 Euro dotierte Hauptpreis des Sheikh Zayed Book Award, alljährlich auf der Buchmesse in Abu Dhabi verliehen, ist dem 91jährigen Jürgen Habermas zuerkannt worden — dem Altmeister der deutschen Gegenwartsphilosophie und letzten großen Vertreter der „Kritischen Theorie“ in der Tradition von Horkheimer und Adorno.

Fast könnte man denken, die gescheiterten arabischen Revolutionen des Jahres 2011 sollten nun, zehn Jahre später, als behutsamer Reformprozesse von denselben Mächten neu in Gang gesetzt werden, die zehn Jahre zuvor alles taten, um die Revolution abzuwürgen.

Das Vorbild dafür könnte Bismarck sein, der einst die Sozialdemokratie unterdrückte, um dann wichtige Teile ihres Programms selbst zu verwirklichen. So oder so markierten die Proteste auf den „Maidans“, den öffentlichen Plätzen von Kiew bis Kairo, für viele Beobachter den von Habermas konstatierten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ — endlich auch außerhalb der westlichen Zentren.

Philosophie-Star bei den Revolutionären

Habermas ist in der arabischen Welt - übrigens auch in Iran - also kein Unbekannter. Zahlreiche seiner Bücher sind übersetzt, die jungen, revolutionären arabischen Intellektuellen haben sich um Interviewtermine mit ihm gerissen, sein Name und grundlegende Ideen sind allen Gebildeten ein Begriff: Etwa die Idee des kommunikativen Handels anstelle roher Machtpolitik; oder die Legitimation von Institutionen und Verfahren durch den rationalen Diskurs.

Habermas vertritt Werte und Ideen einer kritisch erneuerten Aufklärung, die im Zeitalter des Internets und der medialen Polarisierung zwar zunehmend gefährdet sind, gerade im Westen; die aber in der arabischen Welt bis heute ihren Glanz bewahrt haben. Sogar von absolutistisch regierenden Autokraten werden sie propagiert: Sei es um die theokratischen Machansprüche des politischen Islams abzuwehren. Oder um einen gemeinsamen Nenner und eine gemeinsame Sprache mit der politischen Kultur Europas und der USA zu finden.

 

@suhrkamp versendet folgende Mitteilung von Jürgen Habermas: „Ich habe meine Bereitschaft erklärt, den diesjährigen Sheikh Zayed Book Award anzunehmen. Das war eine falsche Entscheidung, die ich hiermit korrigiere. Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in ...

— Knut Cordsen (@CordsenKnut) May 2, 2021

 

Sinnvolle Zusammenarbeit

Ökonomisch bestehen solche Gemeinsamkeiten ohnedies: Die Frankfurter Buchmesse arbeitet seit vielen Jahren mit der in Abu Dhabi zusammen. Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Messe, ist Mitglied im „Wissenschaftlichen Komitee“ des Sheikh Zayed Book Award.

Die mit der Messe verknüpfte Litprom-Gesellschaft, die außereuropäische Literaturen fördert, darunter viele arabische Bücher, erhält ebenfalls Mittel aus Abu Dhabi. Eine solche Förderung ist nicht ehrenrührig. Deutschland, Frankreich oder Israel finanzieren ebenfalls die Vermittlung ihrer Literaturen im Ausland. Kritische, progressive Bücher kommen dabei keineswegs zu kurz. Der Zayed-Preis in der Literaturkategorie ging dieses Jahr an die Ägypterin Iman Mirsal, deren schonungslose feministische Gedichte berüchtigt sind.

Preise auch für Deutsche

Jürgen Habermas ist zudem nicht der erste Deutsche, der einen der vielen Zayed-Preise zuerkannt bekommen hat: 2018 zählte Dag Nikolaus Hasse, Professor für Philosophiegeschichte in Würzburg, zu den Glücklichen. Er erhielt den Preis in der Kategorie „Arabische Kultur in anderen Sprachen“ für sein Buch über die Rezeption arabischer Philosophie in der Renaissance. Ich selbst war 2020 mit meiner Literaturgeschichte „1001 Buch“ auf der Shortlist.

Auch der Arabisch-Übersetzer Hartmut Fähndrich und zahlreiche andere Europäer und Amerikaner haben am Golf hoch dotierte Preise erhalten, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte. Warum also jetzt?

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Messe, ist Mitglied im „Wissenschaftlichen Komitee“ des Sheikh Zayed Book Award. (Foto: Michael Debets/Picture-allinace/Pacific Press).
Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Messe, ist Mitglied im „Wissenschaftlichen Komitee“ des „Sheikh Zayed Book Award“. „Zwar akzeptiere ich natürlich Herrn Habermas‘ Entscheidung. Die Verleihung dieses Preises an ihn wäre jedoch ein Anlass gewesen, sein bedeutendes Werk und seine Positionen im arabischen Kulturraum noch bekannter zu machen und damit die Auseinandersetzung der arabischen Gesellschaft mit seinem Werk zu fördern“, so der Boos.

