''Gott hat auch weibliche Eigenschaften''

Die Theologin Halima Krausen spricht über islamische Frauengeschichte und die Möglichkeit einer frauenzentrierten islamischen Theologie.

Die Theologin Halima Krausen informiert in einem Interview mit Mona Naggar über islamische Frauengeschichte und die Möglichkeit einer frauenzentrierten islamischen Theologie.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie die herrschende islamische Interpretation in Frage stellen?

Foto: Halima Krausen
Halima Krausen

​​Halima Krausen: Mit Mitte 20 habe ich einen Artikel über feministische Theologie in der katholischen Kirche gelesen. Darin wurde das Gottesbild thematisiert. Das hat mir einige Sachen bewusst gemacht. Im Islam weiß man wohl, dass man sich von Gott kein Bild machen darf, schon gar kein geschlechtsbezogenes.

Aber unter dem Strich kommt dann doch ein bisschen etwas Einseitiges heraus. Das wird deutlich, wenn man sich mit den sogenannten traditionellen Haupteigenschaften Gottes beschäftigt. Die ergeben ein Bild, das männlich verstanden werden könnte: Da ist Wille, da ist Macht, da ist Wissen, da ist Barmherzigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit. Nun kann man darüber streiten, was davon männlich ist oder weiblich. Für mich ist Wissen durchaus eine weibliche Eigenschaft, und Weisheit erst recht. Barmherzigkeit nicht unbedingt. Wenn man die Eigenschaften so mit einem Geschlecht verbunden sieht, dann hat man schon ein bestimmtes Bild im Kopf. Auch wenn man es nicht wahrhaben will.

Der Artikel hat Ihnen auch den Anstoß gegeben, sich mit Frauenbiographien zu beschäftigen?

Krausen: Ja, ich habe mich nämlich gefragt: Was weiß ich eigentlich von Frauen aus der islamischen Geschichte? Antwort: Gar nichts. Da war Khadija und Aischa, vielleicht noch Fatima, und das war´s schon. Ich habe dann angefangen, Literatur zu suchen. Und je tiefer man in die arabischen Quellen einsteigt, um so mehr Frauenbiographien findet man. Und auch ganz tolle Frauen. Es hat mich ziemlich wütend gemacht, dass diese Informationen nicht auf Deutsch, Englisch oder Französisch zugänglich sind - so dass man annimmt, so etwas habe es nicht gegeben. Das gilt auch für Muslime.

Wie könnte eine frauenzentrierte islamische Theologie aussehen?

Krausen: Zunächst müssen sich Frauen mit den Texten auseinandersetzen: mit dem Koran, mit den Überlieferungstexten. Dann würden sie zum Teil ganz andere Sachen herauslesen, als das, was gängig ist. Dazu braucht man allerdings sehr viel historisches und sprachliches Hintergrundwissen.

Gut ausgebildete muslimische Theologen kennen die meisten dieser Ansätze. Von denen kriege ich manchmal auch Schützenhilfe und moralische Unterstützung - das muss ich einfach sagen. Denn es ist eine Sache von Interessen und Halbwissen, wenn man chauvinistische islamische Theologie betreibt. Aber gerade die herrschte über Jahrhunderte vor, und heute können sich die meisten gläubigen Muslime nicht mehr vorstellen, dass bestimmte Koranstellen in Bezug auf Frauen ganz anders gelesen werden könnten.

Interview: Mona Naggar

© Qantara.de 2003

Halima Krausen ist islamische Theologin, Mitglied und Dozentin der Initiative für islamische Studien in Hamburg.

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