GTZ-Projekt im Jemen

Stammeskrieger als Touristenführer

Im jemenitischen Marib werden mit deutschem Entwicklungshilfegeld Angehörige einst verfeindeter Clans zu Führern für archäologische Stätten ausgebildet. Das Engagement der Söhne hilft die Konflikte der Väter zu überwinden. Von Susanne Sporrer

Im jemenitischen Marib werden mit deutschem Entwicklungshilfegeld Angehörige einst verfeindeter Clans zu Führern für archäologische Stätten ausgebildet. Das gemeinsame Engagement der Söhne hilft die Konflikte der Väter zu überwinden. Von Susanne Sporrer

Im Unterricht haben die Kalaschnikows nichts zu suchen. Ein Schüler nach dem anderen betritt das hellgelb getünchte Klassenzimmer, und noch bevor sie den Lehrer begrüßen, nehmen sie ihre Waffe von der Schulter und stellen sie in die Ecke neben dem Fenster. Nur der typisch jemenitische Krummdolch bleibt um den Bauch geschnallt.

Englischstunde in Marib, jenem Stammesgebiet im Jemen, das wegen der Entführung europäischer Touristen immer mal wieder in die Schlagzeilen gerät. "Vergangenheitsform regelmäßiger und unregelmäßiger Verben" kündigt der irische Lehrer Richard Boggs das Thema der Lektion an.

Und jene Männer, die eben noch als schwer bewaffnete Stammeskrieger den Raum betraten, werden zu aufmerksamen Schülern, die sich redlich bemühen, die richtige Konjugation zu finden.

Der Englischunterricht ist die letzte Phase eines Projekts, in dem Stammesangehörige mit deutschen Entwicklungshilfegeldern zu Touristenführern für die archäologischen Stätten ihrer Heimat ausgebildet werden. "Konfliktbearbeitung durch Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung" heißt das Programm der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Die Idee: Durch Ausbildung Bewusstsein für das eigene Kulturerbe schaffen und so jungen Leuten die Chance eröffnen, mit Tourismus Geld zu verdienen.

"Arabia Felix"

Marib, drei Autostunden östlich der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, war die Metropole der Sabäer, jener Hochkultur, die vor knapp drei Jahrtausenden den Weihrauchhandel durch die Wüste kontrollierte.

Die Bibel und der Koran erzählen von einer weisen Königin, die Saba regierte. Prunk und Reichtum dieses Volkes waren legendär, die Römer nannten das sabäische Reich neidvoll "Arabia Felix", glückliches Arabien.

Heute beherrschen rivalisierende Stämme Marib, die sich immer wieder blutige Fehden um Land und Macht liefern. Vom einstigen Glück und Wohlstand ist nichts mehr geblieben.

"Dabei bieten die antiken Stätten hier ein unglaubliches Potenzial, das bisher aber nicht genutzt wird", sagt der Archäologe Holger Hitgen, einer der Initiatoren des Projekts.

Bislang begleiten schlecht informierte Führer aus anderen Landesteilen die Touristen durch die Ausgrabungen in Marib; das Geld verdienen Reiseagenturen aus dem Ausland oder der Hauptstadt, die Menschen vor Ort gehen leer aus.

Ausbildung zum Fremdenführer

Wie Abdallah al-Goaibi. Der Bauernhof seiner Familie liegt in der Nähe der Ruinen von Alt-Marib, wo unter meterhohem Schutt die antike Metropole begraben liegt. Der 31-Jährige kennt sich mit dem Anbau von Orangen und Tomaten aus - über die Sabäer, ihre prachtvollen Säulen-Tempel und raffinierten Dammanlagen, die internationale Archäologen über Jahrzehnte erforscht und freigelegt haben, wusste er bis vor kurzem wenig.

Dann wählte ihn der Gouverneur zusammen mit elf anderen jungen Männern aus den wichtigsten Stämmen Maribs für die Ausbildung zum Fremdenführer aus. Abdallah vom Stamm der Aqil fand sich zum Unterricht in sabäischer Geschichte plötzlich an einem Tisch mit Angehörigen zum Teil verfeindeter Clans wieder.

"Drei Teilnehmer konnten erst miteinander reden, nachdem sie sich mit der rechten Hand über die Stirn gefahren sind", erinnert sich der Kursteilnehmer Said al-Jusfi. Mit dieser Geste können Stammeskrieger einen schwelenden Konflikt zumindest vorübergehend ausblenden.

Archäologie war ein Unterrichtsthema. "Viel schwieriger war es zu vermitteln, wie man mit Ausländern umgeht", erinnert sich Archäologe Hitgen. "Für die Maribis sind Ausländer auch etwas ganz Exotisches, genauso wie für die Touristen die Jemeniten etwas Exotisches sind."

Ein Beduinenzelt als Hotel

Viele Fragen mussten geklärt werden: Wie begegnet man Touristinnen in engen T-Shirts, wenn man ansonsten die eigene Nachbarin nur bis auf die Augen verschleiert zu Gesicht bekommt?

Illegaler Waffenladen in Marib; Foto: dpa
Außer Waffen gibt es in dem illegalen Waffenladen in Marib nichts zu kaufen

​​Wohin mit der Kalaschnikow während der Führung? Wie die Neugier europäischer Studienreisender nach Stammesleben und Religion befriedigen?

"Es ist eine Ehre für mich, Fremden mein Land zu zeigen", sagt Abdallah al-Goaibi – auch wenn einige in seinem Clan immer noch schlecht über die Touristen denken. Abdallah aber will es nicht bei der Ehre belassen, er will mit dem Tourismus Geld verdienen.

"Ein Hotel wie ein Beduinenzelt in der Wüste" würde er gerne bauen, irgendwann später. Fürs Erste hat er zusammen mit anderen Kursteilnehmern – über alle Stammesgrenzen hinweg – den Verband der "Söhne Maribs" gegründet. So konnten sie die drei größten jemenitischen Reiseveranstalter dafür gewinnen, ihre Touristengruppen von den Stammesleuten führen zu lassen.

Viel zu tun haben die "Söhne Maribs" derzeit aber nicht. Seit zum Jahreswechsel 2005/2006 zum ersten Mal seit vier Jahren in Marib und der Provinz Schabwa Stammesleute im Streit mit der Regierung wieder Urlauber entführt haben, ist das Geschäft eingebrochen.

Doch langfristig könnten Initiativen wie die der Stammessöhne auch zur Sicherheit der Touristen beitragen, sagt Hitgen. "Je mehr Leute verstehen, dass man mit Tourismus Geld verdienen kann, und je mehr das auch tun, desto stärker wird die Lobby gegen Entführungen."

Susanne Sporrer

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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