Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime

Mission der Geläuterten

Der Zentralrat der Ex-Muslime versteht sich als Plattform für all diejenigen, die ihren islamischen Glauben offiziell aufgeben. Die Initiatoren wollen aber angeblich auch für bestimmte gesellschaftliche Tabuthemen sensibilisieren. Von Abdul-Ahmad Rashid

Der neu gegründete Zentralrat der Ex-Muslime versteht sich als Plattform für all diejenigen, die ihren islamischen Glauben offiziell aufgeben. Die Initiatoren wollen aber angeblich auch für bestimmte gesellschaftliche Tabuthemen sensibilisieren. Einzelheiten von Abdul-Ahmad Rashid

Gründungsmitglieder des Zentralrats der Ex-Muslime; Foto: &copy ZdE
Im Zentrum des Interesses bei den Medien: der neu gegründete Zentralrat der Ex-Muslime

​​Auf der Pressekonferenz im Bundespresseamt in Berlin am 28. Februar haben sich die Mitglieder des Zentralrats der Ex-Muslime erstmals öffentlich zu ihren Motiven und Zielen geäußert. Die Journalistin Arzu Toker, Gründungsmitglied des Vereins, unterstrich ihren schon vor vielen Jahren gefassten Beschluss, den Islam als Glauben aufzugeben:

"Ich erkläre mich aufgrund der Menschenrechtskonventionen, aufgrund des Grundgesetzes, aufgrund des europäischen Parlaments und deren Beschlüsse hiermit vom Islam ausgetreten. Auch wenn die Religion behauptet, dass ich es nicht darf, erkläre ich hiermit öffentlich, ich trete vom Islam aus."

Dass Arzu Toker dies in einer offiziellen Erklärung tat, war ihr ein großes Bedürfnis. Denn zu lange schon hätten die Menschen in Deutschland, aber auch in Europa zu den schweren Menschenrechtsverletzungen, die im Namen des Islam begangen würden, geschwiegen.

Gesellschaft für Tabuthemen sensibilisieren

Die Pressekonferenz wurde von strengen Sicherheitsbestimmungen begleitet, da einige Mitglieder der Organisation seit Gründung Ende Januar dieses Jahres in Köln Morddrohungen erhalten hatten und seitdem unter Polizeischutz stehen. So auch die in Köln lebende Iranerin und Rechtsanwältin Mina Ahadi. Sie ist die Gründerin und Vorsitzende des neuen Zentralrats.

Der Name des Vereins wurde bewusst gewählt, in Anspielung auf den schon seit vielen Jahren existierenden Zentralrat der Muslime in Deutschland. Die Gründer erhoffen sich so, laut Ahadi, ein größeres Echo in der deutschen Gesellschaft:

Mina Ahadi; Foto: &copy ZdE
Mina Ahadi ist Gründerin und Vorsitzende des neuen Zentralrats

​​"Wir haben einen provokativen Namen gewählt, weil sich bis jetzt keiner für uns interessiert hat", berichtet Mina Ahadi. "Wir haben immer wieder entweder über islamische Organisationen oder über Kopftuch tragende Frauen oder über die Regierung mit dieser Multi-Kulti-Geschichte gehört. Keiner hat auf uns geschaut."

Mina Ahadi, die ebenfalls ihren islamischen Glauben vor vielen Jahren aufgegeben hat, möchte dabei mit ihren Mitstreitern den Finger in eine offene Wunde legen und Tabuthemen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland anprangern. Bislang seien diese verschwiegen oder schön geredet worden.

Mangel an Repräsentativität

Besonders die islamischen Dachverbände in Deutschland sind die Zielscheibe der Kritik der neuen Organisation. Denn sie seien vor allem Schuld an den katastrophalen Verhältnissen, unter denen viele Muslime in Deutschland litten.

Und somit hält die 50-jährige Juristin, die sich bereits im Iran gegen das streng-islamische Regime der Mullahs engagiert hat, die Zeit der islamischen Verbände in Deutschland für abgelaufen – denn diese könnten zwar für sich selbst reden, nicht aber für dreieinhalb Millionen Muslime, so Ahadi.

Kommentar zur Gründung des Zentralrates der Ex-Muslime
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Die Mehrheit dieser Muslime hätte den Bezug zu ihrer Religion im Laufe der Jahre ohnehin verloren, meint die Journalistin Arzu Toker, die auch die stellvertretende Vorsitzende des neuen Zentralrats der Ex-Muslime ist. Sie beanspruchte daher für diesen Verein die Vertretung der Mehrheit der Muslime in Deutschland:

"Der Islam ist nicht organisiert oder institutionalisiert, wie die Kirchen. Da es Männer gibt, die Organisationen gründen und sich aufspielen, Millionen Migranten zu vertreten und im Namen aller Muslime zu sprechen, ist es konsequent, wenn wir diese Organisation gründen."

Innere Reformprozesse anstoßen

Dabei geht es den etwa 120 Mitgliedern des neuen Vereins vor allem darum, bestehende Tabus anzusprechen und aufzubrechen. Ihr Ziel sei die "Aufklärung innerhalb der islamischen Welt", so die Initiatoren.

Ein Impuls von außen könnte tatsächlich sehr hilfreich sein, so Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der religionskritischen "Giordano-Bruno"-Stiftung, die den neuen Zentralrat berät. Der promovierte Pädagoge bemühte dazu auch historische Vorbilder, wie das Christentum:

"Auch das europäische Christentum konnte nur dank einer aufklärerischen Doppelstrategie gezähmt werden. Es bedurfte schon der deutlichen Absage an die Religion von außen, damit die innerkirchlichen Reformkräfte die Chance hatten, sich überhaupt durchsetzen zu können."

Pointiert formuliert wäre ohne Nietzsche, Feuerbach, Marx, ohne Sigmund Freud, Bertrand Russell oder Karl-Heinz Deschner ein Hans Küng oder ein Drewermann nicht möglich gewesen, so Michael Schmidt-Salomon.

Zum Abschluss der knapp zweistündigen Veranstaltung bekräftigte Mina Ahadi jedoch auch, dass es dem Zentralrat der Ex-Muslime nicht darum gehe, den Islam als Religion abzuschaffen. Man bemühe sich vielmehr um ein friedliches und tolerantes Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland.

Abdul-Ahmad Rashid

© Qantara.de 2007

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