Graphic Novels über das Leben von Flüchtlingen

Über die Grenze – und dann?

Die Graphic Novel "Grenzübergang", erschienen auf Arabisch und Englisch im ägyptischen Sefsefa-Verlag, vermittelt eindrücklich, welche Auswirkungen Grenzen auf das Leben von Menschen auf der Flucht haben. Von Islam Anwar

In den vier "Grenzübergang"-Graphic Novels sind mehrere Hauptcharaktere verschiedener Nationalitäten an unterschiedlichen Orten angesiedelt, doch ihr Leid und Elend vereint die Helden, sowie ihre Suche nach einem leichteren und sichereren Leben in der Fremde.

In der ersten Geschichte des Sammelbands "Kawergosk…5 Sterne ", erzählt der deutsche Comickünstler Reinhard Kleist von seinem Besuch in dem syrischen Flüchtlingscamp im Nordirak im Jahr 2013. Kleist beschreibt das Leben der Menschen in Kawergosk bis ins kleinste Detail: Das Ausmaß ihres Leidens, wie sie dem sicheren Tod entkommen sind. In einem Flüchtlingscamp zu leben bedeutet, man wohnt in einem Zelt, umgeben von hunderten weiterer Zelte, die alle jederzeit Feuer fangen können. Die Gemeinschaftstoiletten sind weit vom eigenen Zelt entfernt. Man muss viele Meter zurücklegen, und bei Regen verwandelt sich der Weg in eine Schlammrinne.

Ausschnitt aus der Graphic Novel "Grenzübergang"; Foto: Dar Sefsefa
Leben in Ungewissheit und Angst: Die Graphic Novel "Grenzübergang" schildert den Alltag von Geflüchteten in improvisierten und ärmlichen Camps. Oft fehlt es ihnen an menschenwürdigen Unterkünften, sanitären Einrichtungen, ausreichender medizinischer Versorgung sowie Bildungsangeboten.

"Kawergosk…5 Sterne " erzählt zwei Geschichten: Einerseits von der Flucht einer syrischen Familie aus ihrer Heimat im Nordirak. Farhad, der älteste Sohn, dokumentiert ihre Reise mit seiner Handykamera, stets im Ungewissen darüber, ob sie je nach Hause zurückkehren werden. Zum anderen erfährt der Leser, wie in einer Reportage, von den Erfahrungen Reinhard Kleists: Während seines Aufenthalts im Flüchtlingscamp leitete er einen Zeichenworkshop für Kinder, viele Zeichnungen zeigten das Camp und den Zaun, der es umgibt, doch einige Kinder zeichneten Morde, die sie miterlebt hatten. Auch die Geschichten der Erwachsenen hörte sich der Autor an - Geschichten über Flucht, Ängste, das frühere Leben und die aktuelle Situation.

"Leben wie ein Flüchtling"

"Im Finnischen gibt es ein gemeines Wort, das sinngemäß 'leben wie ein Flüchtling' bedeutet. Es wird von Leuten benutzt, die meinen, dass Krieg oder Verfolgung die einzig gültigen Ursachen für Migration sind, als ob Armut, Hunger und Verzweiflung nur irgendwelche Ausreden seien." Mit diesen Worten beginnt der finnische Künstler Ville Tietäväinen seine Geschichte "Unsichtbare Hände…Europa aus der Perspektive eines illegalen Einwanderers", in dem er die Verfolgung, Ausgrenzung und Ausbeutung zeigt, die Flüchtlinge in Westeuropa erleben.

Gemeinsam mit dem Anthropologen Marko Juntunen reiste Tietäväinen nach Marokko und Spanien, wo sie Rashid, einen der Hauptcharaktere der Graphic Novel, persönlich kennenlernten: Um seine Familie zu versorgen, begibt sich der Marokkaner Rashid auf die "Harraga", die illegale Einreise in die Europäische Union. Er ist nur einer von vielen, die am Ende ihrer Reise erkennen müssen, wie der psychologische und physische Druck, der auf illegalen Einwanderern lastet, sie zu einfachen Opfern organisierter Kriminalität macht.

Tietäväinen beschreibt, wie viele Flüchtlinge in Folge der Schrecken, die sie auf ihrer Reise durchlebt haben, und der permanenten Angst vor Abschiebung, unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden. Zu den Symptomen gehören Alpträume, Übelkeit, Kopfschmerzen, Halluzinationen oder Panikattacken. Und oft ziehen sich die Betroffenen aufgrund dessen aus der Gesellschaft zurück, verstecken sich jahrelang, manchmal ein Leben lang.

Ausschnitt aus der Graphic Novel "Grenzübergang"; Foto: Dar Sefsefa
Reise in den Untergang: "Ich staunte, dass all diese Leute auf diesem kleinen Boot reisen", heißt es in der Graphic Novel "Grenzübergang". Doch mein Vater lachte nur und sagte: "Sicher nicht, du Dummkopf. Es gibt mehrere kleine Boote, die uns zu dem großen Boot bringen, mit dem wir dann nach Italien fahren werden."

Am Beispiel Spaniens, das 1991 Visabeschränkungen für Marokkaner einführte, zeigt Tietäväinen auf, wie die europäischen Regierungen durch ihre verfehlte Migrationspolitik die Krise der illegalen Einwanderung sogar noch befeuert haben. Bis dato waren Saisonarbeiter legal eingereist und nach einigen Monaten wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Dies änderte sich mit Einführung der neuer, restriktiver Einreisebestimmungen. Daraufhin verbreitete sich der Menschenhandel rund um Gibraltar, und marokkanische Arbeiter, die nun illegal nach Spanien einreisten, blieben fortan im Lande. 

Die Grenze des Bootes

Die Geschichte "Die Grenze des Bootes" erzählt von einem der tragischsten Unfälle des Jahres 2016, bei dem Dutzende Menschen während des Versuchs, illegal von Ägypten nach Italien überzusetzen, im Mittelmeer ertranken.

Im Zentrum der Geschichte steht eine ägyptische Familie und ihr Traum: Mutter, Vater und Sohn wollen nach Italien auszuwandern, doch die von Schmugglern organisierte Reise wird schließlich zum Alptraum: Zunächst müssen sie sich auf einer Hühnerfarm verstecken, dann werden sie in einem geschlossenen, übelriechenden LKW transportiert bis sie das Boot erreichen, welches sie nach Italien bringen soll.

Es ist ein kleines Boot und es legt ab mit hunderten von Menschen an Bord - Kinder, Jugendliche und Frauen. Diese Anzahl überschreitet die Kapazitätsgrenze des Bootes, sodass es sinkt und beinahe alle Flüchtlinge, die an Bord waren, ertrinken.

Islam Anwar

© Goethe Institut 2017

Übersetzt aus dem Arabischen von Antonia Brouwers

Die Graphic Novel "Grenzübergang", herausgegeben vom Kairoer Sefsefa-Verlag mit Unterstützung des Goethe-Instituts, erschien im Rahmen der dritten Ägyptischen Comicwoche. An dem Buch haben zahlreiche ägyptische und europäische Künstler mitgewirkt: Totus Ackermann und Reinhard Kleist (Deutschland), Ville Tietäväinen (Finnland), Julia Marti und Barbara Muli (Schweiz) und Mohamed Wahba (Ägypten).

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