Kulturelle Aneignung?

Der Grund lautet, dass Habermas eine Symbolfigur für das westliche Selbstverständnis ist. Dass er die kritische deutsche Philosophie regelrecht verkörpert. Wenn sich die Araber durch den Preis nun ihrerseits auf Habermas berufen, wird das hierzulande von vielen als unrechtmäßige kulturelle Aneignung („cultural appropriation“) empfunden. Die arabische Welt will sich das Denken der Aufklärung und der kritischen Theorie zu eigen machen. Kann sie das überhaupt, hat sie ein Recht dazu?

Es sind Fragen der kulturellen Hegemonie, die hier verhandelt werden: Wer darf in wessen Namen sprechen? Die Unterstellung lautet, dass Habermas doch nur für Propaganda missbraucht werde.

Diese Gefahr hätte freilich bestanden. Aber wirbt nicht jeder Stifter eines Preises immer auch für sich selbst? Machen wir uns nichts vor: Die meisten Preise werden genau deswegen verliehen. Gerade dieser Preis für Habermas wäre jedoch mehr gewesen. Fortan hätte unsere Diplomatie die emiratische Politik an den Maßstäben unseres besten Philosophen messen dürfen. Allerdings sind es Maßstäbe, denen auch die westlichen Gesellschaften kaum je genügen.

Cancel Culture trifft German Angst

Offenbar muss auch Habermas eine solche Chance gesehen haben, sonst hätte er den Preis Anfang April nicht angenommen. Es ist wenig glaubhaft, dass es einen Artikel im Spiegel brauchte, um ihn über die problematischen Aspekte der Politik am Golf aufzuklären. Wenige Stunden, nachdem der Text mit dem Titel „Jürgen Habermas und die emiratische Propaganda“ auf Spiegel online publiziert war, zog Habermas zurück. Was auch immer die Motive von Habermas gewesen sind: Er hat dem kulturellen Dialog, für den er stets eintrat und 2002 sogar in den Iran ging, einen Bärendienst erwiesen. Statt Widerspruch zu leisten, erliegt Habermas in vorauseilendem Gehorsam der Cancel Culture. German Angst nennt man es auf Englisch, wenn einer nicht für sich einstehen will.

Der Autor und Islamwissenschaftler Stefan Weidner in Istanbul 2020. (Foto: Viktor Burgi).
Die „Causa Habermas“ ist ein Lehrstück für die moralische Überheblichkeit des Westens: „Die Kultur soll ein moralischer geläuterter Bezirk sein, während Macht und Geschäftsinteressen sich gehen lassen dürfen. Diese Doppelmoral ist das Markenzeichen westlicher Politik“, schreibt Stefan Weidner.

Doppelmoral hier wie dort

Es ist gut und sinnvoll, die aggressive Außenpolitik und repressive Innenpolitik der Emirate zu kritisieren. Zugleich ist es selbstgerecht und naiv, nicht zwischen kulturpolitischen und machtpolitischen Akteuren und Anliegen zu unterscheiden. Die westlichen Staaten, Deutschland allen voran, agieren diesbezüglich ebenso janusköpfig wie die Golfstaaten: Während zum Beispiel die progressiven arabischen Aktivisten, Künstler und Intellektuellen von unseren Goethe-Instituten unterstützt werden, fädeln Politik und Wirtschaft fragwürdige Geschäfte und unmenschliche Flüchtlingsabkommen mit denselben Regimen ein, welche die geförderten Aktivisten unterdrücken, zum Beispiel mit Ägypten.

Die Kultur soll ein moralischer geläuterter Bezirk sein, während Macht und Geschäftsinteressen sich gehen lassen dürfen. Diese Doppelmoral ist das Markenzeichen westlicher Politik, seit im Gefolge des Kolonialismus Missionare in die Welt entsandt wurden, um eine christliche Moral zu predigen, die von den Kolonialherren dann mit Füßen getreten wurde. Heute sind die Mechanismen dieser Doppelmoral subtiler geworden, aber sie funktionieren ähnlich. Nur dass sie inzwischen auch von den ehemals kolonisierten Staaten kopiert werden.

Die Causa Habermas ist ein Lehrstück für die moralische Überheblichkeit des Westens. Und für die Unmöglichkeit, dass Araber und Muslime es diesem Westen je recht machen können. Die ganze Fussballwelt lässt sich ohne vernehmliche Kritik von Qatar einkaufen. Aber nicht einmal der Friedensschluss mit Israel soll Abu Dhabi dazu qualifizieren, einem Jürgen Habermas einen Preis zu geben? Was wollen wir denn noch?

Stefan Weidner

© Qantara.de 2021

Stefan Weidner ist Autor und Islamwissenschaftler. Zuletzt erschien: „Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart.“ Hanser Verlag (2021). Mit „1001 Buch. Die Literaturen des Orients“ (Edition Converso 2019) war er auf der Shortlist des Sheikh Zayed Book Awards 2020.

 

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